Review

Als Reviewautor gerät man beizeiten in Nöte, Erklärungsnöte. Wie soll man die subjektive Wirkung möglichst objektiv darstellen?? Ob man nun den Oberlehrer oder den Romantiker raushängen lässt, hängt ganz von der emotionalen Bindung zum jeweiligen Film ab. Darf ich schwärmen oder soll ich nüchtern analysieren??
Manche Filme erschweren das Ganze zusätzlich, denn die Nüchternheit wird durch eine Art Sucht erschwert. Bei mir löst ein Film immer wieder einen suchartigen Zustand aus, nämlich „Pulp Fiction“. Ich bleibe immer wieder bei Tarantinos Meisterwerk hängen, weil ich mich neidisch vor derartiger, stilvoller Coolness verbeuge.

Wie zum Teufel bekommt man nur so ein Drehbuch hin?? Hier wurden nicht nur Detektivgeschichten (der 30er und 40er Jahre) im Groschenromanformat ausgepackt und auf geniale Art und Weise verarbeitet. Nein, mehrere Storys, die eigentlich nichts Außergewöhnliches darstellen, vorerst sogar zusammenhangslos wirken, erscheinen am Ende in einem genialen Licht…Einem äußert hellen, sehr glanzvollen Licht! Tja, nun man würde meinen, dass das Konzept, so einfach es augenscheinlich erscheinen mag, kopiert werden kann. Oh nein, der Stil und die Magie von „Pulp Fiction“ wurde selbst von den besten Fälschern nicht wieder erreicht. Dem Unsinn einen Sinn zu geben, gelingt dann doch nur einem Mann.

Tja, und wenn man so will, sind die genial sinnvollen Nonsens-Dialoge nicht nur ein Merkmal von „Pulp Fiction“, sondern schlichtweg einzigartig. Hölle, wie kann man aus Burger und Fußmassagen eine solche Philosophie machen?? Wer braucht da noch über den Sinn des Lebens fabulieren, wenn „Pulp Fiction“ Philosophie revolutioniert??
Gangster gab es in der Filmgeschichte zuhauf, aber die Anzahl der personifizierten, kriminellen Besonderheiten, die sich in diesem Film die Ehre geben, ist gigantisch. Stil trifft Klischee und Klischee trifft auf Ironie. Hehe, und weil Klischees im Sinne Tarantinos nun gar nicht ohne ironischen Unterton existieren dürfen, zerlegen die Hauptpersonen höchstpersönlich ihre eigenen Klischees. Im Zeichen des Bösen (Autonummer 666) handelnd und über den puren Nonsens philosophierend (Burger, Fußmassagen)! Dazu Samuel L. Jackson, der nicht nur richtig böse guckt, sondern auch den biblischen Moralapostel spielt. Herrlich!

Genug der Theorie, jeder Charakter benötigt den richtigen Schauspieler, um den Sinn und Zweck zu erfüllen. Und wenn man sieht, wie locker und lässig die Schauspieler spielen, fehlen einem schlichtweg die Worte und Erklärungen. Travolta, Samuel L. Jackson, Thurman, Willis, Keitel und Co. verstehen zweifelsohne ihr Handwerk, aber was zu Teufel macht Tarantino mit ihnen, dass sie so auftrumpfen!? Wie Thurman und Travolta beim „Jack Rabbits Slim Twist Contest“ auftanzen, ist, ohne zu übertreiben, ein Highlight der Filmgeschichte! Jackson und Travolta bzw. Jules und Vincent lösen Bonnie und Clyde als „Killerpärchen“ der [Film]geschichte ab - Wahnsinn, beide wirken wie die Inkarnation von Nonchalance!

Unglaublich erscheint auch Tarantinos Musikgeschmack. Der Soundtrack ist wie eine Renaissance der 50er und 60er Jahre. Ich wusste gar nicht, was es da für Juwelen gab. Überhaupt kenne ich keinen, unabhängig vom Musikgeschmack, der sich diesen Titeln entziehen kann. Tarantino ist nur ein Meister des filmischen Zitierens! Er recycelt musikalische Perlen, die längst in Vergessenheit geraten waren. Auch hierzu braucht man das richtige Gespür!

Fingerspitzengefühl beweist der Regisseur auch bei der Kombination aus Blut und Humor. Obwohl mir der schwarze Humor mit dem Vorschlaghammer größtenteils nicht zusagt, konnte mich die gebotene Form der Kontrastdarstellung in „Pulp Fiction“ überzeugen. Die Art und Weise, wie die derben Späßchen in den Plot eingegliedert werden, ergänzt sich prima mit dem herrlich ironischen Unterton.

Generell war der Kampf gegen Konventionen wirklich erfolgreich, so dass selbst die Oscar Jury das Meisterwerk nicht ignorieren konnte. Letztendlich blieb es bei einem Oscar für das beste Drehbuch.

Ach ja, eine Sache beschäftigt mich dann doch noch: Was befindet sich denn nun in dem gottverdammten Koffer?? Wahnsinn, hier wurde ein Mythos erzeugt, der mehrere Generationen bis heute beschäftigt.

Wie auch immer, es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich mir über den Kofferinhalt den Kopf zerbreche. Nur gut, dass „Pulp Fiction“ keine Erklärungsnöte verursacht, denn hier wurde auch objektiv vor dem Herren gearbeitet (Haaa, Jules alias Samuel L. Jackson lässt grüßen). Tja, und wer meint die Kritik ist Pulp Fiction (Schundliteratur), der lege schnell die einzig wahre „Pulp Fiction“ in den DVD Player, denn mir ist bewusst, dass man das Meisterwerk mit Worten nicht erfassen kann. Als Cineast hat mich die Revolution „Pulp Fiction“ jedenfalls ebenso wie die Filmlandschaft nachhaltig geprägt und das ist trotz meiner dadurch hervorgerufenen Süchte auch gut so. (10/10)

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