Review

Nach Neil Marshalls Genrebeiträgen „Dog Soldiers“ und „The Descent“, Edgar Wrights „Shaun of the dead“ und Michael J. Bassetts „Wilderness“ hat es mit „Severance“ erneut ein innovativer englischer Horrorfilm in unsere Lichtspielhäuser geschafft.

Es scheint fast so, als könnten sich englische Regisseure, durch ihre abgekapselte Insellage und ihr oft steifes upper class Gehabe eher mit psychopatischen Killern, verstörender Einsamkeit und blutrünstigen Zombies identifizieren, als, von der kalifornischen Sonne gebräunte und von diversen Drogen gezeichnete, Hollywoodfilmer.
Folglich kommen (zumindest zurzeit) die innovativsten, atmosphärischsten und skurrilsten Horrorproduktionen eindeutig aus England und nicht aus Tinseltown.

In die Kategorie besonders innovative Idee würde ich auch „Severance“, die neueste Regiearbeit von Christopher Smith („Creep“) einordnen, denn dieser Streifen schafft es die Elemente Komödie, Survivalmovie, Horrorpersiflage, Slasherfilm und hostelartiges Folterszenario in einer noch nie dagewesenen Mischung zu vereinen. Der Film wurde deshalb auch vom deutschen Horrormagazin Virus mit dem Prädikat „beste Grundidee 2006“ versehen.

Als Hauptdarsteller konnten Danny Dyer, bekannt aus “Football Factory” und “Mean Machine” (englische auf Fußball ausgerichtete Version) und Laura Harris, die schon eine Alienköningin im Kultstreifen „Faculty“ und eine verzweifelte Ehefrau in Kiefer Sutherlands Life Action Serie „24“ mimte, gewonnen werden.

Inhaltlich orientierte Smith sich (thematisch bedingt) sehr stark an allen gängigen Teeniehorror- und Slasherklischees:
Eine Gruppe verschiedenster Personen (in diesem Fall Mitarbeiter eines größeren Rüstungskonzerns auf einem Teambildungsseminar) reist in eine abgelegene Hütte (seit neuestem, genauer gesagt seit „Hostel“, muss diese natürlich in einem rückständigen und blutrünstigen Land wie Ungarn oder Rumänien liegen), die sich schnell als Bruchbude herausstellt und ein schreckliches Geheimnis birgt.
Ihr Bus gibt den Geist auf, ihr Fahrer verendet, Warnungen werden ignoriert und ein Killer fühlt sich in dem Haus heimisch und durch die Gruppe in seiner Ruhe gestört.
Lasst das Töten beginnen.

All jene Filmfans die Horrorfilmen und britischen Komödien bzw. Satiren nicht grundsätzlich abgeneigt sind, sich auf Grund dieses simplen Storygerüsts aber um einen Kinobesuch bringen lassen, versäumen einen der attraktivsten Horrorstreifen dieses Frühjahrs.
Was diesen simplen Grundplot nämlich so außergewöhnlich macht sind: der typisch britische Humor, die überspitzt skurrilen Aktionen der eigenwilligen Persönlichkeiten (Unvergessen wird wohl die Szene mit der Wärmelenkrakete bleiben), die schauspielerischen Leistungen absolut aller Beteiligten und die eindeutig augenzwinkernde Persiflage bekannter Horrostereotypen.

Es gibt den Quotenschwarzen, den Schönling, die hübsche Blonde, den Kiffer, das hässliche Entlein und den übereifrigen Speichellecker. Und das sind nur einige Beispiele für die klischeeisierten Individuen auf der Seite der „Guten“ (falls man Leute, die Minen entwickeln und vertreiben, als eben solche bezeichnen kann).
Die Killer wiederum sind dumme, gesprächsarme, hässliche Einheimische, die wegen irgendetwas sauer sind und ihre Wut an potentiellen Schuldigen, mit Hilfe diverser Folter- und Liquidationsmethoden, auslassen.
Die Hütte, in der sich die zukünftigen Opfer verstecken, hat natürlich einen eingebauten Folterkeller und liegt in der Nähe einer ehemaligen Irrenanstalt.
Und die Überlebenden kristallisieren sich (für jeden nur etwas bewanderten Zuseher) schon von Anfang an heraus.
Also alles wie gehabt; nur besser, witziger, blutiger und schwärzer.

Zu Beginn wirkt „Severance“ noch wie eine 0815 Komödie alla „American Pie“, mit dem Unterschied, dass die Ausflügler über die Pubertät, wenigstens Altersmäßig schon hinaus sind, im Mittelteil wird der Streifen dann zum blutigen Horrorfilm, um am Ende schließlich übergangslose zur Slasherpersiflage zu mutieren. Diese Mischung ist so stimmig und flüssig umgesetzt, dass ich nach dem Kinobesuch nur ganz schwer der Versuchung widerstehen konnte den Film sofort in der Abendvorstellung noch einmal zu besuchen.

Die Darsteller machen ihre Sache außerordentlich gut und bieten eine angenehme Abwechslung zum üblichen ich bin unter 24, geil und will bevor ich aufgeschlitzt werde, noch alles flachlegen was nicht bei 3 tot ist Gehabe.
Besonders hervorzuheben ist Danny Dyer als sympathisch dämlicher Kiffer und Pilzevernichter, der seinen Killerinstinkt eindeutig erst finden muss und wohl lieber seinen Joint rauchend und dumme Kommentare schiebend, in einer Ecke sterben würde.
Auch Laura Harris kann als zarte Blondine mit Hang zur Magersucht und ständig spitzen Kommentaren auf den Lippen überzeugen.
Das Besondere an „Severance“ ist aber, dass wirklich alle (Neben-)Darsteller durch die Bank super besetzt sind, sich nicht zu ernst nehmen, aber glaubwürdig (vielleicht etwas überspitzt) ihren jeweiligen Rollen Leben einhauchen.
Somit fühlt und fiebert man als Zuseher mit ihnen und wünscht sich nicht nur, wie bei „Hostel“, dass endlich wieder Einer grausam verendet.

Als Zugabe werden schwarzhumorige Szenen am laufenden Band präsentiert:
In einer Szene behauptet einer der Geschäftsleute beispielsweise, ein Kopf würde nach Entfernung vom Rumpf noch einige Sekunden lang Gedanken fassen und den eigenen kopflosen Körper beim Ausbluten beobachten. Eben dieser Typ verliert etwas später wirklich seinen Kopf und verzieht nach dem Abtrennen, zum Beweis für seine Theorie, den Mund zu einem Lächeln und setzt einen ich wusste es Blick auf.
Des Weiteren strotzen auch die Geschichten rund um das verlassene Haus vor schwarzem Humor; von der Irrenanstalt (eine sehenswerte Hommage an Max Schreck aus Friedrich Murnaus Klassiker „Nosferatu“) bis hin zum Sexheim für alte Millionäre ist jedes Klischee vertreten.

Was ich persönlich nicht ganz als Überspitzung durchgehen lassen kann, sind die dämlichen Killer die es ihren Opfern fast schon zu leicht machen.
Aber wenn ich genauer darüber nachdenke bewegen sie sich so langsam wie Jason Vorhees und verhalten sich so unlogisch wie stereotype Bösewichte, in allen erdenklichen Filmgenres. Also vielleicht kann man sie doch als Karikatur bekannter Killer verstehen.

Die Musik, die auf die jeweiligen Situationen ideal abgestimmt ist und der Schnitt von Stuart Gazzard sind exzellent und runden den Filmgenuss angenehm ab.

Fazit:
„Severance“ hat mich am Ehesten an Horrorkomödien wie „Die Killer Hand“, „Shaun of the dead“ und „Armee der Finsternis“ erinnert, wurde aber augenscheinlich, um einen gewissen Härtegrad zu erreichen, mit einer Prise „The Hills have eyes“ gewürzt.

Seitenhiebe auf Genrekollegen sind ebenso vertreten wie zum Sterben gute Situationskomik, britisch schwarzer Humor, brutale und blutige Szenen, Spannung, sympathische Darsteller, und eine tolle Idee.


Nachsatz:
Mit den beiden Tierhorrorfilmen „Black Sheep“ und „Isolation“ kommen in nächster Zeit wieder zwei UK Horrorfilme der etwas anderen Art auf uns zu.

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