Die Kurzgeschichte „Autopsy Room Four“ wurde erstmals 1997 in zwei verschiedenen Werken veröffentlicht: Zum einen in Stephen King´s auf nur 1.100 Exemplare limitierten Sammelband „Six Stories“, zum anderen in Robert Bloch´s „Psychos“-Anthology. Fünf Jahre später erschien sie dann erneut, und zwar in King´s „Everything´s Eventual: 14 Dark Tales“-Sammlung. 2003 drehte Regisseur Stephen Zakman einen 22-minütigen Kurzfilm auf Basis des Materials, welcher auf einigen Festivals lief und beim Publikum relativ gut ankam. Im Rahmen der „Nightmares and Dreamscapes“-Mini-Serie (2006) beträgt die Laufzeit nun mehr als das Doppelte, hinter der Kamera stand Mikael Salomon, ein erfahrener Cinematographer („Abyss“/„Backdraft“) und Filmemacher („Hard Rain“/„Salem´s Lot“).
Der Geschäftsmann Howard Cottrell (Richard Thomas), aufgrund seiner Vorgehensweise im Beruf auch „Howard the Conqueror“ genannt, hat viel im Leben durchmachen müssen, wie etwa eine Verwundung im Krieg, welche ihm die „Manneskraft“ raubte – doch alles Erlebte ließ ihn nur noch zielstrebiger voranschreiten, und der Erfolg gibt ihm scheinbar Recht. Im Job steht er über den Dingen, nur daheim bei seiner Frau, der schönen, verständnisvollen Angela (Jude Beaumont), plagen ihn immer wieder aufkommende Zweifel, die meistens aus seiner Verletzungs-bedingten Potenzschwäche resultieren. Beim Golfen mit seinem Bekannten Ed (Paul Gleeson) kann er sich allerdings so präsentieren, wie er sich am liebsten sieht, nämlich selbstsicher und entschieden. Aus dem Grund kommt es für ihn keinesfalls in Frage, sich von einem nähernden Hitzegewitter sein Spiel unterbrechen zu lassen – das nächste, was Howard mitbekommt, ist dass er verwirrt und desorientiert auf einer metallischen, kalten Unterlage liegend erwacht und irgendwo hin geschoben wird. Unfähig, sich zu bewegen oder gar nur einen Laut von sich zu geben, vermag er zwar weiterhin zu fühlen, hören und sehen (wenn auch bloß starr nach oben), doch kann er diese Tatsache den Personen in seiner Nähe einfach nicht mitteilen. Bald muss er (zu seinem Entsetzen) erkennen, dass er sich in einem Krankenhaus befindet, genau genommen in der Leichenhalle – und da kehrt die betreffende Erinnerung plötzlich zurück: Er wurde weder von einem Blitz getroffen, noch erlitt er einen Herzinfarkt, wie es die Leute hier scheinbar glauben – nein, beim Suchen des Balles im höheren Gras war er von einer Schlange gebissen worden, der herbeigerufene Arzt, eigentlich schon lange Jahre im Ruhestand, hatte ihn vorschnell für tot erklärt, weil das lähmende Gift des seltenen Tieres alle Lebenszeichen auf ein absolutes Minimum reduzierte! Begleitet von (innerer) Panik, muss er hilflos miterleben, wie die zuständigen Ärzte seinen vermeintlichen Leichnam untersuchen: Die Aufsicht führt Dr. Katie Arlen (Greta Scacchi), welche just bei dieser Autopsie dem unerfahrenen Dr. Peter Jennings (Robert Mammone) eine Einarbeitung zusagt, welcher prompt die Bissmale mit Mückenstichen verwechselt. Das Betriebsklima ist ohnehin leicht abgelenkt, denn Arlen und Jennings entdecken gerade, dass sie Gefühle füreinander hegen – der sowieso in ihren Augen etwas nervige Assistent Rusty (Linc Hasler) wird dementsprechend immerzu mit anderen Aufgaben fortgeschickt. Da die Umstände des Todes nicht ganz klar sind, hofft man, anhand der Organe einen exakten Hinweis auf die Ursache zu erhalten – Katie will sehen, ob Peter das in diesem Stadium seiner Laufbahn bereits schafft. Schockiert malt sich Howard im Geiste aus, was wohl gleich passieren wird, seine Gedanken überschlagen sich – schließlich hört und spürt er alles. Die Chancen stehen schlecht, dass es ihm rechtzeitig gelingt, sie von seinem Zustand in Kenntnis zu setzen, bevor die ersten Schnitte getätigt werden – ein realer Albtraum beginnt…
Das Konzept hinter „Autopsy Room Four“ stützt sich auf eine Kombination verschiedener Angstarten – wie die Furcht davor, für tot gehalten zu werden, während man noch am Leben ist, jene vor einem gelähmten Wachzustand unter vermeintlicher Voll-Narkose sowie dem allgemeinen Unbehagen, Ärzten im Rahmen eines Eingriffs hilflos ausgeliefert zu sein. Hinzu kommt natürlich genauso die Taphophobie – also übersteigerte, zwanghafte Ängste, lebendig (scheintot) begraben zu werden. Abgesehen von diversen urbanen Legenden und Berichten aus anderen Kulturen (Wade Davis´ Buch über „Zombifikation“ in Haiti kommt dabei zwangsläufig in den Sinn, welches den Film „the Serpent and the Rainbow“ inspirierte), gibt es immer wieder (seriöse) Meldungen, die derartige Vorfälle zutage fördern. In Indien lassen sich Menschen gar freiwillig für einige Tage in einen solchen Zustand abgleiten – per Yoga reduzieren sie ihre Körperfunktionen (und somit Lebenszeichen) auf ein kaum mehr feststellbares Minimum. Im Endeffekt ist diese Stephen King Story demnach nur eine weitere „lebendig begraben“-Variante, deren Ursprünge uns schon seit Jahrhunderten in der Literatur begleiten – vgl. William Shakespeare („Romeo and Juliet“, 1595) oder (insbesondere) Edgar Allan Poe („the Cask of Amontillado“, 1846), welcher geradezu besessen von der Thematik war.
Zumindest in ihren Grundzügen dürfte die Handlung nahezu jedem bekannt sein, ein Hineindenken in Howard´s unglückliche Lage sollte wohl keinen Betrachter kalt lassen. Das Geschehen hat man insgesamt recht simpel gestrickt und relativ gradlinig auf Kurs gehalten. Gelegentlich zeigen kurze Rückblenden spezielle Momente aus dem Vorfeld der aktuellen Ereignisse auf, die man anscheinend gezielt veranschaulichen wollte, um die vorwiegend verbale Informationspräsentation zu übersteigen und/oder auf diese Weise die vorgegebene Laufzeit einigermaßen zweckmäßig zu füllen. Zusätzlich unterstützt dieses Vorgehen die Intention, den Start der Leichenöffnung Spannungs-steigernd konstant weiter hinaus zu zögern – um dies zu erreichen, fügte man noch eine Vielzahl anderer Elemente hinzu, wie das unharmonische Verhalten Rusty´s gegenüber seinen Kollegen, die wiederum gern ungestört wären, um sich ihre beidseitigen Gefühle endlich mal offen eingestehen zu können. Prekär ist allerdings die aufkeimende Erkenntnis, dass genau diese Szenen fruchtlos auf Zeit spielen – so verpufft das (nötige) kribbelnde Gefühl nach und nach, welches jene „Teaser“-Augenblicke eigentlich konservieren bzw konsequent steigern sollten. Die Balance stimmt nicht – ich kann mir gut vorstellen, dass dem gleichnamigen Kurzfilm dies allein dank seiner kompakteren Beschaffenheit besser gelingt. Am Anfang fesselt hauptsächlich die Situation an sich, welche folgend schlichtweg zu sehr verwässert wird, so dass es am „Showdown“ liegt, die Kohlen noch aus dem Feuer zu holen – nein, selbst das misslingt, denn gerade der Schluss enttäuscht maßlos. Zugegeben, das Einleiten des dramatischen Finales zu Beginn des letzten Akts bietet überraschend Action-reiche Abwechslung – was dann aber folgt, entlässt den Zuschauer in Gestalt eines unbefriedigenden, verärgernden Ausklangs in den Abspann, und das fällt angesichts des im Grunde unschlagbaren Kernmaterials umso gravierender ins Gewicht.
Jeder besitzt eine innere, die eigenen Gedanken begleitende Stimme, und man kann sich leicht ausmalen, dass jene in einem solchen Extremzustand nicht unbedingt schweigt – diese Gegebenheit führt hier prompt zum nächsten Problem der Episode: Die ausführlichen Voiceovers, welche Howard´s Empfindungen, einschließlich der verschiedenen „Gemütsphasen“ (Panik, Verzweiflung, Resignation, Hoffnung, Wut etc), kundtun – sie nerven auf Dauer. Das ständige „Gerede“ wirkt dem Aufkommen echter Spannung oder Atmosphäre eher entgegen, statt diese Eigenschaften zu potenzieren sowie den persönlichen Terror effektiv zu verdeutlichen. An der Darbietung von Richard Thomas („It“/„the Wonder Boys“), „John-Boy-Walton“ höchstpersönlich, liegt das sicher nur bedingt, denn „körperlich“ ruht er die meiste Zeit ohnehin nur mit ausdrucksloser Miene auf dem Rücken, in den Flashbacks kommt er (gewollt) entweder als überheblich (in Gegenwart der Kollegen) oder verunsichert (bei seiner Frau) rüber. Meiner Meinung nach trifft seine Sprecher-Leistung nicht durchgängig den richtigen Ton – teilweise passt die Betonung, an anderen Stellen wirkt sie irgendwie „knapp daneben“. Dieser Faktor (inklusive Inhalt, Fülle und Modulation) schadet letzten Endes: Er ist zu sehr im Vordergrund, weshalb sich der blanke Horror des konkreten Zustands nie direkt bzw unkommentiert entfalten kann – er wird förmlich von den (vielen) Worten erstickt. Greta Scacchi („the Player“/„Flightplan“) teilt eine angenehme Chemie mit ihrem Co-Star Robert Mammone („the Great Raid“/„Man-Thing“): Beide erledigen ihre Sache gut, was ebenso für Newcomer Linc Hasler gilt, nur stehen ihre Charaktere allesamt in der zweiten Reihe hinter dem gelähmten „Conqueror“, sind daher in gewisser Weise bloß Mittel zum Zweck.
Mikael Solomon hat bei seiner (neben „the End of the whole Mess“) zweiten „Nightmares and Dreamscapes“-Folge handwerklich solide Arbeit abgeliefert (obwohl die CGI-Schlange gen Negativ-Grenze tendiert). Seiner Inszenierung kann ich keine Schuld am Scheitern zusprechen, was aber nicht für April Smith´s Skript gilt: Ihre überwiegend gelungene „Umney´s last Case“-Adaption fiel erst im letzten Akt vollkommen auseinander, in diesem Fall gelingt es ihr gar nicht erst, überhaupt Momentum aufzubauen – der Schluss ist dabei nur der Tiefpunkt des sowieso schwachen Gesamtlevels. Ich gebe zu, dass die Vorlage (über die ich leider keinerlei Infos verfüge) offensichtlich kaum eine optimale Wahl für dieses Format war – nur lag es an Smith, das Beste daraus zu machen. Das Nutzen eines schwarzen Humors gefiel mir eingangs, wurde allerdings gleichermaßen überreizt wie die Erzähltechnik: Es ist unangenehm, nackt auf einem Tisch zu liegen und von Fremden betatscht zu werden, okay, doch mussten diese Ausschweifungen über Impotenz, Erektionen und das Einführen von Thermometern in bestimmte Körperöffnungen (in jener Fülle) wirklich sein? Ich denke nicht, zumal das einer bedrohlichen Stimmung ebenfalls nicht sonderlich förderlich ist. Darüber hinaus war es keineswegs nötig, Angela und Ed im Krankenhaus auftauchen zu lassen – ein möglicher Twist (Affäre?) bleibt aus, und der Eindruck wird genährt, dass man so ausschließlich einige zusätzliche Minuten überbrücken wollte.
„Autospy Room Four“ vermag es nicht, das Potential des klassischen sowie großartigen Grundkonzepts ausschöpfend zu nutzen. Der im Kopf entstehende Horror beim Lesen einer solchen Geschichte wird nicht einmal ansatzweise erzielt, die exzessive Voiceover-Verwendung erledigt den Rest, indem sie, salopp ausgedrückt, jegliche Atmosphäre „totquatscht“. Für eine Dreiviertelstunde reicht die Handlung einfach nicht aus. Wer erleben will, wie so etwas richtig funktioniert, braucht sich nur mal die ersten Szenen des B-Movies „Room 6“ anzuschauen …
„3 von 10“