Nachdem der Sternentreck mittels zweier Raumschiffe namens Enterprise in unbekannte und bekannte Regionen des Alls geschickt worden war, besannen sich die „Star Trek“-Macher auf ein anderes Western-Motiv: das der Wagenburg. Wie im Wilden Westen Neu-Siedler bei längeren Pausen ihre Wagen in einen Kreis stellten, um sich besser gegen Angriffe verteidigen zu können, wird einige Jahrhunderte später von der Sternenflotte eine runde Raumstation in einer feindlichen und unbekannten Umgebung übernommen, die den Territorialanspruch der Föderation sicherstellen soll. Nicht nur, dass die Raumstation unmittelbar beim Planeten Bajor liegt, der sich gerade aus jahrzehntelanger Knechtschaft von den Cardassianern gelöst hat und langsam in die Föderation gelotst werden soll. Nein, es gibt –rein zufällig gerade eben entdeckt– direkt nebenan ein Wurmloch, das den Weg in den bislang unerforschten Gamma-Quadranten entscheidend abkürzt. Die Grenze zu Cardassia ist auch nicht weit, sodass in diesem Dreieck eine wie immer charakterlich und ethnisch politisch korrekt durchmischte Crew alle Hände voll zu tun hat, den Überblick und den Frieden zu bewahren.
Das geht qualitativ in der 1. Staffel voll in die Hose. Es ist zwar eine gute Idee, den Commander der Station als wichtige religiöse Figur bei dem Volk der Bajoraner einzuführen, doch wird diese Idee bisweilen zäh wie Kaugummi durchgekaut. Wie man eine ähnliche Idee um Klassen besser bewerkstelligt, zeigt der Serienkonkurrent „Babylon 5“. Auch geht es immer wieder um langweilige Besucher aus dem Gamma-Quadranten und um die Kriegsschuld der Cardassianer. Manchmal will man da voll zu den bösen Cardassianern halten, weil die Bajoraner keine Mühe scheuen, sich als uninteressantes und unsympathisches Bauernvolk zu präsentieren. Meiner Meinung nach ist die 1. Season DS 9 die schlechteste Staffel aller „Star-Trek“-Serien überhaupt. Mit einer Ausnahme: Die Folge „Der undurchschaubare Marritza“ (Originaltitel: „Duet“) zeigt die Klasse, die „Star Trek“ ausmachen kann. Eine positive Botschaft mit einem tragischen Charakter ohne das übliche Happy End. Für mich ein absolutes Glanzlicht von DS 9 und eine der besten „Star Trek“-Episoden überhaupt.
Noch etwas, was DS 9 stark von den „Enterprises“ unterscheidet und bereits in der 1. Staffel Lust auf mehr macht: Außerirdischen Charakteren außerhalb der eigentlichen Crew wird wesentlich mehr Platz als sonst eingeräumt; es gibt ganze Folgen, in denen Menschen kaum eine Rolle spielen. Auf DS 9 sind da vor allem der Ferengi Quark samt seiner Sippschaft, die für einige Lacher sorgen, sowie der suspekte Cardassianer Garak, hervorragend gespielt von Andrew Robinson („Hellraiser“). Und Jeffrey „Re-Animator“ Combs spielt sogar nicht nur eine Alien-Rolle... Willkommene Gegenpole zu Commander Sisko, der des öfteren den Eindruck macht, als sei er falsch in die Kulisse abgestellt worden, sowie den anderen menschlichen Charakteren, die hier noch recht blass bleiben.
Auch die Macher erkannten, dass das so nicht weitergehen konnte. Nicht dass die Fans gleich gänzlich Abstand zu DS 9 halten und nach Ende der „Next Generation“ ausschließlich zum wieder Treck-ähnlichen Konzept der „Voyager“ überlaufen würden! Es musste mehr Handlung und mehr Pep rein. Während der schon besseren 2. Staffel fällt in einigen Folgen, die um den Gamma-Quadranten kreisen, ein Begriff, der ab der 3. Staffel zum Hauptthema und Schreckgespenst von DS 9 wird: das Dominion. Ein Imperium ganz neuer Art, das aus dem Gamma- in den Alpha-Quadranten drängt und alle bisherigen Macht-Konstellationen gekonnt und zur Freude des Zuschauers ordentlich aufmischt – bis hin zum entscheidenden Krieg zum Finale der Serie.
In der wieder etwas besseren 3. Staffel bekommt DS 9 unter der Gefahr des nahenden Dominion endlich ein einigermaßen vernünftiges Raumschiff. Und mit der 4. Staffel geht’s dann richtig los -das will uns auch gleich der endlich etwas flottere Vorspann demonstrieren (der jedoch immer noch komatös gegenüber der „Next Generation“-Hymne wirkt)-, und DS 9 wird zur sehr guten Science-Fiction-Serie: Nicht nur dass Commander Worf von der Enterprise auf die Station versetzt wird, nein, auch die anderen Charaktere gewinnen mehr Profil – allen voran der inzwischen beförderte Captain Sisko, der jetzt mit Glatze, Bart und lockerem Auftreten einen richtig coolen und nicht mehr leicht weinerlichen Eindruck macht. Von nun an treiben sich auf DS 9 und in der Umgebung zusätzlich noch Klingonen, Romulaner, sogar Breen herum. Und das Dominion ist angekommen. Fast jede Folge ist für die große Story von Belang, in jeder Folge kann etwas Entscheidendes passieren. Kommt jemandem das sehr bekannt vor? Richtig – „Babylon 5“ hat dieses Konzept bereits erfolgreich (und immer noch besser) vorexerziert.
Die einzige Schwäche von DS 9 ab der 4. Season ist, dass in einigen Folgen die große Handlung und in vergangenen Staffeln begonnene Fäden nicht weitergesponnen werden, sondern irgendwas Irrelevantes, Abstruses oder schlicht Dämliches passiert. Zum Beispiel die plötzliche Entdeckung, dass Dr. Bashir als Kind genetisch verbessert worden ist, was leider in nicht nur einer Folge breit gesülzt wird. Oder der nervtötende Holo-Sänger, der in viel zu vielen Folgen herumschnulzt und den Crewmitgliedern ernsthaft Ratschläge erteilt – und diese hören auch noch zu!!! Sehr schön (bzw. am Anfang mit Grauen) zu sehen ist das in der abschließenden 7. Staffel. 10 Folgen lang passiert fast gar nichts außer solch bekloppten Sachen (u.a. will in einer dieser Lowlight-Episoden Quarks Neffe ernsthaft wegen einer schweren Kriegsverletzung für immer ins Holo-Casino ziehen), die keinen interessieren oder sogar schwer nerven. Die letzten 10 Folgen jedoch sind dann „Star Trek“ auf höchstem Niveau: Das große Finale des Kriegs und der Serie ist einfach atemberaubend umgesetzt. Nur die allerletzte Folge ist etwas zu rührselig, entschädigt aber wiederum mit einem so nicht erwarteten Ende, das nicht nur rundum happy ist...
Zusammengefasst: DS 9 wäre eine tolle Science-Fiction-Serie, wenn da nicht die langen Anlaufschwierigkeiten und die häufigen Tiefpunkte der letzten 4 Staffeln wären. Diese kann man aber -den Propheten sei Dank- aussparen. 7 von 10 Punkten.