Mit Jesse James, einem der großen mythologisierten Cowboys des Wilden Westen, beschäftigten sich bereits Regisseure wie Fritz Lang, Samuel Fuller und Walter Hill, jüngst kam „The Assassination of Jesse James“ von Andrew Dominik hinzu.
Dominiks Film steigt mitten ins Geschehen ein, startet mit einem Zugüberfall, den Jesse James (Brad Pitt) mit seiner Bande begeht. All das porträtiert Dominik auf eine Weise, die man vom herkömmlichen Western gar nicht gewohnt ist: Bei aller Androhung von Waffengewalt liegt eine gewisse Ruhe in dem Akt, selbst die wenigen Schussgeräusche sind extrem leise, als wolle man eine Antithese zu den realistisch-lauten Klangkulissen á la Michael Mann abliefern.
Jesse James wird hier entheroisiert, seine vormals häufig erörterte Vorgeschichte quasi gänzlich ausgespart. Es geht nicht um den Mann und wie er zum Verbrecher wurde, nein, es geht um den Mythos – auch um den, den James schon zu Lebzeiten genoss. Andrew Dominiks Jesse James ist allerdings ein leicht paranoider Krimineller, ein eiskalter Killer und bei weitem nicht der Wildwest-Robin-Hood, den mancher gern aus ihm machen wollte.
Parallel zu Jesse James’ Geschichte geht es jedoch auch um Robert Ford (Casey Affleck), den Mann, der Jesse erst anbetet, teil seiner Bande werden will und ihn schlussendlich dann hinterrücks ermordet…
„The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ ist eine sperrige Angelegenheit, vielleicht sogar ein Antiwestern, wenn man so möchte, denn auf herkömmliche Plotelemente und herkömmliche Schauwerte wird verzichtet. Gleichzeitig verzichtet der Film auch zu großen Teilen auf einen klassischen Plotaufbau, Wendepunkte Marke Syd Field und Co. gibt es hier nicht zu sehen. Das Ende ist klar, selbst für den geschichtlich nicht interessierten Zuschauer wird es vom Filmtitel bereits ausbuchstabiert und der Weg dahin ist mit einer unaufgeregten Langsamkeit erzählt, die man sie im amerikanischen Kino eher in den 70ern vorfand, heute aber kaum noch.
Schießereien, Morde, Straftaten – all das gibt es auch hier, wie im gewöhnlichen Western, jedoch werden diese Dinge hier meist als Irritationen und leichte Schockeffekte in einem sonst eher unaufgeregten Film genutzt. „The Assassination of Jesse James“ ist vielmehr eine Art Intellektuellenwestern, gewissermaßen ein Meta-Western über einen großen Mythos des Wilden Westens. Das nüchterne, stellenweise negative Bild Jesse James’ wird immer wieder mit den Erzählungen über ihn abgeglichen und parallel erzählt, wie Robert Ford an seinem eigenen Mythos arbeitet. Er ist gar nicht so sehr Feigling, den der Filmtitel aus ihm macht, er ist ein Opportunist, der Mord ein Resultat gekränkten Stolzes, da sein Idol Jesse James ihn nicht will. Doch Ford ist eben nicht alleiniger Schmied seines Mythos, am Ende wird er eben als Feigling gebrandmarkt, weil die Leute ihn so sehen. Bemitleidenswert erscheinen seine Versuche die Geschichte als selbstgespieltes Theaterstück auszuschlachten, was aber gleichzeitig darauf verweist wie stark des Mythos Jesse James ist, der in den Medien immer wieder aufgegriffen wurde und wird – wie ihn auch Vorgängerfilme aufgriffen.
Die Bilder, die Dominik dazu findet, sind ebenso nüchtern wie aussagekräftig, nüchtern wie elegant, ein weiterer Verweis darauf, dass das Wie der Geschichte hier eher im Vordergrund steht als das Was – damit haben sich andere schon genug beschäftigt. Jedoch kann man „The Assassination of Jesse James“ eine gewisse Selbstverliebtheit in ebenjene Bilder nicht absprechen: Einige sind arg in die Länge gezogen, fast unnötig lang, wobei dies sicher nicht ganz so einfach zu beurteilen ist, da sich Dominiks Film ja vom narrativen Kino abwendet.
Brad Pitt, der das Projekt auch als Produzent vorantrieb, erweist sich erneut als ausgesprochen ernstzunehmender Schauspieler, der seinem Schönlingsimage längst entwachsen ist und der als kauziger Jesse James einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ebenso Casey Affleck als stiller, brütender Robert Ford, der seine „Gone Baby Gone“-Leistung allerdings nicht toppen kann. Hinzu kommt ein wirklich tolles Ensemble mit Leuten wie Jeremy Renner, Sam Rockwell, Sam Shepard, Ted Levine, Michael Parks und Nick Cave, letzterer ist zudem verantwortlich für den eingängigen Soundtrack des Films.
Am Ende spaltet „The Assassination of Jesse James“: Die einen bejubeln die Unkonventionalität, die anderen stöhnen angesichts des Mangels an äußerlichen Ereignissen. Beide Sichtweisen haben ihre Argumente, der Film wirkt sicher sehr subjektiv, doch für den zu Experimenten bereiten Zuschauer wartet ein ausgesprochen interessanter, wenn auch (je nach eigenem Empfinden) in seiner Langsamkeit und gewissen Selbstverliebtheit nicht unbedingt perfekter Western der ungewohnten Art.