Review

Mittlerweile hat sich Quentin Tarantino zu solch einer Ikone eines Mainstream-Publikums, das sich selbst für äußerst abwegig hält, entwickelt, dass sich Tarantino-Bashing (welches auch der Verfasser dieses Reviews bisweilen nur zu gerne betreibt) höchster Beliebtheit erfreut um dem Hype (man sollte bedenken dass Leute wie Ursula Vossen, die es eigentlich besser wissen müssten, Tarantino nicht einfach wohlwollend besprechen, sondern ihn mit Lobpreisungen und höchst subjektiven Behauptungen zu einem Filmgott erheben) etwas entgegen zu wirken... Dass er zumindest mit "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction" zwei gelungene Werke vorweisen kann, ehe er in handwerklich sauber erarbeitete und durchaus unterhaltsame Routineprojekte abgerutscht ist mit denen er sich quasi nur noch selbst zitierte, wird dabei gerne vergessen oder geleugnet und ein Großteil derer, die sich über Tarantino äußern fällt entweder in den extremen Befürworter- oder in den extremen Gegner-Bereich...
Zugegeben sind viele Versatzstücke nicht neu und auch viele formale Mittel sind nicht neu, aber zum einen kann Tarantino tatsächlich bereits bestehende Motive und Darstellungsweisen auf einem formal sehr hohen Niveau verknüpfen und vor allem im Mainstream etablieren (es ist also ein bisschen wie damals mit David Wark Griffith) und zum anderen stellt sich in der Postmoderne die Frage, ob man das nicht schon alles gesehen hat, ohnehin nicht mehr.
Die Orgie an Verweisen und Zitaten ist bei "Pulp Fiction" derart heftig, dass man den Streifen von den von ihm beeinflussten Nachzüglern - wie z. B. "Amores perros" oder "Oldboy" (man vergleiche nur die Hammerhieb-Sequenz mit dem Square-Gag bei Tarantino) - her ebenso aufrollen kann, wie von den vielen zitierten Vor-Bildern (z. B. "Psycho" kurz vor Bruce Willis' Unfallszene, "Kiss me Deadly" bei den Szenen um den geheimnisvollen Koffer, "Bande à Part" in der berühmten Tanzsequenz - darüber äußert sich Tarantino selbst übrigens auf der Bfi-DVD von Godards Meisterwerk, nach dessem Titel auch der Firmenname A Band apart der Produktionsfirma gewählt worden war, der hier zu Beginn des Vorspanns auftaucht) her.

Weitaus wichtiger als solche direkten Zitate, als die vielen einfachen Verweise durch 50er Jahre Trashfilm-Plakate und mit der programmatischen Besetzung von John "Saturday Night Fever" Travolta in der Rolle einer männlichen Dancing-Queen oder Christopher "The Deer Hunter" Walken in der Rolle des gematerten Kriegsveterans, als die bei Tarantino und seinen Wegbegleitern immer wiederkehrenden fiktiven Marken "Big Kahuna Burger" oder "Red Apple" scheinen jedoch die Vorbilder für die Struktur des Films zu sein. Denn bereits das Zusammensetzen aus Zitaten, das Mischen verschiedener Genres (in "Pulp Fiction" dürften Gangsterfilm, Drama, Komödie sofort ins Auge springen) und der ironische Umgang mit Stereotypen hatte lange vor "Pulp Fiction" bereits begonnen. Am interessantesten dürfte "Pierrot le fou" des von Tarantino sehr geschätzten Jean Luc Godard sein, wo bereits Mitte der 60er Versatzstücke aus Musical, Thriller, Liebesfilm, Komödie, Drama und Gangsterfilm zu einer neuartige Mischung zusammengebastelt werden - die vollkommene Befriedigung von Genreregeln zur Befreiung vom Genrezwang war das damals bei Godard und nach und nach ist Hollywood (nicht nur schnitttechnisch wie bei "Bonnie & Clyde") aufgesprungen mit dem Erfolg, dass heutige Genrefilme längst nicht mehr solch einfachen Mustern folgen wie noch vor einem halben Jahrhundert.
In diesem Punkt leistet auch "Pulp Fiction" einiges, schließlich hat er als enorm populärer Film viel zur endgültigen Etablierung solcher Erzählmethoden beigetragen. Dieser Punkt ist auch bei der verschachtelten Erzählweise zu loben: auch das Vermischen von Zeitebenen hatte schließlich Tradition - von eher weniger massentauglichen Vertretern wie Robbe-Grillet einmal abgesehen sei hier vor allem Stanley Kubricks Gangsterklassiker "The Killing" erwähnt. Bereits dort wird ein lineares geschehen aufgesplittert: Blickwinkel ändern sich, zeitliche Abläufe werden von vielen Rückblenden durchbrochen;  der Einfluss Kubricks kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch in "Pulp Fiction" werden nicht nur die Zeitabläufe durchbrochen, sondern dort wechseln ebenfalls die Blickwinkel - allein schon die Eingangssequenz, die einen beginnenden Raubüberfall aus der Sicht eines Gangsterpaares präsentiert wird als Ausgangssequenz wiederkehren, in welchem der Betrachter aus der Sicht betroffener Lokalgäste den Überfall schließlich weiterverfolgen kann. Auch dieses Spiel hat eine lange Tradition, die mit Orson Welles "Citizen Kane" einen ersten und mit Kurosawas "Rashomon" einen zweiten Höhepunkt erfahren hat.
Kurz: Alles war (und so muss es natürlich auch sein, wenn man davon ausgeht in der Postmoderne angelangt zu sein) bereits da. Nun geben natürlich auch altbekannte Versatzstücke bisweilen tolle Filme ab (keine Frage!), aber darüber hinaus erweist sich Tarantino trotzdem noch als halbwegs innovativ: "Pulp Fiction" greift all dies auf, radikalisiert es stellenweise sogar etwas: man denke nur daran, dass Travolta noch in der Mitte des Films stirbt, was seinen späteren Auftritten einen Hauch von Tragik verleiht - vor dem Wissen, was geschehen wird, wirken alle Aktionen und Reaktionen plötzlich bedeutungsloser und statt dessen breiten sich wehmütige Ansätze aus, die natürlich im bisweilen arg galligem Humor des Films wieder etwas relativiert werden. Auch das hat man (etwa in Sautets "Les choses de la vie") bereits gesehen, aber eben die Tatsache, dass Tarantino all diese Versatzstücke zusammensetzt zu einer Struktur, die all dies in sich vereint, die Vorwegnahmen und die "Rückblenden", die Perspektivwechsel, die Anspielungen und Verweise, verleiht der Struktur eine zuvor nur selten erreichte Komplexität.

Was jedoch wieder weniger Lob verdient, sind die Inhalte. An dieser Stelle kann auch gleich kurz auf die Handlung(en) eingegangen werden: Wir haben ein verliebtes Gangsterpaar (Roth und Plummer), das zu Beginn einen Überfall plant und in der letzten Szene durch das Auftreten der Profikiller Jules und Vincent (Jackson und Travolta) etwas verängstigt den Rückzug antritt. Zwischen diesen zwei Szenen entfalten sich vorherige und zukünftige Geschichten: Vincent führt die Braut (Thurman) seines Auftraggebers (Rhames) aus und muss ihr dabei das Leben retten. Der Auftraggeber selbst landet mit einem Boxer (Willis), der ihn übers Ohr hauen wollte, im S/M-Folterkeller zweier Homosexueller und wird vom erwähnten Boxer, der den auf ihn angesetzten Vincent erschossen hat, schließlich gerettet, woraufhin er diesen seiner Wege ziehen lässt.
All das dürften die meisten Zuschauer vergnüglich und unterhaltsam finden, allerdings ist es auch nicht mehr als das. Und gerade da überragen die verwendeten Vor-Bilder "Pulp Fiction" dann doch größtenteils. Sicherlich nicht der Kubrick und wohl auch nicht der Sautet, aber Robbe-Grillet, Kurosawa und vor allem Godard bieten noch soviel mehr. Tarantino hat eine altbekannte Handlung in eine immerhin beachtliche Form gepackt, aber wenn man als Kenner das endgültige Produkt mit den Vorbilder vergleicht, bemerkt man voller Wehmut einen ganz Wulst an Vereinfachungen: Dass Godard etwa seine Tanzsequenz noch zur Charakterisierung des Beziehungsgefüges der Figuren nutzt während Tarantino sich in blanken Oberflächenreizen ergeht ist da nur das geringste Übel.  Wenn etwa Bruce Willis in einer Bar wie seinerzeit Anna Karina in "Vivre sa vie: Film en douze tableaux" mit statischer Kamera zwei Minuten lang bewegungslos verharrt, dann hatte sowas in "Vivre sa vie" noch seine Gründe: Starre Bilder begleiten erstarrte Charaktere durch festgefahrene Situationen denen man nur durch den Tod entkommen konnte. Bei Tarantino hingegen leitet dieses Stilmittel jedoch eine Episode ein, die vor geglückten Weiterentwicklungen, Einschnitten und Veränderungen nur so strotzt. Das Zusammenspiel von Form und Inhalt ist nicht mehr zwingend, es wird beliebiger und auf bloße Oberflächlichkeiten reduziert. Und neben dem beliebigen Zusammenspiel von Form und Inhalt macht sich noch die Einfältigkeit der Geschichte bemerkbar, deren Botschaften (wenn man überhaupt welche entdecken will) nicht über Binsenweisheiten hinauskommen. Natürlich MUSS ein Film sowas nicht bieten (und ein Film, der sich selbst als pulp fiction bezeichnet will es wohl auch nicht), aber die Vorbilder haben es nun mal zusätzlich zur innovativen Form und zum Unterhaltungswert dazugegeben und sind dann doch noch etwas höher einzustufen. (Und dass transportierte Inhalte auch in der Postmoderne noch möglich sind wird keiner leugnen wollen, zudem hat Peter Greenaway das mit seiner Kritik am empirischen Wissenschaftsglauben in "A Zed and Two Noughts" eindrucksvoll bewiesen.)

Voll und ganz eigenständig ist jedoch die tarantinotypische Inszenierung von Gewalt: ganz nebenbei wird im coolen Gespräch, das sich voller penibler Ernsthaftigkeit um Nebensächlichkeiten dreht - auch das ist typisch Tarantino und findet sich bei ihm generell wie auch bei seinen Mitstreitern wieder (man denke etwa an den Nahrungsaufnahme-Dialog in Roths "Hostel") - kaltblütig gemordet ohne mit der Wimper zu zucken, versehentliche Kopfschüsse im Auto werden zu grotesk-komischen Behinderungen und nur die homosexuelle Vergewaltigungsszene samt angekündigter Racheaktion versucht ein wenig, den Zuschauer ernsthaft zu verstören (was Tarantino niemals so gut gelungen ist wie in seiner "Reservoir Dogs" Folterszene), wird aber zum einen auch durch humoristische Untertöne wieder etwas abgemildert und kann zum anderen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Vorgang seit Boormans "Deliverance" viel von seinem Tabu eingebüßt hat. Damit hat Tarantino eine neue Form von Gewaltdarstellung erschaffen (welche sich bishin zu Amateurfilmern wie Olaf Ittenbach bemerkbar machte), die sich den Vorwurf der Gewaltverharmlosung allerdings gefallen lassen muss (sogar Gewaltverherrlichung wurde ihm in der Folge auch oftmals vorgeworfen). (Wobei zumindest die selbsternannten Zensurwächter in Deutschland immer offener für humorvoll aufgelockerte Gewaltdarstellung sind, als für eine erschreckend-bedrückend realistische; das nur mal so als Kuriosität am Rande.) Ähnlich verhält es sich auch mit dem beiläufigen Geplänkel über Sexualität: Dass ein Piercing vor allem sexuellen Zweck besitzt wird im Routine-Gespräch ebenso in Erfahrung gebracht wie eine Diskussion über den Stellenwert von Fußmassagen den Weg zur (blutigen) Arbeit ausfüllt und dabei auch Verzögerungen herbeiführt, die Tarantino immerhin noch recht geschickt zur Suspense-Gestaltung benutzt. Seinen Hang zum Fußfetischismus, den er seither quasi in all seinen Filmen schon beinahe als Running Gag eingebaut hat, dürfte er hier übrigens stärker als sonstwo ausgelebt haben: Die Großaufnahme von Thurmans Füßen und ihr Barfußtanz setzen diese Linie nämlich konsequent fort.
Ein großes Lob verdient noch der ausgewählte Soundtrack, der den mit Surfmusik unterlegten Vorspann zu einem festen Bestandteil der Kultfilmgeschichte gemacht haben dürfte. Die Musik ist zwar nicht Tarantinos Verdienst und die Auswahl nur eine sehr kleine Eigenleistung, aber dem Film selbst bekommt sie eben vorzüglich.
Abzuraten ist allerdings von der dödeligen deutschen Tonspur, die einige Übersetzungsprobleme hat; Cineasten die eh alles als OF oder OmU schauen haben damit natürlich kein Problem, aber wer lieber dt. Versionen anguckt, sollte sich doch zweimal überlegen, ob er hier nicht eine Ausnahme machen will.

Insgesamt ein humorvoller, ironischer Genremix, mal verstörend, mal äußerst ausgelassen (dafür jedoch in den menschlichen-anrührenden Szenen immer etwas unbeholfen, aber das ist Tarantino ohnehin von Anfang an bis heute etwas schwergefallen), handwerklich sehr sauber erarbeitet, nach bekannten Vorbildern gekonnt durchstrukturiert und insgesamt sehr wegweisend (ob der gewiesene Weg jedoch so ansprechend ist, muss jeder für sich entscheiden - dass sich die cool-ironisierte Gewaltdarstellung irgendwann überlaufen haben wird (wenn sie es nicht schon hat), war jedoch abzusehen), dafür jedoch aber eben auch nicht mehr als anständig umgesetztes Unterhaltungskino, dass hinter dem Anspruch seiner Vor-Bilder dann doch zurückbleibt.

7,5/10

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