CROUCH END
Stephen King liebt normalerweise das Konkrete, wenn es um die Beschreibung seiner Monster geht. Selbst ein Geist wird bei ihm mit einer derartigen Hingabe voller Details geschmückt, dass man glauben könnte, das von Natur aus eigentlich vage Ding stünde nur einen Zentimeter entfernt, so dass man jede Falte im Bettlaken erkennen könnte.
Dass es aber auch anders geht, hat King unter anderem mit dem Poe-inspirierten “Crouch End” bewiesen, das sich beispielsweise der Quintessenz aus Lars von Triers “Geister” oder Nicolas Roegs “Wenn die Gondeln Trauer tragen” anschließt: Das Jenseits, oder hier die “andere Dimension”, liegt möglicherweise gleich in der Nachbarschaft, mitten in unserer rationalen, urbanen Welt. “Crouch End” ist King-untypisch ein Ort des Surrealismus, irgendwo mitten im ansonsten so beschaulichen England. Ein Pärchen von außerhalb verirrt sich “Hänsel und Gretel”-gleich an einem unwirklichen Ort. Die Dialoge zwischen Mann und Frau werden entrückter, je tiefer sie in den Schlund des Ortes eindringen, und bald ergibt nichts mehr einen Sinn. Das sterbende Licht des Sonnenuntergangs leuchtet unnatürlich kalt, ein Basketball hüpft einsam die Straße entlang und unter der Brücke haust ein Wesen, schemenhaft als Katzenmensch beschrieben; eine riesige, behaarte Hand schnellt aus dem Dunkel hervor und schlingt sich um den erstarrten Nacken der Närrin, die da versucht, einen Ausweg zu finden.
Für einen dem Surrealen Zugeneigten wie meinesgleichen ist das ein Schlaraffenland des Horrors, das in erster Linie von dem lebt, das nicht ausgeschrieben wird. Ich möchte so weit gehen zu behaupten, “Crouch End” ist meine persönliche Lieblingskurzgeschichte aus Kings Feder. Sie mag nicht so ausweglos und konsequent sein wie “Das Floß”, nicht so hintergründig-zynisch wie “Die Zehn-Uhr-Leute” und nicht so dystopisch wie “Nächtliche Brandung”, aber ihre Atmosphäre bleibt in der Kürze des Gegebenen weitgehend unerreicht.
Die Bemühungen, dieser Atmosphäre gerecht zu werden, lassen sich in dem mit Claire Forlani (“Rendezvous mit Joe Black”, “Das Medaillon”) und Eion Bailey (“Fight Club”, “Band of Brothers”) besetzten Kurzfilm zweifellos erkennen. Die Nähe zur Vorlage ist ausgesprochen groß, was in Anbetracht der Vagheit des Beschriebenen schon für sich eine Leistung ist. Die Tatsache, dass “Crouch End” weniger an einer Story interessiert ist als vielmehr an der kolportierten Stimmung beim Abdriften ins Surreale, wird von Regisseur Mark Haber respektiert und damit die Mindestvoraussetzung für die Adaption eingehalten.
In der Theorie also alles schön und gut. Problematisch wird es, sobald die handwerkliche Umsetzung gefragt wird. Anstatt beispielsweise den Sonnenuntergang für sich zu verwenden und das Licht mit zunehmender Laufzeit in Echtzeit schwächer werden zu lassen, werden simple Farbfilter verwendet, um die Unwirklichkeit Crouch Ends herauszustellen. Wenn das Ehepaar mit dem Taxi von der Innenstadt in den ominösen Ort gebracht wird, scheint es beinahe so, als würde auf einmal eine Grenze überschritten - hier noch klares Licht, nur einen Zentimeter weiter jedoch ist schon alles blaugetränkt. Von Subtilität keine Spur.
Kaum werden nach dem dialogfreien “Battlefield” auch Gespräche zugelassen, ergibt sich mal wieder das alte Problem bei King-Verfilmungen - seine Figuren wirken auf der Leinwand automatisch künstlich, sobald sie den Mund aufmachen. Deplatzierte Gespräche über Aberglauben und das Phänomen, dass Männer nicht gerne nach dem Weg fragen, muss man über sich ergehen lassen, bis der Mann endlich durch eine Hecke springt, um einer stöhnenden Person zu helfen, und ganz benommen wieder herauskommt. Ab hier wird es zumindest diesbezüglich etwas besser, da das unzusammenhängende Gestammel des nun offensichtlich durch ein Ereignis (welches uns vorenthalten wird) verstörten Mannes endlich die ersehnte Unwirklichkeit heraufbeschwört wird.
Mit der Präsentation der Monster verhält es sich dann wieder anders - die dämonische Präsenz zweier Kinder, eines davon mit einer verkrüppelten Hand, lässt sich allenfalls erahnen, in der Tunnelsequenz wird die Chance für gänsehauterregenden Suspense vollkommen verschenkt und als am Ende die Computeranimation ein weiteres Mal obsiegt, glättet sich auch das letzte Nackenhaar wieder, falls überhaupt jemals eines aufgerichtet war.
Die Hauptdarsteller gehen in Ordnung, wenngleich Forlani auf gutem Niveau lediglich das Standardprogramm abspult und der sonst ansprechende Eion Bailey in einzelnen Momenten des Schreckens leicht überfordert wirkt.
Es hätte weißgott schlimmer kommen können, aber am Ende hat die Unverfilmbarkeit der Geschichte doch ihren Tribut gefordert. Um “Crouch End” adäquat zu verfilmen, hätte es einen expressionistisch vorgehenden Regisseur mit eigener Marke gebraucht - im Rahmen einer Anthologie wie “Nightmares & Dreamscapes”, wo eher Handwerksarbeit gefragt ist als eine künstlerische Note, ist die Geschichte dann doch falsch aufgehoben.
4/10