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Ui, da ist wohl wirklich was in die Hosen gegangen! Gaston Leroux' Roman hat schon viele Genre-Regisseure fasziniert und dabei sind einige mehr oder weniger gelungene Filme rumgekommen, allerdings dürfte des Maestros Version zu den weniger gelungenen zählen. Dabei hat der Film vieles für sich. Die Ausstattung ist opulent, die Effekte, die wieder, nach seinen US-Ausflügen, etwas expliziter sind, ausnahmsweise gut inszeniert, obwohl er vom unfähigen Sergio Stivaletti nicht abkommt und seine Tochter Asia ist bezaubernd wie immer und läßt ihr feuriges italienisches Temperament sprühen, allerdings weitgehend effektlos. Denn wer Julian "die Nase" Sands die männliche Hauptrolle gibt, hat schon verloren. Nicht nur sieht er aus wie ein finnischer Hardrocker mit seiner Lederhose und den langen, dünnen Spaghettihaaren, er spielt die Rolle, die sich durch ihre zerrissenen Emotionen definiert, wie ein Buchhalter. Der größte Witz ist aber, daß Eriks Problem eigentlich sein schreckliches Aussehen sein soll, das ihn für Frauen unakzeptabel macht. Daraus ergibt sich die Tragik der Geschichte, denn seine Häßlichkeit macht ihn, wie das Wort schon sagt, haßerfüllt und man ist beständig zwischen Mitleid und Ablehnung hin- und hergerissen. Sands hingegen hat keine Maske und sieht wie Julian Sands aus. Man kann von ihm halten was man will, aber wirklich abstoßend wirkt er nicht, somit geht der Kernpunkt der Geschichte den Bach runter und man fragt sich, warum die alle eigentlich so ein Gedöns machen.
Man hat den Eindruck, als ob uns Dario ein paar Pillchen zuviel gepoppt hätte, denn einige Charaktere wirken etwas außerirdisch bzw. zwei, drei Szenen sind durchaus beunruhigend. Der Rattentöter sollte wohl als comic relief herhalten, nur braucht der Film im Gegenteil Ernsthaftigkeit, denn unfreiwillig komisch ist er eh schon. Die selbstfahrende Rattentötungsmaschine ist genauso bizarr, wie die ganze Szene in der sie eingebettet ist und das für seinen Kompagnon tödliche Ende kommt ein wenig aufgesetzt, als ob man dem Studio Stivaletti eine Möglichkeit geben wollte, wieder eine seiner "großartigen" Enthauptungen zu zeigen.
Einzig Carlotta, die Diva und Todfeindin ihres Ersatzes gespielt von Asia Argento, kann einiges an überdrehter Komik anbringen und scheut sich nicht, auch mal ihre beeindruckende Oberweite wie Gott sie schuf in die Linse zu halten. Ich frage mich ja manchmal, woher genau die Obssession mit Oper, ihren Stars und dem Ballett bei Argento kommt, aber wenn ich's mir genau überlege, will ich es auch gar nicht wissen.
Einen Pädophilie-Subplot gibt es natürlich auch, weil das Reiz-Reaktionsschema "Ballettratten-alter Ballettfan" offenbar einfach zu stark ist, um es zu vermeiden. Das muß nun aber ernsthaft als mißlungen bezeichnet werden, weil dieses Thema eigentlich nicht unbedingt spaßtauglich ist. Immerhin fügt es sich in den generell hysterischen Ton des Films, dessen bizarre Untertöne auch eine Sexszene von Julian Sands mit Ratten beinhaltet!!! Das macht die Beschreibung als "unrated director's cut" dann auch verständlich.
Man möchte nach all dem meinen, immerhin einen leidlich unterhaltsamen Trashfilm vor sich zu haben, aber das Problem ist, daß es für die Lauflänge einfach nicht reicht. Ja, es gibt viel für's Auge, nicht zuletzt eine Szene in einem Bordell, wo die Nacktheit der Agierenden - auch der Männer - nicht amerikanisch pseudo-schamhaft vor der Kamera versteckt wird und auch Asias hinreißendes Hinterteil kommt deutlich ins Bild (ich muß ja gestehen, es wäre mir nicht unpeinlich, meinen Hintern von einem Elternteil abfilmen zu lassen, aber bitte, die junge Argento ist ein Profi), doch letztlich sind auch die Morde zu zaghaft, als daß sie an frühe Blutopern, jetzt mal im wörtlichen Sinne, anknüpfen könnten. Man muß also sagen, daß dieser Film, trotz einiger vielversprechender Ansätze "in den Sands" gesetzt wurde, wenn man mir dieses billige und halblustige Wortspiel verzeiht.
Von Argento würde ich mir wünschen, wieder mehr in die Richtung von "Stendhal Syndrome" zu gehen, denn da offenbarte sich eine neue Facette psychologischer Spannung in seinen Filmen, die man sogar mit "Reife" bezeichnen könnte. Jedenfalls wäre das besser als sich selbst schlecht zu kopieren und damit den langsam aber sicher dahinschwindenden guten Ruf endgültig zu begraben.

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