"This is the story of Bella, who woke up one morning and realized she'd had enough."
Es läuft nicht so richtig rund für Bella (entwaffnend, zerrissen und intensiv: Lia Williams). Erst muß die attraktive, sympathische Frau um die Dreißig auf die harte Tour lernen, daß ihr Freund sie mit einer Jüngeren betrügt, weshalb sie von London nach Brighton zieht, in ein kleines billiges Appartement in der Nähe der Wohnung ihrer Freundin Marion (Miriam Kelly). Dann stellt sich heraus, daß ihr neuer Nachbar gegenüber, Tim (Rufus Sewell), ein Creep sondergleichen ist, der sie mit obszönen Telefonanrufen terrorisiert und ihr droht, sie zu bestrafen, sollte sie ihm nicht zu Willen sein. Der kontaktierte Polizist faßt die ungute Situation als Lappalie auf, an der sie sowieso selbst schuld ist, und fällt in ihrer eigenen Wohnung beinahe über sie her, und auch im Job ist der Wurm drin, seit sie den Wünschen ihrer Chefin höflich aber bestimmt eine Absage erteilt hat. Als Tims "Spiel" immer perfider wird, sucht sie Rat beim dubiosen iranischen Guru Nimrod (Ian Richardson), der ihr - nachdem er sie erst garstig beschimpft und wütend gemacht hat - ein Springmesser in die Hand drückt und ihr sagt, daß sie entweder Opfer oder Täter sein kann. Bella entscheidet sich für letzteres, schleicht sich mit einem Zimmermannshammer bewaffnet in Tims Wohnung und schafft das Problem mit einigen Schlägen ein für alle Mal aus der Welt. Ab jetzt läßt sich Bella nichts mehr gefallen, schon gar nicht von Männern.
"I thought I could live a life without pain.
It was a flaw in my character, a weakness.
I thought if you didn't hurt other people they wouldn't hurt you.
I thought you could be gentle in the jungle.
I knew nothing. I really knew nothing."
Ganze drei Mal hat der Brite Michael Winner (30.10.1935 – 21.01.2013) den von Charles Bronson gespielten Architekten Paul Kersey rotsehen lassen. In Death Wish (Ein Mann sieht rot, 1974), Death Wish II (Der Mann ohne Gnade, 1982) und Death Wish 3 (Death Wish 3 - Der Rächer von New York, 1985) übte Kersey gnadenlos Selbstjustiz, um seine Frau, seine Tochter und seinen Freund zu rächen. Und mit jedem neuen Rachefeldzug entfernte sich Winner weiter von der Realität, nahm das Gemetzel immer absurdere Auswüchse an. Sieben Jahre nach dem irrwitzigen Spektakel namens Death Wish 3 durfte nun eine Frau unter seiner Regie das Gesetz in die eigenen, zarten Hände nehmen. Winners neue Racheorgie basiert auf dem kontroversen, 1991 erschienenen Roman Dirty Weekend (Schmutziges Wochenende) der britischen Autorin Helen Zahavi, die auch am Drehbuch mitschrieb. Die Geschichte ist überaus simpel strukturiert und einfach gestrickt. Auf die unscheinbare, harmlose Bella wird so lange und so hartnäckig eingepickt, bis ihre Schutzschale schließlich zerspringt, das im Zaum gehaltene Monster darunter hervorbricht und mit dem Gesindel, das sie drangsaliert oder eventuell drangsalieren könnte, aufräumt. Dabei macht sie keine halben Sachen. Wer ihren Weg kreuzt und sich unschön benimmt, der bekommt die gesalzene Rechnung sofort präsentiert.
"I want to tell you something, and I want you to listen. I'm going to kill you, Norman. It's going to be unpleasant for both of us and we have to be strong. You're going to die because... you're unlucky. Because the rules have changed and no one let you know. You hit me, Norman. You shouldn't hit a lady. Now you're going to pay for the pain you gave me. And for all the pain you've ever given. Don't think you're the only one. You're not the first. And you won't be the last."
Winner und Zahavi manipulieren den Zuschauer recht plump, damit der sich auf Bellas Seite schlägt. Die arme Frau macht wirklich einiges mit, die ganze Welt (mit Ausnahme ihrer Freundin und deren Ehemann) scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Bis zu dem Morgen, an dem sie aufwacht und realisiert, daß sie die Faxen dicke hat, ist sie das geborene Opfer, das ausgenutzt, herumgeschubst und betrogen wird, das alles in sich hineinfrißt, ohne irgendwas davon auch wieder rauszulassen. Kein Wunder, daß sie eines Tages "explodiert", zumal die Männer, denen sie begegnet, ein selten widerwärtiges und gewalttätiges Pack sind. Im besten Falle sind Frauen für diese Bastarde Gebrauchsgegenstände, die man nach Belieben benutzt und im Anschluß wieder wegwirft, im schlimmsten Falle sind es perverse Sadisten, die ihre Opfer genüßlich quälen, bevor sie sie abschlachten. Klar, daß man da Bella fest die Daumen drückt. Daß Winner Bellas feministischen Amoklauf nicht bierernst, sondern mit einem gewissen Augenzwinkern zelebriert, sieht man unter anderem im Abspann, wo die Credits nach Kategorien wie "The Ladies", "Bella's Victims" und "The Men That Got Away" unterteilt sind. Dirty Weekend ist einerseits ironisch überspitzt und recht campy, andererseits jedoch überaus garstig und mitunter richtig schmierig.
"Beautiful hammer, hammer for me,
Hammer the people, I don't want to see."
Bei der "erotischen" Szene mit dem extrem fetten Norman (Michael Cule), der sich auch noch lüstern auf seine Speckwülste klatscht, bevor er sich über Bella hermacht, weiß man nicht recht, ob man lachen oder wegschauen soll, und die orale Vergewaltigung Bellas durch einen psychopathischen Zahnarzt (David McCallum), die mit dem berüchtigten Moment endet, in welchem Bella einen Mundvoll Ejakulat auf den Boden spuckt, ist ziemlich unangenehm geraten. Der oft zensierte Hammermord hinterläßt ebenfalls Eindruck ("This is jolly, isn't it?"), umso mehr, da Bella kurz darauf ausgelassen durch die Küche tanzt und einen "Hammersong" trällert. Subtil ist an Dirty Weekend kaum etwas. Die Message, daß Männer - wie Die Ärzte schon sangen - Schweine sind, und daß die Frauen endlich aufbegehren und die Drecksäcke vom Antlitz der Erde tilgen sollen, wird dem Publikum mit dem Vorschlaghammer eingebläut. Aber gerade weil uns dieses radikale Emanzen-Credo so deftig und überzogen um die Ohren geklatscht wird, funktioniert der Streifen bestens als bitterböses, schwarzhumoriges Rachemärchen, wobei - im Gegensatz zu den Death Wish-Filmen - Bella bereits mit dem Morden beginnt, bevor es überhaupt zu einer physischen Gewalttat gekommen ist. Daß Winner und Zahavi unserer Antiheldin auch noch zahlreiche geschliffene, sardonische, pointierte und staubtrockene Dialoge in den Mund gelegt haben, macht diese offen mit dem Genre des Exploitationfilms kokettierende Rachephantasie noch wesentlich kurzweiliger und unterhaltsamer. Sogar für uns Männer.