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„Mission: Production Jungle"

Ein als Sequel Gedachtes Prequel hat man auch nicht alle Tage. Aber das kultige Klopperstudio Cannon hat auch eine solche Kuriosität im Programm. Nicht dass man in erster Linie für Kuriositäten berühmt geworden wäre, eher für Brutalitäten und Simplizitäten. Und mit beiden kann „Missing in Action 2" prominent aufwarten. Wenn zudem der Meister des Unzimperlichen und Unkomplizierten an Bord ist, kann nun wirklich gar nichts mehr schief gehen. Tut es auch nicht, sofern man sich zur eingeschworenen Schar anvisierter Konsumenten zählt. Wer allerdings beim fröhlichen Trompeten tumber Naivitäten und anderer böser Unkorrektheiten in Schnappatmung verfällt, der ist hier ganz flott „Missing in Attraction".

Anno 1984 kursierte in Hollywood James Camerons Skript zu „Rambo 2: Der Auftrag" (1985). Die findigen Produzenten der aufstrebenden B-Action-Schmiede Cannon Films, Menahem Golan und Yoram Globus, sahen sofort das Hitpotential des Stoffes und damit die günstige Gelegenheit, im Kielwasser mit abzusahnen. Da traf es sich vortrefflich, dass der den Actionthron anvisierende Karatechampion Chuck Norris ebenfalls mit der Idee zu einem Vietnam-Reißer schwanger ging (1) und sogar bereits mit einem Drehbuchentwurf aufwarten konnte. Also wurde dem  Stallone-Herausforderer flugs ein Langzeitangebot unterbreitet (2), allerdings mit der Auflage ein bereits vorliegendes Skript zu verfilmen.  

Bereits während des Drehs beschloss man bei Cannon aus der Story einen Doppelpack zu machen und die beiden Filme als Doppelpack „back to back" zu drehen, so konnte man gleich zwei Mal am zu erwartenden Rambo-Hype mitverdienen. Norris Vietnam-Skript wurde mit ein paar Pinselstrichen an den Plot angepasst und schon hatte man ein passendes Sequel. Als die Arbeiten am zweiten Film begannen, befand sich der erste also gerade in der Postproduction und damit kurz vor seiner Kinoauswertung. So richtig glücklich war man hinter den Produzenten-Schreibtischen allerdings nicht mit dem Streifen, da machte die Rohfassung des geplanten Sequels einen deutlich besseren Eindruck. Fand zumindest Menahem Golan und änderte kurzerhand die Reihenfolge. Das Sequel kam also zuerst unter dem Titel „Missing in Action" (1984) in die Lichtspielhäuser und das Original folgte nur 4 Monate später als „Missing in Action 2: The Beginning" und wurde somit zum Prequel. Noch Fragen?   

Der Held des ganzen Wirrwarrs heißt James Braddock, seines Zeichens Colonel der US-Army, und ist erfrischend simpler gestrickt als die wilde Produktionsgeschichte. Teil 2 beginnt mit einer missglückten Rettungsaktion, bei dem Braddock und seine Mannen über Vietnam abgeschossen werden und fortan ihr bedauernswertes Dasein im Gefangenenlager des brutalen Colonel Yin fristen müssen. Da Braddock sich standhaft weigert angeblich begangene Kriegsverbrechen zu gestehen, kann Yin seiner ausgeprägten sadistischen Ader nach Herzenslust frönen. Geschlagene 10 Jahre geht dieses perfide Spiel, bei dem die Kriegsgefangenen mit allen nur erdenklichen Arten psychischer und physischer Folter Bekanntschaft machen. Erst als einer der Männer an Malaria erkrankt und Hilfe benötigt, lenkt Braddock ein, nur um von Yin ein weiteres Mal auf grausamste Art aufs breite Kreuz gelegt zu werden. Aber diesmal hat er eine Grenze überschritten und der bis dato stoische Amerikaner schlägt gnadenlos zurück ...

„Missing in Action 2" ist - der simple Plot lässt keinen Zweifel daran - ein durch und durch typischer Combat-Reißer der 80er-Jahre, bei dem ein aufrechter (Super-)Held unter den Fieslingen großflächig und umfänglich aufräumt. Die jeweiligen Gesinnungen sind dabei in strikteste Gut-Böse-Schemata getrennt, will heißen, Braddock steht für Tapferkeit, Mut, Ehre, Durchhaltevermögen und Aufrichtigkeit. Yin dagegen ist brutal, sadistisch, treulos, verschlagen und hinterhältig. Ihre jeweiligen Mannen bleiben reine Schablonen, entsprechen ihren Rudelführern aber natürlich in Geist und Charakter. Von subtiler Dramaturgie ist man jedenfalls so weit entfernt, wie Chuck Norris von einer vernünftigen Rasur, aber genau darin liegt der Reiz solcher Filme. Wer hier primitive Manipulation wittert, hat nicht den schlechtesten Riecher, sollte aber zwecks drohender Nasenverstopfung besser das Weite suchen.

Für alle, die so etwas als harmlosen Schnupfen einordnen, bei dem bei ein wenig Grundverstand nicht die geringste Gefahr für Geist und Seele droht, kann uneingeschränkt Entwarnung gegeben werden, inklusive des freundlichen Hinweises auf mögliche Nebenwirkungen wie tiefer gelegte Partystimmung. Ähnlich wie in Charles Bronsons urbanen Selbstjustizorgien funktioniert das simple Ping Pong aus Aktion und Reaktion besonders gut, wenn man das Ganze nicht für voll nimmt. Hier werden Feindbilder eimerweise auf Plakatwände geklatscht, nur um sie dann wieder brachial von den Litfasssäulen zu reißen. Angesiedelt in einem plot-, produktionstechnisch und mimisch unverkennbaren B-Szenario, ist „Missing in Action 2" ein recht kurzweiliger Schenkelklopper für zwischendurch. Für schnöde 2,4 Millionen Dollar bekommt man hier mehr als nur ordentliche Portionen an Feuergefechten, Explosionen und anderen rabiaten Schauwerten kredenzt, garniert mit einem finalen Martial-Arts-Duell, bei dem zumindest unser bärtiger Held mal wieder zeigt, dass sich Kollegen wie Jean-Claude oder Dolph lieber hinten anstellen sollten.

Im direkten Vergleich mit dem zuerst gestarteten „Missing in Action" zieht das Prequel-Sequel sicherlich den Kürzeren. Zwar nimmt man sich beim reaktionären und patriotischen Unterbau so gut wie nichts, aber das One-Location-Setting des Gefangenenlagers sowie das jeweils überschaubare Personal sind auf Dauer dann doch ein wenig eintönig geraten. So gesehen war die Nacht-und-Nebel-Aktion des kurzfristigen Release-Tausches ein kleiner Geniestreich des findigen Cannon-Bosses Golan. Der Überraschungserfolg des ersten Films bescherte nicht nur der in vielerlei Hinsicht simpleren Fortsetzung schöne Gewinne, sondern legte auch den Grundstein für Kultstatus und B-Actionkarriere eines bis dato eher belächelten Handkantenvirtuosen.  

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(1) Chuck und sein Bruder Aaron (zunächst Stuntman, später Produzent vieler „Chuck-Filme") wollten den ihrer Ansicht nach in der amerikanischen Öffentlichkeit unfair behandelten Vietnamveteranen auch aus ganz persönlichen Motiven (Ihr Bruder Wieland war in dem Krieg gefallen) ein Denkmal setzen.
     
(2) Der Vertrag ging über 7 Jahre und garantierte ihm jeweils eine Million Dollar Gage für jeden gedrehten Film.

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