“Jipphie-Ficki-Hey!” (Dignam (Mark Wahlberg), The Departed)
Die folgende Review enthält Spoiler!
Menschen, die The Departed noch nicht gesehen haben, rate ich daher, diese Review nicht zu lesen!
Einleitung:
Ein Remake hat es einfach nicht leicht. Und lese ich die bisher verfassten Reviews zu The Departed, so fällt doch auf, dass so gut wie jeder, der Infernal Affairs liebt, sich scheinbar nicht zu wagen scheint, sich und der Welt einzugestehen, dass The Departed ein absoluter Wahnsinnsfilm ist!
Infernal Affairs ist ebenso ein großartiger Film. Keine Frage. Und in Zeiten von unlegitimierten Angriffskriegen der USA und Borats Besuch eines High Society Dinners ist das Wort “Amerikanisierung” zurecht äußerst negativ belegt.
Argumente jedoch, wie “Scorsese hat sich ja nichts Neues ausgedacht.” stoßen bei mir allerdings auf taube Ohren. Schließlich wurde 1991 mit Robin Hood - König der Diebe die x-te Verfilmung ein und derselben Geschichte präsentiert - mit leichten Abänderungen selbstverständlich. Gleiches gilt für Filme, in denen es um D’Artagnan und seine Musketierkollegen geht, Die glorreichen Sieben (Original: Die Sieben Samurai), Rendezvous mit Joe Black, Scarface, The Ring, selbst Ben-Hur (1959) ist ein Remake. Leones Dollar-Trilogie (Sanjuro, Yojimbo), Ocean’s Eleven, Werner Herzogs Nosferatu usw.usf.
Wollen wir aber - nur weil es all diese Geschichten bereits einmal gab - tatsächlich auf sie verzichten? In meinen Augen wäre die (Film-)Welt um einiges farbloser, gäbe es keine Remakes (speziell oben genannte).
Zurück zum eigentlichen Thema: The Departed (2006), dem Remake des großartigen ersten Teils der Infernal Affairs-Trilogie (2002 - 2003) aus Hongkong.
Anmerkung: Auf eine Inhaltsangabe verzichte ich hier...
Es kommt nicht oft vor, dass ich mich in meinen Kinosessel festkrallen muss, um beim Beginn des Abspanns nicht aufzuspringen, um mich klatschend und laut jubelnd zum Deppen zu machen. Gestern Abend - bei der Vorpremiere zu The Departed - war es dann mal wieder so weit.
Inhaltliche Kritik:
Dem Drehbuch, welches im Vergleich zum Original, eine große Menge an Humor und coolen Sprüchen dazugewonnen hat (speziell die Rolle von Mark Wahlberg (als Dignam) und selbstverständlich Schauspielgott Jack Nicholson als genialster Mafiaboss der Filmgeschichte Frank Costello sind hier zu nennen), fehlt es an nichts:
The Departed überzeugt mit einer großartigen Geschichte (von nun an betone ich nicht mehr, dass es bereits früher einen Film namens Infernal Affairs gab, der die selbe Geschichte ähnlich erzählt...).
Scorseses neuer Streich ist intelligent, stylish, humorvoll, kaltblütig, gefühlvoll / emotional aufwühlend, actiongeladen, ein bisschen sexy und vor allen Dingen spannend und scheißbrutal.
Inszeniert ein Dario Argento, ein Sergio Leone oder ein John Woo das Dahinsiechen seiner (Anti)Helden in langen Einstellungen, so kommt Scorsese mit kurzen Überraschungsmomenten. Und “Moment” sei hier wörtlich gemeint: keine Zeit wird an Tote verschwendet. Sie sind wertlos.
Speziell sei hier an Costellos Erklärung für seine Tätigkeit als FBI-Informant erinnert: “Ich habe nur jene verraten, deren Stern sowieso am Sinken war.” (kein Garantie für ein Originalzitat, lediglich aus meiner Erinnerung rezitiert)
Diese Einstellung spiegelt in meinen Augen auch die Einstellung aller männlichen (!) Haupt- und (größeren) Nebenrollen dar.
So verschwindet auch innerhalb kürzester Zeit die Grenze zwischen Gut und Böse, so dass der Zuschauer hin und her gerissen ist, “zu wem er denn eigentlich halten soll”.
Diese Grenze löst sich bereits in den Anfangsminuten des Films in Luft auf. Um genau zu sein: in der Szene, in der Mark Wahlberg (Dignam) und Martin Sheen (Queenan) Leonardo DiCaprio (Billy Costigan) beim Vorstellungsgespräch für die “Staties” auf dessen Vergangenheit und Familie ansprechen. Das Vermischen von Gut und Böse findet schlussendlich seinen Höhepunkt, in der “Offenbarungsszene”, in der Billy Costigan erfährt, dass das FBI den großen Mafiaboss Frank Costello als einen ihrer Informanten schützt.
Mir fiel spontan eine Szene aus Les Ripoux (1984, dt.: Die Bestechlichen) ein, in der der korrupte Cop René (P.Noiret) einen Dieb laufen lässt, mit der Begründung, er habe von ihm einen Tipp für einen noch größeren Diebstahl erhalten. Die Antwort seines nicht korrupten Kollegen François (T.Lhermitte) lautet: „Also, wir nehmen niemals irgendwen fest, oder was?“
So auch bei The Departed:
Billy Costigan läuft Gefahr entdeckt zu werden. Der Tod würde ihm blühen. Die State Police kann Costello jedoch aus Mangel an Beweisen nicht festnehmen und - wie wir später im Film erfahren - auch weil das FBI ihn nicht festnehmen will. Somit wird deutlich, dass selbst in den staatlichen Behörden (FBI, State Police etc.) mafiaähnliche (oder: kapitalistisch hierarchische) Zustände herrschen.
Wo genau ist also der Unterschied?
Dies ist auch zugleich die Aussage des Films. Und Scorsese schafft es, diese Aussage auf den Punkt genau schon innerhalb der ersten drei Minuten des Films auszusprechen, um dann eine Geschichte zu erzählen, die es schafft in knapp 2 ½ Stunden dem Zuschauer - ohne die berühmten Zeigefinger oder Zaunpfähle - diese Aussage zu erklären und sie auch zu begründen. Großartig:
„I was your age they used to say you could become cops or criminals. What I'm saying to you is this... When you're facing a loaded gun, what's the difference?“
(Frank Costello; meiner Meinung nach der zentrale Satz des Films)
Technische Kritik:
Ich liebe die Kameraarbeit Robert Richardsons in Casino! Michael Ballhaus, der bereits in Gangs of New York großartige Kameraarbeit ablieferte, erreicht zwar in The Departed vielleicht nicht ganz die Genialität Richardsons aus Casino, dennoch muss man sagen: phänomenal. Die Einführung von Jack Nicholson als Frank Costello alleine ist eine so umwerfende, starke und aussagekräftige Kamerafahrt, dass einem einfach das Cineastenherz bis ins Hirn klopft.
Boston stellt zudem eine wunderbare Kulisse dar, speziell die Konzentration auf die goldene Kuppel des State Houses (Parlament von Massachusetts) ist einfach nur genial.
Die Kostüme und Masken (speziell die Wunden) sind auch wunderschön anzusehen. Besonders angetan bin ich von Jack Nicholsons “Irish”-T-Shirt.
Passend:
“Mit Sonnenbrille bin ich Jack Nicholson, ohne bin ich ein 70-jähriger alter Sack.” Yeah, baby!
Die Musik ist - wie immer, wenn Howard Shore im Abspann zu lesen ist - göttlich. Der Score ist abwechslungsreich und hämmert sich sowas von in die Birne rein. Besonders positiv überrascht haben mich die Dropkick Murphys. Was für ein unglaublich geniales Lied: “I'm Shipping Up To Boston“
Auch wie Scorsese mit der Musik spielt ist genial. Er setzt akkustisch genau so harte Schnitte, wie er es optisch vollführt. Ein absoluter Meister!
Über die Effekte kann ich sagen: äußerst realistische und blutige Kopfschüsse. Als Martin Sheen vom Dach stürzt (sehr geile Kameraeinstellung!) und aufknallt, hat sich der Effektefreund in mir so gefreut...Hihi.
Last but not least: die Schauspieler und ihre Charaktere.
Wow! Wow! Wow! Jack Nicholson und Leonardo DiCaprio rocken. Klare Oscar-Anwärter. Matt Damon, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Alec Baldwin und die bis dahin mir noch ziemlich unbekannte Vera Farmiga stehen den beiden zuerst genannten in (fast) nichts nach.
Die Charaktere sind sehr gut konzipiert. Einziger kleiner Kritikpunkt, der mir zu diesem Meisterwerk einfällt (und es ist tatsächlich ein Vergleich mit dem Original), ist die zu wenig ausgearbeitete Rolle der Madolyn, bzw. der nicht vollends aufkeimen wollende Konflikt der sich aus der Dreiecksbeziehung zwischen Billy Costigan, Collin Sullivan und ihr hätte ergeben können. Scorsese nutzt Madolyns Rolle vielmehr aus, um die Erschießung Sullivans am Ende erklären zu können (Costigans mysteriöser Umschlag, den er Madolyn gab). Dies ist jedoch wahrlich nur ein klitzekleiner Kritikpunkt, der das Gesamtergebnis in keiner Weise zu schmälern weiß. Zumal die Story einen vollkommen anderen Verlauf hätte nehmen müssen, wüssten die beiden Herren voneinander, und der Film somit auf eine weit längere Laufzeit hätte gestreckt werden müssen.
Dieser Film hätte jedoch auch gerne fünf Stunden lang sein dürfen, nur um diese großartigen Schauspieler noch länger in diesen ach so genialen Rollen bestaunen zu dürfen.
Ich fange gleich an zu heulen. Meiner Meinung nach, und jetzt haltet Euch fest:
Einer der besten Filme aller Zeiten!
Knock Out für Der Pate.
The Departed heißt das neue Non plus ultra des Mafia-/Gangster-Genres.
Lasst es Oscars regnen!