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In seinem zweiten Langspielfilm lässt Stanley Kubrick einen erfolglosen Boxer ins Visier eines brutalen Gangsterbosses geraten, als er sich in dessen ehemalige Geliebte verliebt und sie vor den Schergen des Verbrechers beschützen will. In einem dramatischen Zweikampf in den Straßen des nächtlichen New York entscheidet sich das Schicksal dieser gefährlichen Dreiecksbeziehung.

Formal und inhaltlich noch weit von den Meisterwerken entfernt, die Kubrick ab den 60ern entwickeln sollte, unterhält „Der Tiger von New York" mit einer zwar etwas altbackenen, aber spannenden Grundstory, einigen guten technischen Ideen und einem visuell überaus originellen Finalkampf. Vor allem aber ist es seine kurze Laufzeit von gerade einmal 64 Minuten, die ihn vor dem Absturz ins Mittelmaß rettet, denn schon hier schleichen sich einige etwas langatmige Sequenzen ein.

So gerät etwa die finale Verfolgungsjagd durch die Straßen New Yorks bei aller beeindruckenden Realitätsnähe und Authentizität doch ein wenig zu unspektakulär und langgezogen. Und am Anfang des Films wirken die parallel geschnittenen Montagen zwischen einem verlorenen Boxkampf und einem unangenehmen Abend der jungen Frau in Begleitung des Gangsters ein wenig wirr - als müsste die Regie hier erst noch zu ihrem eigenen Stil finden.

Den allerdings findet sie dann auch schnell und überrascht immer wieder mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen oder einem im wahrsten Wortsinn vielschichtigen Perspektivenspiel mit verschiedenen Bildebenen - wenn etwa der Boxer telefoniert und dabei durchs Fenster seine Nachbarin beim Umziehen beobachtet, was der Zuschauer durch einen Spiegel hinter dem Boxer nachvollziehen kann. Das gleichzeitige Ablaufenlassen von Geschehnissen auf verschiedenen Bildebenen kommt hier mehrmals in dramaturgisch entscheidenden Szenen zum Einsatz und hebt den Film über die übliche Krimiware seiner Dekade hinaus. Auch andere technische Spielereien wie etwa eine kurze Negativ-Sequenz zur Darstellung eines Traums oder die hautnahe, konsequent aus Untersicht gehaltene Kamera beim Boxkampf sorgen immer wieder für kleine Überraschungen und lassen die Spannung allein durch formale Mittel ansteigen. Hier kann man zumindest schon ein wenig der revolutionären Filmarbeit Kubricks erahnen.

Als geniales, ironisch-groteskes Highlight muss aber eindeutig der finale Kampf in einer Lagerhalle voller nackter Schaufensterpuppen-Torsos gelten. Das visuelle Untertauchen der menschlichen Gesichter zwischen all den starren Puppen und der gnadenlose, gut choreografierte Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln - seien es Äxte, Schürhaken oder eben Puppenteile - erzeugt nicht nur einen hochdramatischen Kampf auf Leben und Tod, sondern sorgt auch für visuelle Eindrücke, die man so noch nicht gesehen hat.

Auch wenn „Der Tiger von New York" mit seiner melodramatischen Story und einigen kurzen erzählerischen Durchhängern nicht vollständig zu überzeugen weiß, kann er doch als kurzweiliger Krimi mit Lovestory gut unterhalten. Und für Fans des großen Stanley Kubrick ist er sowieso ein absolutes Muss, kann man hier doch dem Meister beim Finden seiner unvergleichlichen Handschrift zusehen.

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