"Das Phantom der Oper" (alternativ: "Dario Argento’s Das Phantom der Oper", nicht zu verwechseln mit Argentos "Terror in der Oper", 1988) ist ein italienisch-ungarischer Horrorfilm aus dem Jahr 1998, der auf Gaston Lerouxs Roman „Das Phantom der Oper“ basiert, jedoch in Bezug auf Inhalt und Personenbeschreibung größere Abweichungen aufweist. Die Titelrolle spielt Julian Sands, Regie führte Dario Argento, der zusammen mit Gerard Brach (Drehbuchautor u.a. von "Tanz der Vampire") das Drehbuch verfasste.
Aufgrund der bereits erwähnten gravierenden Änderungen zur Romanvorlage darf Argentos Interpretation des klassischen Gruselstoffs als eigenwilligste und im Oevre des Regisseurs als erotischste Verfilmung angesehen werden.
Das Werk des italienischen Meisterregisseurs ist opulent ausgestattet und erzeugt durch das barocke Opernhaus mitsamt seinen unterirdischen, labyrinthartigen Katakomben eine stimmungsvolle als auch unheimliche Atmosphäre, wobei jedoch lediglich die langsamen Kamerafahrten und der gemächliche Erzählstil die Handschrift Argentos tragen, der bereits mit "Im Zeichen des Raben" aka "Terror in der Oper" einen Horrorfilm inszenierte, der ansatzweise auf Motiven des Romans von Gaston Leroux basierte.
Eine der signifikantesten Abweichungen zwischen dem Roman und anderen bisherigen Verfilmungen ist, dass das Phantom in diesem Film weder eine Maske trägt noch irgendeine Form von Verunstaltung aufweist. Durch diesen Unterschied beraubt Argento dem Phantom seiner unheimlichen Ausstrahlung und setzt stattdessen vermehrt auf spektakuläre und blutige Effekte, die von seinem bevorzugten Effektekünstler Sergio Stivaletti wieder einmal eindrucksvoll umgesetzt wurden.
Im Gegensatz zu anderen Verfilmungen gehen Argento und sein Co-Autor Brach auf die Anfänge des Phantoms zurück, dass als Kleinkind in einer regnerischen Nacht mit Blitz und Donner von einem jungen Paar in einem Körbchen in der Seine ausgesetzt wurde, dabei von der Strömung in einen Kanal gerissen und von dort aus in ein höhlenartiges Gewölbe unter der Pariser Oper gespült wurde.Viele Jahre später geht in der Oper das Gerücht um, im Haus würde es spuken und ein Phantom mit langem schwarzem Umhang treibe sein Unwesen. Das Kleinkind von damals wurde von den dort lebenden Ratten gerettet und großgezogen und betrachtet den Unterbau der Oper nun als seine Domäne. Jeder, der sich in die labyrinthartigen Gänge verirrt, bezahlt dies mit dem Leben.
Julian Sands in der Rolle des namenlosen Phantoms mit langem Haar und dominant-diabolischer Aura bezeichnet sich selbst einem seiner Opfer gegenüber als Ratte und tötet seine "Beute", in dem er sie zerfleischt. Diese bizarre Idee entstand aber weniger aus dramaturgischen Gründen, als vielmehr um der Rahmenhandlung genug Spielraum für eindrucksvoll inszenierte Tötungen zu verschaffen, wie man sie von Argento gewohnt ist.
Diese "Phantom der Oper"-Verfilmung zählt somit zusammen mit der 1990 entstanden Version von Dwight H. Little (mit Robert Englund) zu den blutigsten Inszenierungen, die von Argento zusätzlich mit einem hohen Anteil an Erotik- und Sexszenen gewürzt wurde.
Inszenatorisch erscheint das Werk höchst anspruchsvoll und künstlerisch wertvoll, auch wenn der Regisseur die Klasse seines Films "Terror in der Oper" nicht ansatzweise erreicht und die eleganten Kamerafahrten und rauschhaften Bildkompositionen vermissen lässt.
Mit einigen überzeichneten Charakteren und Handlungen (wie die des Rattenfängers und seines kleinwüchsigen Gehilfen) überspannt der Regisseur doch den Bogen und läuft Gefahr, unfreiwillig komisch zu wirken. Dem hohen Unterhaltungswert ist es jedoch zu verdanken, das diese Verfilmung keinen trivial-trashigen Charakter bekommt.
Enttäuschend ist vor allem der von Ennio Morricone komponierte Score, der nur teilweise zum dargestellten Geschehen auf der Leinwand passt. Das ruhige, von Violinen getragene Haupt-Thema des Films trifft den tragischen Kern der Handlung, doch bei spannenden Szenen versagt der Maestro der Filmmusik auf ganzer Ebene. Viel zu oft klingen hier bekannte Motive aus Filmen wie "The Untouchables" oder "In The Line Of Fire" durch, die in barocker Kulisse oder in den Katakomben der Oper deplaziert wirken und nicht für die erforderliche Atmosphäre sorgen.
Wer sich mit dieser eigenwilligen Umsetzung des Gruselstoffs samt opulent ausgestatteter Bordelleinlage und verruchter Sexszenen anfreunden kann, wird mit "Dario Argento´s Das Phantom der Oper" bestens bedient, auch wenn hier das viel gelobte Talent des Regisseurs nur ansatzweise durchblickt. Dafür bietet der Filmstoff eine der wenigen geradlinigen und sinnvollen Handlungen, die von Dario Argento jemals auf Zelluoid gebannt wurden.
7 von 10 Arien!