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Bei Georg Büchners "Woyzeck " handelt es sich mit Sicherheit um eine der bemitleidenswertesten Figuren in der Literaturgeschichte und in Werner Herzogs Verfilmung dieses Stoffes finden wir eine nahezu kongeniale Umsetzung, was in der Hauptsache auf die Leistungen Klaus Kinskis zurückzuführen ist, der hier den Part des Woyzecks mimt.

Der Füsilier Franz Woyzeck lebt in einer Kleinstadt im Hessen des 19. Jahrhunderts. Aus seiner Not heraus ist er gezwungen, sich einer ihn missachtenden, ausbeuterischen Gesellschaft zu verdingen, um seine Geliebte Marie (Eva Mattes) und ihr gemeinsames uneheliches Kind versorgen zu können.
So muss Woyzeck tagtäglich seinen standesdünkelnden „Hauptmann“ (Wolfgang Reichmann) rasieren, der nur Verachtung und Spott für ihn übrig hat und sich darüber hinaus in moralischen Vorhaltungen ergeht, dass er ein uneheliches Kind sein eigen nennt.
Des weiteren muss sich Woyzeck als Proband zu medizinischen Versuchen des „Doktors“ (Willy Semmelrogge) zu Verfügung stellen, der ihn als Anschauungsobjekt für seine Vorlesungen missbraucht.
Physisch mehr und mehr durch die Experimente geschwächt und allmählich in den Wahnsinn abgleitend, verliert Woyzeck den letzten Halt in seiner Existenz indem er erfährt, dass Marie ihn mit dem leutseligen „Tambourmajor“ betrügt.

Dieses wohl revolutionärste Drama des 1837 im Alter von dreiundzwanzig Jahren viel zu früh verstorbenen Dichters Georg Büchners ist leider Fragment geblieben, obwohl es meine Auffassung ist, dass das vorliegende Werk Büchners eigentlicher Intention ziemlich nahe kommt.
Herzog folgt der literarischen Vorlage fast minutiös und die gewählte auffallende Schlichtheit kommt der Inszenierung ausgesprochen zugute.
Das hervorragende Schauspielerensemble trägt sein übriges zur erfolgreichen Umsetzung des Stückes bei, insbesondere der spitzfindig karikierende Charakter der Figuren des „Hauptmannes“, des „Doktors“ und des „Tambourmajors“, in welchem der Sozialrevolutionär Büchner scharfe Kritik an den damalig bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit zu üben wagte, ist ausgesprochen gut umgesetzt worden.
Das größte Lob gebührt allerdings ohne Zweifel Klaus Kinski.
Er verkörpert die gequälte, ausgebeutete und hilflose Kreatur, die im „Woyzeck“ anklägerisch zum Ausdruck gebracht werden soll, mit voller Hingabe.
Wie Kinski auch später einräumen sollte, hat er sich in hohem Maße mit seiner Rolle identifiziert (wie dies vergleichsweise wohl nur bei Kinskis Porträt des Teufelsgeigers „Paganini“ nochmals der Fall sein sollte):

„Das Schlimmste, das ich je beim Film durchmachen musste. Ich habe bereits gesagt, dass die Geschichte von Woyzeck Selbstmord ist. Selbstzerfleischung. Jeder Drehtag, jede Szene, jede Einstellung, jedes Photogramm ist Selbstmord.“

So ist bereits die brilliant inszenierte Eingangssequenz des Filmes, welche nicht auf die literarische Vorlage, sondern wohl auf die Initiative Herzog/Kinskis zurückgeht, hervorzuheben: Woyzeck muss irgendwelchen schikanösen militärischen Exerzierübungen nachgehen, während sein Vorgesetzter auf den am Boden liegenden eintritt.

Fazit zu „Woyzeck“: Eine, dem Werk Georg Büchners annährend ebenbürtige Umsetzung und einer der besten Filme, welcher der Kooperation Herzog/Kinski entstammt.

Eindeutige 10/10!

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