Vorsicht – Spoiler; im Folgenden wird die GANZE Geschichte erzählt! Sie vorab zu kennen, macht aber m. E. den Film nicht unattraktiv, im Gegenteil: um für die emotionale Wirkung dieses Films überhaupt empfänglich zu sein, ist es hilfreich, den Hintergrund der Handlung zu verstehen.
Franz Brenninger – verkörpert von Josef Bierbichler; kein anderer könnte diese Rolle glaubhaft spielen – steckt in Schwierigkeiten: sein seit Jahrzehnten erfolgreich geführter, mittelständischer Zulieferbetrieb für Baumärkte rutscht unabwendbar in die Pleite. Parallel dazu – man kann gar nicht sagen, was die primäre Ursache ist, es bedingt und verstärkt sich gegenseitig – rutscht Brenninger selbst immer tiefer in eine bipolare Persönlichkeitsstörung: eine permanente, selbstzerstörerische Berg- und Talfahrt zwischen manisch überdrehter Hyperaktivität, in der er als unerträglicher, rücksichtsloser Kotzbrocken sämtliche Bezugspersonen vor den Kopf stößt und als „Arschlöcher“ beschimpft, und ausweglos lähmender Depression, in der er nur noch reglos daliegen und kaum verständliche Worte murmeln kann: „Alles dunkel. Alles Scheisse.“ Nur zwischen diesen krankhaften Extremzuständen findet Brenninger für kurze Momente wieder zu sich selber und bringt seiner Frau „Mucki“ liebevoll einen Blumenstrauß mit nach Hause.
Eigentlich ließe sich das alles noch hinbiegen: der Bankdirektor, der ihm die dringend benötigten Kredite nicht mehr bewilligen kann, rechnet Brenninger vor, dass er den Betrieb gerade noch rechtzeitig verkaufen und sich aufs Altenteil zurückziehen könnte: ihm und seiner Frau würden immerhin noch das schöne Wohnhaus und beider Rente für ein komfortables Leben bleiben. Frau, Sohn und Tochter drängen ihn zudem händeringend zur Annahme ärztlicher Hilfe wegen der Depression, weil es doch „so nicht mehr weitergehen“ könne.
Aber für Franz Brenninger kommen solcherlei Ratschläge zu spät. Aus seiner Sicht ist die aktuelle Situation eigentlich nur die unausweichliche Weiterentwicklung eines Lebenswegs, den er schon vor Jahrzehnten eingeschlagen hat: ein Leben, dem der Betrieb und – dadurch ermöglicht – die materielle Sorge für Frau und Kinder überhaupt erst Sinn gegeben hat. Aus Brenningers subjektiv durchaus berechtigter Sicht ist gar nicht er selbst krank, sondern Frau und Kinder sind lebensuntüchtig: die von ihm immer noch geliebte, alternde Frau siecht dahin und droht zu erblinden, die Tochter ist nach 20 Semestern Studium nicht in der Lage, ihr Leben selber zu finanzieren, und der Sohn ist zwar beruflich etabliert, hat aber nie eine Partnerin gefunden. Brenninger hält sich für sie alle nach wie vor für verantwortlich; und nun, da ihn das überfordert, da es eben „so nicht mehr weitergehen“ kann, sieht er sich an diesem jahrzehntelang gepflegten Lebenssinn scheitern und wirklich alles verlieren – nicht nur das Geld. Den Schmerz darüber kämpft er vorerst mit unbändiger Wut auf alles und Jeden nieder: „Alles Arschlöcher!“
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Eigentlich war das ja schon von Anfang an nicht das Leben des Franz Brenninger – nicht wirklich sein eigenes. In jungen Jahren hat er vergeblich drei Jahre lang an einem Konservatorium Musik studiert: daher sein Bezug zu Schuberts Kunstliedern, die der vierschrötige, kraftstrotzende, bayerische Grobian verblüffend feinfühlig zu singen und auf dem Klavier zu begleiten weiß. „Ich hab’s einfach nicht geglaubt, dass es nicht reicht!“ kommentiert er später, bereits in Afrika unterwegs, dieses erste, frühe Scheitern seiner Lebensträume. Und genauso, wie er es damals nicht geglaubt hat, weigert er sich auch jetzt wieder, sich der Realität zu beugen. Obwohl er eigentlich genau weiß, dass es sich nur um eine Betrugsmasche handeln kann, läßt er sich auf ein zwielichtiges Finanzangebot aus Nigeria ein, das ihm angeblich 750.000 Euro Gewinnbeteiligung einbringen soll, für das er aber erst mal seine allerletzten, stillen Reserven als „Sicherheit“ einzahlen muß. Aber da Brenninger sowieso nichts mehr zu verlieren und auch sonst keine Optionen mehr hat, kann er das immerhin als letzten Rettungsanker noch probieren. Natürlich ist das Geld weg; und Franz Brenninger macht sich in seiner Verzweiflung („Ich kann nicht mehr zahlen, ich BRAUCHE das Geld!“) zusammen mit der jungen, kurdischstämmigen Abiturientin Laila (Sibel Kekilli) als Dolmetscherin wild entschlossen auf nach Nigeria, um den Gaunern „sein“ Geld irgendwie wieder abzujagen.
„Einen Weiser seh' ich stehen unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muß ich gehen, die noch keiner ging zurück.“
An diesem Punkt spürt Brenninger bereits, dass seine „Winterreise“ nach Afrika – wie in Schuberts düsterem Liederzyklus – eine Reise ohne Wiederkehr sein wird. Aber noch hat er wenigstens in seinen manischen Phasen viel Kraft übrig; er explodiert wie ein Vulkan bei seinen Versuchen, die Gangster ausfindig zu machen und ihnen das Geld wieder abzunehmen. Laila dient ihm trotz seiner schwer erträglichen Temperamentsausbrüche treu als Dolmetscherin, sie bildet für ihn mit ihrer besonnenen Art einen Ruhepol und Orientierungspunkt mitten in dem nigerianischen Chaos, und sie bemüht sich liebevoll und geduldig, ihm aus seinen Depressionen heraus zu helfen, die ihn auch in Nigeria zwischendurch wieder einholen.
„Drüben hinter’m Dorfe steht ein Leiermann,
Und mit starren Fingern dreht er was er kann.
(...)
Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?“
Brenningers Bemühungen bleiben erfolglos; allmählich verlassen ihn seine Kräfte. Vom zu Rate gezogenen, deutschen Botschafter wird er zudem eindringlich vor den bereits von Interpol gesuchten Gangstern gewarnt: sie seien äußerst gefährlich, es habe bei Konfrontationen schon mehrere Tote gegeben. Auch Laila verliert schließlich die Geduld und begehrt auf; sie ist es leid, wochenlang in einem tristen Hotelzimmer ergebnislos auf ein Wunder zu warten. In einem letzten Aufbäumen („Okay, hau’ma ab!“) mietet Franz einen Geländewagen an und macht sich mit Laila irgendwo ins nigerianische Hinterland auf, wo er einen der Drahtzieher des Betrugs vermutet. Seiner Begleiterin sagt er nicht, was er vorhat; er fordert sie auf, die Fahrt als abschließende Urlaubs- und Besichtigungsreise zu genießen.
Das unmöglich Scheinende gelingt am Ende doch noch: Franz Brenninger findet einen der Gauner, schlägt ihn in einem eindeutig kriminellen Akt hinterrücks in seinem Haus nieder und nimmt die dort vorgefundene Betrugsbeute - eine absurd hohe Summe Bargeld - an sich. Aber damit ist er auch endgültig am Ende seiner Kraft und seiner realen Möglichkeiten angelangt.
„Drei Sonnen sah’ ich am Himmel stehn,
Hab’ lang’ und fest sie angesehn;
Und sie auch standen da so stier,
Als könnten sie nicht weg von mir.
Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!
Schaut Andren doch in’s Angesicht!
Ja, neulich hatt’ ich auch wohl drei:
Nun sind hinab die besten zwei.
Ging’ nur die dritt’ erst hinterdrein!
Im Dunkel wird mir wohler sein.“
Das erbeutete Geld gibt Franz Brenninger die Möglichkeit, noch ein letztes Mal das zu tun, was er seit Jahrzehnten als seinen Lebenssinn sieht: wenigstens materiell für seine Lieben zu sorgen. Er vertraut Laila das Geld an - wohl bedacht den größeren Teil für seine Frau und die Kinder, einen kleineren Teil für Laila als Lohn für ihre treue Begleitung – und schickt sie damit nachhause.
Er selbst bleibt zurück; nach all dem Geschehenen gibt es für ihn keinen Rückweg mehr in sein Leben. Er wählt stattdessen unmittelbar darauf den Freitod.
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Es ist wahrlich kein Vergnügen, diesen Film anzusehen. Josef Bierbichler brüllt wie ein Stier, Josef Bierbichler rennt nackt im Garten herum, Josef Bierbichler hüpft wild im Takt irgendwelcher überlauter Musik, Josef Bierbichler randaliert hemmungslos, Josef Bierbichler singt schwermütige Lieder, Josef Bierbichler liegt in auswegloser Depression reglos am Boden – wer das nicht versteht, den nervt das alles einfach nur noch. Und auch, wer selbst schon einmal in so einer Lage existenzieller Bedrohung war, oder wer jemanden gut kannte, der an einer „bipolaren Störung“ zugrunde gegangen ist, wird durch diesen Film und durch Bierbichlers radikale Schauspielkunst zwar tief berührt, fühlt aber gerade deshalb auch eine im Verlauf der Geschichte ständig wachsende Beklemmung: immer quälender, immer auswegloser, absehbar und unabweisbar auf das tragische Ende zusteuernd, ohne jeglichen Hoffnungsschimmer auf irgendeine Erlösung.
Viele haben Sibel Kekilli später vorgeworfen, als Laila kein Licht in das Dunkel gebracht, keinen positiven, rettenden Gegenpol zu der depressiven Selbstzerstörung des Franz Brenninger gebildet zu haben. Aber dazu hatte sie gar keine Chance; im Grunde agierte sie in diesem Film gar nicht wirklich als Schauspielerin, sondern nur als Statistin – genauso wie Hanna Schygulla als „Mucki“ und Philipp Hochmair / Anna Schudt als Sohn und Tochter des Franz Brenninger. Sie alle bildeten unter Hans Steinbichlers Regie nur den statischen Kontrast, um die ständig wachsende Distanz des an seinem Lebenswerk scheiternden Familienvaters zu allem noch „Normalen“ und „Gesunden“ deutlich zu machen.
Der Regisseur Steinbichler und der (de facto einzige) Schauspieler Bierbichler haben den Film „ihren Vätern“ gewidmet. Genau darin liegt auch der Schlüssel für die Botschaft dieses Films: denn das war eine Generation von Vätern, die schon als unschuldige Jugendliche in einen aussichtslosen Krieg gezwungen wurden und mehrheitlich darin umkamen, wofür aber den Überlebenden nachher alle Schuld in die Schuhe geschoben wurde. Es war eine Generation von Vätern, die tapfer ihr von fremden Mächten völlig zerstörtes, zerbombtes, in Trümmern liegendes, industriell demontiertes und ausgeraubtes Land wieder aufbauten und im „Wirtschaftswunder“ zu neuer Blüte brachten. Sie taten das nicht für sich selbst; die allerwenigsten Väter dieser Generation hatten jemals die Chance, ihre Jugendträume zu verwirklichen und ihr ureigenes Leben zu leben. Stattdessen identifizierten sie sich mit der aktuell anstehenden, harten Aufgabe und akzeptierten es als ihren Lebenssinn, für sich und für ihre Frauen und Kinder erst mal die überlebensnotwendigen – dann die nötigen, und erst viele Jahre später auch die bloß wünschenswerten – materiellen Voraussetzungen zu schaffen. Gedankt wurde ihnen das selten, eher im Gegenteil: man machte ihnen pauschal zum Vorwurf, in erster Linie „materiell“ zu denken – ein wohlfeiler Vorwurf ausgerechnet von jenen, die von dieser Vätergeneration von der für sie selber notwendigen, materiellen Daseinsfürsorge unter härtesten Bedingungen freigestellt worden waren.
„Winterreise“ ist ein Stück Wiedergutmachung an dieser betrogenen, verfemten, zur Hälfte schon in der Jugend ermordeten Vätergeneration: wenn man so einen wie den Franz Brenninger schon nicht mehr retten kann, so kann man doch wenigstens posthum noch versuchen, ihn zu verstehen – anstatt seine nachvollziehbare Verzweiflung und Agonie kalt distanziert als „manisch-depressives Irresein“ wegzuinterpretieren. Der Film vermittelt ein Stück weit ein solches Verständnis. Das – und Josef Bierbichlers Schauspielkunst, für die in ihrer kompromisslosen Radikalität allenfalls noch ein Klaus Kinski als Vorbild genannt werden kann - macht ihn zu einem der besten und wichtigsten Filme, die jemals in Deutschland gedreht wurden.
Es gibt übrigens noch einen anderen, deutschen Film mit ähnlicher Thematik und Botschaft: „Der Aufstieg - Ein Mann geht verloren“, 1980 für das deutsche Fernsehen gedreht. Zwei Reporter interviewen darin einen nach dem Krieg raketenartig schnell reich gewordenen, dann aber über angebliche Insidergeschäfte zu Fall gebrachten Industriellen, unmittelbar vor dessen Suizid. Mit „Winterreise“ nicht vergleichbar und auch längst in Vergessenheit geraten – trotzdem sehenswert.