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Kaum zu glauben, aber es geht noch besser als mit „Reservoir Dogs“: Mit seinem zweiten Langspielfilm „Pulp Fiction“ revolutionierte Quentin Tarantino das Genre der Gangster-Komödie, schuf einen unvergänglichen Kultfilm und katapultierte sich direkt in den Olymp des Kult-Regisseurs, als der er bis heute gehandelt wird.

Die Zutaten weisen eine recht hohe Ähnlichkeit mit seinem Debütfilm auf, zeigen aber doch noch ganz andere Qualitäten. So spielt das Drehbuch von ihm und Roger Avery noch cleverer mit dem chronologischen Verlauf der Handlung: Die drei Hauptepisoden werden so durcheinandergewürfelt, dass die spätesten Ereignisse in der Mitte des Films stattfinden (wodurch eine zentrale Figur das Zeitliche segnet und trotzdem später wieder handlungsbestimmend auftaucht), während Geschehnisse vom Anfang erst ganz am Schluss fortgesetzt und zum Ende gebracht werden. Das erzeugt immer wieder einen netten Überraschungseffekt, wenn urplötzlich Szenen und Figuren auftauchen, die man schon fast vergessen hatte; und ganz nebenbei perfektioniert Tarantino hier das Prinzip des epischen Episodenfilms, wie er im 90er-Hollywood so beliebt war. In Sachen erzählerischer Stringenz nimmt es mit „Pulp Fiction“ kein Hollywood-Mainstreamwerk so schnell auf.

Und dabei ist das nur eines von vielen brillanten Details dieser filmischen Wundertüte: Wo im ersten Werk noch brutaler Humor am Rande des Zynismus (und mitunter darüber hinaus) dominierte, wird hier alles ein gutes Stück weiter ins comichaft Überzeichnete getrieben: Blutige Gewalt wird oft ins grausig Absurde gesteigert (der versehentliche Mord im Auto, die Art, wie Bruce Willis einen Peiniger per Samuraischwert ausschaltet); dazu kommen vulgär-verschrobene Dialoge, die einen herrlich skurrilen Kontrapunkt zu den Grausamkeiten der Killer und Gangster schaffen – Diskussionen über Fußmassagen und Cunnilingus, das metrische System in Europa, die Bedeutung von Namen und Kugelbäuche (und um Gottes Willen nicht zu vergessen Christopher Walkens grandioser Monolog in einem Kurzauftritt, der von tragisch-bedeutungsschwer zu absurd komisch abkippt). Vielleicht hat Tarantino nie bessere Dialoge geschrieben als in diesem Film.

Das alles wird von einer erneut nahezu perfekten formalen Inszenierung eingefangen – der temporeiche, aber nicht hektische Schnittrhythmus, die souveräne Kamera, ein Funk-, Soul- und Popsoundtrack zum Niederknien, erneut eine unüberschaubare Heerschar an popkulturellen Anspielungen, Zitaten und Hinweisen in Dialogen, Ausstattung, Inszenierungs- und Storydetails machen „Pulp Fiction“ zu einem Fest für Filmfreaks. Das bis in Details brillante Setdesign, die cleveren Kostüme, die erneut Gangster in schwarzen Anzügen als den (politisch höchst unkorrekten) Inbegriff von Coolness stilisieren, die irrwitzige Abfolge von mittlerweile kultigen Sequenzen – all das macht den Film zu einem Meisterwerk für die Ewigkeit, das man sich immer wieder ansehen kann.

Dazu trägt auch die phänomenale Besetzung bei. John Travolta und Samuel L. Jackson – deren Karrieren dieses Werk einen nicht unbeträchtlichen Schub verpasste – geben ihre Rollen so intensiv und überzeugend, dass es ein Fest ist, ihnen zuzusehen. Aber auch Bruce Willis, Ving Rhames, Harvey Keitel in einer starken Nebenrolle oder Tim Roth als Gangster, der nicht ganz so hart ist, wie er meint, sorgen für pure Unterhaltung. Komödiantisches Highlight dürfte Tarantino selbst in einem herrlich mürrischen Gastauftritt sein; überhaupt erweist sich hier der Humor als leichter, skurriler, aber nicht weniger schwarzhumorig und fies als im Vorgänger. Auch schaffen es alle Darstellenden erneut, durch ihre ungeheure Larmoyanz selbst die miesesten Rassismen ihrer Figuren als selbstverständlichen Bestandteil ihrer brutalen Welt darzustellen (auch wenn die Diskussionen bis heute anhalten, ob ein weißer Filmemacher wie Tarantino so viele Figuren so häufig das N-Wort benutzen lassen darf). Auch ist die Entwicklung sehr erfreulich, hier eine ganze Reihe interessanter bis durchsetzungsstarker Frauenfiguren auftreten zu lassen (auch wenn Uma Thurman noch ein gutes Stück von der Unbesiegbarkeit ihrer Rache-Braut in „Kill Bill“ entfernt bleibt).

Alles in allem zeigt „Pulp Fiction“ seinen Schöpfer auf dem Höhepunkt seines frühen Schaffens. Mit teils derbem, teils hochintelligentem Witz, cleveren Ideen und einer Story, die immer wieder mit absurdestmöglichen Wendungen überrascht, hält er alle Zuschauenden über zweieinhalb Stunden durchgehend bei Laune. Dabei schreckt er auch nicht vor Mainstream-Tabus zurück, etwa der detaillierten Darstellung von Drogenkonsum oder homosexueller Vergewaltigung. Eine solche Mischung aus harten, brutalen Themen, skurrilem Humor und kultverdächtigen Sequenzen gab und gibt es nur selten im großen Hollywoodkino. „Pulp Fiction“ ist nicht ohne Grund ein Kult-Meisterwerk, das noch heute alte Fans begeistert und neue überrascht und das eine unübersehbare Flut an Nachahmerwerken hervorbrachte. Ein unumgänglicher Pflichtfilm für alle Fans des Gangster-Genres.

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