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Ab und zu kommt es vor, dass Remakes das Original übertreffen. Allerdings ist dies zumindest bei den zahlreichen – und zumeist überflüssigen – Hollywood-Remakes erfolgreicher asiatischer Filme der letzten Jahre bisher noch nicht passiert – bis jetzt. Dabei ist „Infernal Affairs“ von 2002 ist mit das beste gewesen, was Hongkong in diesem Jahrzehnt zum Gangsterfilm-Genre beizusteuern hatte und vermochte sogar qualitativ an die John-Woo-Klassiker der 80er-Jahre anzuknüpfen (meine Bewertung: 9/10). Wenn allerdings der Regisseur des (unvermeidlichen) Hollywood-Remakes Martin Scorsese heißt, der zu den besten lebenden Filmemachern überhaupt gehört und dessen Paradegenre eben genau der Gangsterfilm ist, er außerdem 90 Millionen Dollar und eine Traumbesetzung zur Verfügung hat, dann kann man zurecht Großes erwarten.

Und so ist „The Departed“ wie erhofft der bisher beste Film des Jahres und ein zukünftiger Klassiker geworden. Seit „GoodFellas“ hat sich Scorsese nicht mehr in dieser bestechenden Form gezeigt, obwohl auch seine letzten beiden Filme „Gangs of New York“ und „The Aviator“ trotz einiger Mängel noch großes Kino waren.

Vom Plot her hält sich Scorsese ziemlich eng ans Original; er hat sogar teilweise ähnliche Drehorte gewählt wie Andrew Lau und Alan Mak, die Regisseure des Originals, und er verwendet zum Teil die gleichen Plotpoints. Allerdings sind die Dialoge komplett anders gestaltet; Drehbuchautor William Monahan hatte bewusst darauf verzichtet, sich „Infernal Affairs“ vor dem Schreiben anzusehen – eine hervorragende Entscheidung. Denn gerade hier liegt eine der großen Stärken von „The Departed“, und das, obwohl (oder weil...) in fast jedem Satz das Wörtchen „fuck“ vorkommt – laut IMDB immerhin unglaubliche 226 Mal im gesamten Film. Auch von der Gewaltdarstellung her ist „The Departed“ wesentlich drastischer als das Original; wie bei beispielsweise „GoodFellas“ auch gibt es hier einige ziemliche brutale Gewalteruptionen.

Die Besetzung ist – wie bereits erwähnt – ein Traum, und erstaunlicherweise ist Leonardo DiCaprio NICHT das schwache Glied in der Kette. Ganz im Gegenteil, sein Part ist der anspruchsvollste des ganzen Films, und er meistert ihn so gut, dass man sein „Babyface“ vollkommen vergisst. Im Vergleich zu seinen Leistungen in den letzten beiden Scorsese-Filmen konnte er sich noch einmal enorm steigern. Matt Damon bietet einen würdigen Gegenpart dazu, aber neben DiCaprio fand ich die Darstellung von Mark Wahlberg noch besonders erwähnenswert. Die Entwicklung vom herumhopsenden Teenie-Idol Marky Mark, der mit seinen albernen Dance- und Hip-Hop-Nummern vor etwa zehn Jahren noch für unfreiwillige Erheiterung sorgte, zum ernstzunehmenden Charakterdarsteller ist absolut erstaunlich.

Weniger erstaunlich ist hingegen die Art, in der Jack Nicholson seinen Bösewicht verkörpert. Zwar könnte ich den Vorwurf verstehen, dass sowohl die Filmcharaktere Wahlbergs und Nicholsons etwas zu überlebensgroß geraten und fast schon überzogen sind, aber ich bin der Ansicht, dass es so genau richtig ist – der fluchende und schimpfende Wahlberg, der für einigen Humor sorgt und Nicholson, den man schon lange nicht mehr in einer richtig diabolischen Rolle gesehen hat.

Das gilt auch für die gewohnt geniale Kameraarbeit von Michael Ballhaus, der Boston (obwohl der Großteil des Films in New York gedreht wurde) zum eigenständigen Filmcharakter werden lässt, der erheblich die Atmosphäre des Films bestimmt – vergleichbar mit dem Los Angeles in Michael Manns „Collateral“. Über Scorseses Auge, seine genialen Regieeinfälle, seine wie immer exzellente Musikauswahl, mit der er Szenen gleich kommentiert und den meisterhaften Schnitt (z.B. der ständige Wechsel zwischen der Ebene DiCaprio und der Ebene Damon) muss man eigentlich kaum Worte verlieren.

„The Departed“ ist ein Meisterwerk, an dem ich praktisch keine Schwächen ausmachen konnte. Zwar könnte man anführen, dass die einzige relevante Frauenrolle, die zudem mit einer unbekannten Darstellerin (Vera Farmiga) besetzt ist, etwas unterentwickelt ist, aber wie schon beim fast ebenso männerzentrierten „GoodFellas“ dienen die Frauen eben auch hier nur als Staffage. „The Departed“ ist schon jetzt einer der Favoriten für die nächste Oscarverleihung, und das, obwohl er im Gegensatz zu Scorseses letzten beiden Werken keineswegs ein typischer, auf Nummer Sicher getrimmter „Oscarfilm“ ist. Martin Scorsese darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass es diesmal endlich etwas aus der Regie-Trophäe wird – dass er trotz unzähliger Nominierungen immer noch „ohne“ dasteht, ist einer der größten Skandale in der jüngeren Oscargeschichte. Volle Punktzahl.

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