Amerikanische Produzenten neigen schon seit geraumer Zeit dazu europäische und asiatische Erfolgsfilme neu zu interpretieren und für das Publikum entsprechend zu amerikanisieren. Da sich dieses Phänomen durch sämtliche Genres zieht, ist es keine Überraschung, dass auch „Infernal Affairs“ einen Hollywood-Ableger bekommen sollte. Regie führte hier aber kein geringerer als Martin Scorsese, der wohl keinem Filmfan mehr vorgestellt werden muss.
Wie schon früher in „Taxi Driver“, „Good Fellas“ oder auch „Gangs of New York“ verwendet Scorsese krasse Gewaltausbrüche und schafft es, den Zuschauer damit zu packen. Nach den großen Gangsterfilmen ist ein Cop-Drama etwas Neues für die Regie-Legende und auch die andere Seite wird versiert portraitiert. Zwar hält man sich eng an das Original-Drehbuch, doch die Dialoge wurden individuell gestaltet. Das differenzierte Drehbuch von William Monohan und die stilistisch perfekte Regie von Scorsese sorgen für eine elegante Transferierung der Handlung aus dem Milieu der Triaden in die Unterwelt von Boston.
Wie immer konnte Scorsese auf ein großartiges Ensemble erstklassiger Schauspieler zurückgreifen und wirklich jede Rolle wirkt perfekt besetzt. Die drei ehemaligen Nachwuchs-Stars Leonardo DiCaprio, Matt Damon und Mark Wahlberg beweisen ihre Reife eindrucksvoll: Jeder von ihnen ist zum erwachsenen Charakterdarsteller gereift, wobei dies am meisten bei Wahlberg überraschen dürfte. Obwohl alle drei schon Bestleistungen zeigten, beweist „The Departed“ glaubwürdig einen Image-Wandel und zeigt wie viel in diesen Schauspielern steckt.
Jack Nicholson, Martin Sheen und (der jüngere) Alec Baldwin repräsentieren die alte Garde Hollywoods und präsentieren sich ebenfalls in Bestform. Nicholson als bösartig-charismatischer Gangster-Boss und Sheen als ambitionierter und gutherziger Cop wirken Ehrfurcht einflößend glaubwürdig in ihren Rollen und verleihen ihren Charakteren die nötige Tiefe. Baldwin befindet sich zurzeit ohnehin auf einem Höhepunkt und nach einigen komödiantischen Rollen überzeugt er in „The Departed“ mal wieder als Charakterdarsteller.
Im Gegensatz zum Original wird die einzige wichtige Frauenfigur immerhin etwas tiefer beleuchtet und wird von der echt unbekannten Vera Farmiga ansprechend verkörpert. Ihre sensible und dennoch kraftvolle und erotische Ausstrahlung und die klischeefreie Zeichnung ihrer Figur machen es ihr leicht neben den zahlreichen männlichen Top-Stars zu bestehen und in der Tat geht die Dame nicht unter in dem sonstigen Männerfilm.
Auch sämtliche weitere Kriterien, die einen guten Film ausmachen, erfüllt „The Departed“ eindrucksvoll. Die feinfühlige und gewohnt intensive Filmmusik von Großmeister Howard Shore sorgt für den richtigen Klang, während Scorseses Kameramann des Vertrauens, Michael Ballhaus, das Ganze in atemberaubende Bildkompositionen verpackt. Ein Augen- und Ohrenschmaus, für den die beiden hier sorgen. Unterstützt durch ein vielfach erprobtes Team, Scorsese arbeitete bereits mit Sandy Powell (Kostüme), Kristi Zea (Bühnenbild), Ellen Lewis (Casting-Director) und natürlich mit Cutterin Thelma Schoonmaker mehrfach zusammen und kreiert mit dieser hochkarätigen Crew ein kraftvolles Epos mit perfekter Ausstattung.
Für die Oscar-Verleihung 2007 dürfte „The Departed“ ein absoluter Favorit sein, und auch ich wünsche die Trophäe endlich mal dem vielfach nominierten, bekanntlich aber stets leer ausgegangenen Martin Scorsese. Nach den glatt polierten (nichtsdestotrotz gelungenen) „Gangs of New York“ und „The Aviator“ ist das Remake von „Infernal Affairs“ mal wieder ein großer Film mit Ecken und Kanten geworden, der aber durchweg unterhalten kann und zu keiner Zeit langweilig wird. Von einem Meisterwerk zu reden ist nicht leicht angesichts eines so starken Vorbilds, letztlich war die Story ja vorgegeben.
Fazit: Eine löbliche Ausnahme unter den amerikanischen Remakes, Scorsese macht aus dem Original einen vollkommen eigenen Film. Nicht unbedingt besser als „Infernal Affairs“, aber wesentlich komplexer in der Charakterisierung der Hauptfiguren. Einer der besten Filme des Jahres.
8,5 / 10