„Winterreise“ ist der zweite Spielfilm von Sebastian Steinbichler, der mit seinem modernen Heimatfilm „Hirankl“ einem antiquierten deutschen Traditions-Genre zu neuem Leben verhalf und durchweg positive Resonanzen erntete. Sein neues Werk präsentiert sich nicht als durchkonzipiertes Drama oder klassische Tragödie, sondern als unprätentiöse Darstellung eines gebrochenen Charakters, dem verbitterten Eisenwarenhändler Franz Brenninger. Als dieser durch einen Trick um sein ganzes Geld beraubt wird und seine Frau eine dringende Augenoperation benötigt gerät sein ohnehin schon brüchiges Seelenleben komplett durcheinander und Brenninger tritt eine Reise an auf der er schließlich zu sich selbst finden wird.
Mit einer einfachen Story ausgestattet vermeidet das Drehbuch geschickt offensichtliche Klischees und driftet niemals in plumpen Kitsch ab. Das intensive Psychogramm Brenningers wirkt stets realistisch und authentisch. Das liegt vor allem an der perfekten Darstellung von Josef Bierbichler, der hier zu wahrer Höchstform aufläuft und eine Gala-Vorstellung liefert. Er verleiht seinem Charakter tiefe Menschlichkeit und die nötige Ambivalenz, die Rolle wurde ihm maßgenau auf den Leib geschneidert und der Mime nimmt die Herausforderung dankend an. Die schauspielerische Leistung des Charakterdarstellers ist somit das Beste am Film, was nicht im Geringsten überrascht. Schließlich bekommt die Figur Brenninger die mit Abstand höchste Präsenz, sämtliche anderen Charaktere werden reduziert auf das nötigste.
Besonders auffällig ist dies bei der Rolle von Sibel Kekilli, die als Dolmetscherin Leyla die ganze Zeit über blass bleibt und auch keinerlei Chancen kriegt schauspielerisch zu glänzen. So bleibt sie im Hintergrund und fällt höchstens durch ihr attraktives Äußeres auf. Hanna Schygulla überzeugt mit einer schmerzlich-stoischen Darstellung von Brenningers Frau Mucki und gerade ihre bittere Passivität brennt sich in das Gedächtnis des Zuschauers ein, leider bekommt die großartige Darstellerin in der zweiten Hälfte keine Screentime mehr und so bleibt wieder nur Bierbichler mit seiner emotionalen Tour de Force. Seine Genialität rettet „Winterreise“ vor dem Mittelmaß und kann die Defizite in der Geschichte ausgleichen.
Optisch wirkt „Winterreise“ zunächst typisch deutsch, sehr spröde und durch die beobachtende Kamera durchaus realistisch. Künstlich und ein wenig vorhersehbar wirkt die Wendung der Story als sich Brenninger auf den Weg nach Afrika macht. Doch auch dieser Teil des Films kann überzeugen, wenn auch nicht ganz so sehr wie noch die erste Hälfte. Auch dieser Abschnitt bietet neben tollen Bildern auch nachdenkliche Szenen von großer Qualität. Zum Beispiel die Szene, in der Brenninger sich neben zwei bettelarmen Afrikanern hinsetzt und einfach schweigend sitzen bleibt ist von hoher emotionaler Wucht und repräsentiert gut die psychologischen Stärken der „Winterreise“.
Besonders geschmackvoll geriet die Auswahl der Musik, welche eine sehr große Rolle spielt im Gesamtbild des Films. Nicht umsonst erklingt Schuberts „Winterreise“ in einer der stärksten Szenen des Films und bildet immerhin auch die Inspiration zum Filmtitel. Die enge Verbindung zu Schuberts musikalischem Meisterwerk zeugt von einem hohen intellektuellen Anspruch, dem der Film aber leider nur in Ansätzen gerecht werden kann. Leider wirkt das Ende unglaubwürdig und viel zu symbolgeschwängert, um dem ordentlich aufgebauten seelischen Verfall des Protagonisten angemessen abzuschließen. Somit bleibt ein letztlich unvollständig erzähltes Drama um einen exzentrischen Charakter. Eigentlich schon fast eine Verschwendung des Hauptdarstellers Steinbichler, denn erschreckend wenig bleibt dem Zuschauer im Gedächtnis.
Fazit: Eindringlich gespieltes und ordentlich inszeniertes Drama, welches leider an diversen Längen krankt und somit keine klare Empfehlung darstellt. Aufgrund Bierbichlers Glanzleistung aber durchaus jenen Cineasten zu empfehlen die das nötige Sitzfleisch mit ins Kino bringen, bei der gestrigen Sneak Preview verließen knapp die Hälfte der Zuschauer die Vorstellung.
6,5 / 10