Review

"The Departed - Unter Feinden"

Donnerstag, 07.12.2006, kurz vor 20:00 Uhr. Zahlreiche Kinobesucher tummeln sich vor dem Saal 6 meines Stammkinos. Der Grund: Martin Scorseses neuestes Werk, ein Remake des Filmes "Infernal Affairs". Ohne das Original gesehen zu haben, schaute ich mir den Film an, der völlig zurecht von den Kritikern hochgelobt wurde. Mit einer Reihe Elite-Schauspieler und einer altbewährten Filmcrew gelang Scorsese ein weiteres Meisterwerk, dass sich nicht vor seinen früheren Meilensteinen wie "Taxi Driver", "Goodfellas" oder "Aviator" verstecken muss.

Zur Handlung: Der ganze Film spielt sich in South Boston ab. Die Polizei fokussiert ihre ganze Kraft darauf, Frank Costello (Jack Nicholson) das Handwerk zu legen. Costello, durch allerlei illegale Geschäfte ein großer Fisch in der Unterwelt, hat jedoch ein Aß in seinem Ärmel: Es ist ihm gelungen, Colin Sullivan (Matt Damon) bei der Polizei einzuschleusen. Sullivan arbeitet sich schnell nach oben und versorgt Costello mit polizeiinternen Informationen. Auf der Seite der Cops läuft es gleich: Der frisch gebackene Polizist Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) bekommt den Auftrag, sich in Costello´s Organisation einzuschleusen und dann die Deals an seine Vorgesetzten zu verraten, um Costello hinter Gitter zu bringen. Bald schon kommen allerdings sowohl Costello als auch die Polizei dahinter, dass sie jemanden in den eigenen Reihen haben, der für den Feind arbeitet. Ein spannendes Duell zwischen Costigan und Sullivan, zwei Menschen, die immer mehr ihr wahres Ich verlieren zu scheinen, entbrennt.

Kritik: Soviel zur Handlung. Schließlich geht daraus ein zweieinhalbstündiger Thriller hervor. Der größte Pluspunkt des Streifens ist Martin Scorseses Inszenierung. Obwohl Boston nicht das gewohnte Szenario ist, entdeckt man doch an allen Ecken die Handschrift des Regisseurs. Ob es die Kameraeinstellungen in den Dialogen oder die Schlägereien in der Bar sind, es kommt einen so manches bekannt vor. Das rechne ich dem Film jedoch keineswegs schlecht an. Schauspielerisch ist der Film ein Erlebnis sondergleichen. Jack Nicholson erbringt als Gangsteroberhaupt die beste Leistung seit Marlon Brando in „Der Pate“. Nur ist der Charakter Frank Costello mehr ein durchgeknallter Verbrecher als ein geschniegelter Mafioso. Nicholson passt für so eine Figur wie die Faust aufs Auge. Jede einzelne Szene in der er agiert ist ein Highlight des Filmes. Vor allem aber schafft er es, jedem seiner Sätze eine zynische Note zu verleihen. Leute mir schwarzem Humor werden begeistert sein, aber der ein oder andere Schmunzler bleibt auch den ernsteren unter uns nicht erspart. DiCaprio, auf den eigentlich das Hauptaugenmerk gelegt wird, steht seinem älteren Kollegen allerdings in nichts nach– für mich unvergesslich ist die Szene, in der er zwei Typen in einem Kaufhaus niederschlägt. Die aggressive Rolle beherrscht der Mann perfekt. Etwas negativ fällt jedoch Matt Damon auf. Er geht zwischen den Schauspielgiganten beinahe, trotzdem er eine tragende Rolle hat, unter. Jedoch gibt er mit seiner schwachen Ausstrahlung seiner Figur doch irgendwie einen speziellen Stil, sodass man trotzdem zufrieden mit ihm ist und ich ihm kein schlechtes Zeugnis ausstellen möchte. Die übrigen Darsteller, ebenfalls hochkarätig besetzt, passen jeder für sich perfekt in ihre Rollen. Keinen einzigen würde man sich wegdenken können. Schließlich möchte ich noch auf die Synchronisation eingehen. Ich kenne die Originalfassung nicht, war aber mit der mir vorliegenden deutschen Version vollkommen zufrieden, was bei vielen Filmen nicht selbstverständlich ist. Einige Kraftausdrücke wiederholen sich zwar mehrmals- allerdings macht das den Film sogar authentischer. In der Realität haben wir oft auch einen geringen Wortschatz.

Nun jedoch zu den (kleinen) negativen Punkten von "The Departed": Im Vergleich zu anderen Scorsese-Filmen ist „The Departed“ ziemlich harmlos. Ich möchte auf keinen Fall Gewalt verherrlichen, aber wenn sich zwei die Köpfe einschlagen und in der Nahaufnahme haben sie dann nicht einmal Nasenbluten fragt man sich ob man gerade einen Bud Spencer und Terence Hill-Streifen anschaut. Jedoch ist das wirklich nur in einigen Schlägereien der Fall, ansonsten wird vor expliziter Gewaltdarstellung nicht zurückgeschreckt. Weiters haben mir persönlich die Schießereien nicht so gefallen. Zerberstende Scheiben und Kugelhagel passen irgendwie nicht in das düstere Szenario. Aber zur Beruhigung: meistens läuft es jedoch wie gewohnt nach dem „Ein Schuss – ein Toter-Prinzip“ ab, sodass der Realismus bewahrt wird. Im krassen Gegensatz fällt da die völlig unrealistische und vor allem unnötige Sache mit Billy Costigans Psychologin auf.

Unterm Strich jedoch kann man über diese Schwächen getrost hinwegsehen. Im Endeffekt hat man es mit einen anspruchsvollen, überdurchschnittlichen Film zu tun, den man sich bestimmt immer wieder gerne anschauen wird.

Trotzdem verließen viele Leute das Kino noch vor Ende. Und als der Abspann lief konnte ich hinter mir Buhrufe und vom Sitznachbarn Kommentare wie „So einen Topfen hab ich noch nie gesehen!“, „Hätten wir James Bond angeschaut – da wär´ mehr Action gewesen!“ oder „Schade um die Zeit!“ vernehmen. Das war der Beweis dafür, dass "The Departed", sowie die meisten vorherigen Martin Scorsese-Filme weniger für Action-Junkies mit Abneigung zum Mitdenken, sondern viel mehr für anspruchsvolle Filmfreunde geeignet ist. Vielleicht wird der Film wegen der Massenuntauglichkeit bei den Preisverleihungen untergehen, in der Geschichte Hollywoods hat Martin Scorsese jedoch einen weiteren Stern erschaffen, der über den meisten aktuellen Filmen leuchtet.

Viel Spaß beim Anschauen!

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