Auch der Beitrag Mateo Gils zur sechsteiligen, spanischen TV-Horrorfilm-Reihe aus dem Jahre 2006 ist zumindest aus meiner Sicht und gemessen an meiner nicht sonderlich hohen Erwartungshaltung äußerst gelungen. Gil, Drehbuchautor von spanischen Erfolgsfilmen wie „Tesis“ und „Virtual Nightmare“ war als Regisseur zuvor nur mit dem (mir unbekannten) Thriller „Bruderschaft des Todes“ in Erscheinung getreten, beweist mit „Spectre“ aber ein sicheres Händchen für atmosphärischen Mystery-Grusel.
Erzählt wird eine Geschichte von Dämonen aus der Vergangenheit, die einen ein ganz Leben begleiten und eine finale Konfrontation suchen. Es ist die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebe zwischen einem Heranwachsenden Jungen und einer von der orthodoxen, abergläubischen Dorfgemeinschaft als Hexe verschrienen Außenseiterin, die als Projektionsfläche für Intoleranz, die eigene Unzufriedenheit und tiefsitzende Ängste dient und als Sündenbock herhalten muss. Doch ist, was sich nach der radikalen Beendigung der ungleichen Beziehung im Geiste Tomás’ festsetzt nur ein unverarbeitetes Trauma, spielt ihm seine Psyche einen Streich? Oder war das mit den „Dämonen“ durchaus wörtlich zu verstehen? Hat sich die Tragödie in seiner Jugend überhaupt exakt so abgespielt, wie er es in Erinnerung hat...?
Gil liefert darauf keine eindeutigen Antworten. Was real ist und was Hirngespinste sind, muss sich der Zuschauer anhand von Indizien selbst zusammenreimen, während er durch einen zwischen zwei Zeitebenen pendelnden Film mit einer sich beständig ausbreitenden, düsteren Stimmung und einigen symbolträchtigen Bildern geführt wird, der ein angenehm langsames Erzähltempo an den Tag legt und eine unheilvolle Ruhe, die einen bald aufkommenden Sturm suggeriert, ausstrahlt. Die einwandfrei agierenden Protagonisten scheinen sich bisweilen fast in Zeitlupe zu bewegen. Die zwar hinlänglich aus anderen Genreproduktionen bekannten, aber geschickt und vor allem wirklich Gänsehaut erzeugend eingesetzten Schockeffekte erzielen dadurch eine ganz eigene, intensive Wirkung. Sonderlich innovativ mag das nicht sein, jedoch traf man mit dieser Rezeptur genau meinen Nerv.
Düstere Melancholie bestimmt diesen Film, Poesie statt Pathos, mit expliziten Gewaltdarstellungen hält man sich zurück. „Suspense-Horror“ dürfte es am ehesten treffen, was Gil mit „Spectre“ geschaffen hat, eine herrlich altmodische, schwarzromantische Liebesgeschichte, die den Glauben an die ewige Liebe mit einer Warnung versieht und ihre unglückliche Komponente anstelle eitel Sonnenscheins zeigt. Eine matte Farbgebung unterstreicht die Ästhetik und traurige Grundstimmung, malerische Bilder scheinen aus der Feder einer gebrochenen Seele zu stammen. Schwermütige Grusel-Kunst, emotional und wahrhaft schaurig, den Zuschauer im Idealfall – eine entsprechende Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft vorausgesetzt – an eine eventuelle eigene unrühmliche Vergangenheit gemahnend und ihn nachdenklich, ernüchtert bis ängstlich aus dem Film entlassend. Eine Perle von einem TV-Film, die es zu entdecken gilt.