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Jeder kennt James Camerons "Titanic". Aber die wenigsten kennen das direkte Vorbild, welches eine viel dramatischere Geschichte in sich birgt, als die von Jack und Rose!

Im Jahre 1943 stand Nazideutschland im Krieg mit England. Um die deutsche Stimmung gegen die Briten anzuheizen, unterstützte das Propagandaministerium den Dreh zu "Titanic", den bis dahin teuersten deutschen Film.

Diese Version des Untergangs verfälscht für ihre hetzerische Story natürlich bewusst historische Fakten.
Aus Rekordgeilheit und Profitgier wird der Kapitän der Titanic genötigt, das Schiff volle Fahrt laufen zu lassen, um bei der Ankunft in New York die finanziell am Boden liegende Reederei White Star Line durch eine Auszeichnung retten zu können. Lediglich der Erste Offizier Petersen (ein Deutscher, den es in Wahrheit nicht gab) versucht, die Fahrt des Schiffes zu verlangsamen. Mit ihm gibt es ein paar weitere Deutsche an Bord der Titanic, die durch Heldenmut glänzen, während die kapitalistischen Engländer allesamt nur Kohle in der Birne haben und die Jungfernfahrt zur Fahrt ins Verderben machen ...

Für den antibritischen Inhalt kann man die Filmcrew natürlich nicht verantwortlich machen. Damals gab es keine künstlerische Freiheit. Unter diesem Aspekt würde das Gezeigte sicherlich sonst von mir deutliche Minuspunkte erhalten.
Aber Regisseur Herbert Selpin wollte wohl selbst nicht so, wie es verlangt wurde und er geriet zunehmend mit dem Propagandaministerium aneinander. Angeblich äußerste er sich zudem abfällig gegenüber der Wehrmacht. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte rund um diesen - nicht nur angesichts der Schiffskatastrophe - tragischen Film. Selpin wurde noch vor der Fertigstellung des Films auf Befehl vom Reichspropagandaminister Goebbels verhaftet und tags darauf tot in seiner Zelle aufgefunden. Spekulationen über eine Ermordung Selpins halten sich noch heute aufrecht.

Der zweite, fast noch tragischere Aspekt ist der Drehort für diesen Film: Das Passagierschiff Cap Arcona. Auf diesem starben gerade einmal zwei Jahre später mehrere tausend evakuierte KZ-Häftlinge während eines alliierten Bombenangriffs vor Lübeck.
Somit hat diese "Titanic" mehr Menschenleben gefordert, als das historische Original.

Zurück zum eigentlichen Drama; jener Schicksalsnacht im Jahre 1912.
Man sieht dem Film an, dass er eine ganze Stange Geld gekostet haben muss. Besonders bei den Effekten wurde nicht gekleckert. Selbstverständlich kann man nicht erwarten, dass ein solch alter Streifen mit seiner Hollywood-Konkurrenz von 1997 mithalten kann. Dennoch sind die Tricks mehr als nur beachtlich!
Auch die Inszenierung ist sehr sauber und spannend geraten. Herbert Selpin hat - genau wie Cameron - viele telegene Schicksale in die Katastrophe eingewoben.
Was viele nicht wissen: Cameron muss wohl ein Fan unserer deutschen Titanic gewesen sein. Denn sein Drehbuch strotzt nur so von Ähnlichkeiten, die keineswegs nur Zufall sein können:
- keine britsche Person wird als heldenhaft darsgestellt
- die Juwelenklau-Geschichte gab es auch schon hier
- auch eine junge Frau soll aus Geldgeilheit ihrer Eltern mit einem reichen, unsympathischen Schnösel verheiratet werden (genauso, wie es Kate Winslet in ihrer Rolle als zugedacht war)
- einer der Helden wird (wie DiCaprio als Jack) kurz vor dem Sinken der Titanic in eine Kabine eingeschlossen.
Zusätzlich gleichen sich einige Szenenkompositionen und Kameraeinstellungen in beiden Werken.

Diese frühe "Titanic" ist keineswegs frei von Klischees. Die Propaganda-Story stößt heute sauer auf. Dennoch ist Herbert Selpins Verfilmung spannender als das Oscar-überhäufte Hollywood-"Meisterwerk". Es gibt keinen unnötigen Liebesschnulzen-Ballast und auch keine Laufzeit von drei Stunden. Die temporeiche Inszenierung handelt die Tragödie in knappen 85 Minuten ab und verfügt trotzdem über genügend dramatische Schicksalsmomente für einen unterhaltsamen DVD-Abend.
Besonders taurig sind und bleiben natürlich die Hintergründe zu diesem Klassiker ... 8/10 Punkten.

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