kurz angerissen*
Werner Herzog sucht die Authentizität der Kunst bei „Woyzeck“ in der unmittelbaren Gelegenheit. Der Regisseur bewunderte die (unvollendete) literarische Vorlage von Georg Büchner, muss also so tief in der Materie verankert gewesen sein, dass er gleich im Anschluss an die ambitionierte Neuverfilmung von „Nosferatu“ ohne intensive Vorbereitung loslegen konnte.
Rückblickend führte das kurz entschlossene Entscheidungen mit sich, die später kritisch diskutiert wurden, allen voran die Besetzung der Hauptrolle mit Klaus Kinski. Am gängigen Argument, Kinski könne – auch im erschöpften Zustand nach der Darstellung des Nosferatu – keine gedemütigte, machtlose Figur spielen, der die Übersicht über das Gesamtgeschehen fehle, ist mit Sicherheit etwas dran, wenn man den Hauptdarsteller von der ersten Szene an mit weit aufgerissenen Augen beim Drill chargieren sieht. Seine Leinwandpräsenz ist schlicht so überwältigend, dass sich das Bild eines grauen Mäuserichs nicht einstellen mag.
Doch die Entscheidung ist gefallen und hat, wenn auch vielleicht nicht zum beabsichtigten Ergebnis, doch zumindest zu sehenswerter Zeitgeschichte geführt, denn trotz allem betrachtet man das von bildlichen, einfachen Gedanken getriebene Handeln und die seelischen und körperlichen Misshandlungen Woyzecks mit einer gewissen Faszination. Herzog inszeniert sehr theatergerecht, befehligt nur wenige, dann aber markante Schnitte, um lange Totale zu trennen, in denen die altmodischen Sets zu Bühnen aus verschiedenen Akten werden. Nur in Schlüsselszenen, etwa der Mordszene, wird Herzog filmischer, nutzt Zeitlupe, seinen schlichten (zeitgenössischen) Soundtrack und eine Reduktion oder Aufhebung der Hintergrundgeräusche.
„Woyzeck“ mag nicht in allen Belangen überzeugen, doch die zentralen Aspekte des Werkes erfasst Herzog in weniger als 80 Minuten: Er analysiert gesellschaftliche, psychologische und emotionale Beweggründe der Hauptfigur und stellt die Fehlkommunikation zwischen den höheren und niederen Schichten ebenso wie zwischen Gleichgesetzten überzeugend heraus.
*weitere Informationen: siehe Profil