Review

Was habe ich eigentlich vom Leben zu erwarten, wenn es komplett durch einen Anderen vorgegeben wird ?

Colin Sullivan wird schon als kleiner Junge vom Boß Frank Costello (Jack Nicholson) "entdeckt" . Er ist fleißig, strebsam und hat die richtigen Verwandten und wird so "aufgebaut" als zukünftiger Spitzel. Costello fördert seine Karriere und der tüchtige Colin schafft es problemlos zur polizeilichen Eliteeinheit in Boston, von wo aus er seinen Förderer immer zeitnah vor polizeilichen Aktionen warnen kann.

Matt Damon , der schon als Mr.Ripley die Verleugnung des eigenen Charakters geübt hatte, ist ideal für diese Rolle als Colin Sullivan besetzt. Im Grunde liegt Damons schauspielerische Schwäche darin, wirklich sympathisch zu wirken. Schon in "Good Will Hunting" war Ben Affleck der "nettere" Charakter von Beiden und Damon ist immer am Besten ,wenn er emotional kühl ,fast angestrengt freundlich wirken soll. Hier merkt man ihm immer an, daß sein Streben durch einen Anderen bestimmt wird, er wirkt nie frei und sein nach außen gezeigter Charakter hat immer etwas Hölzernes. Nur wenn er durch ständige Beleidigungen seiner männlichen Mitstreiter und Gegner seine homophoben Ängste ausdrückt, spürt man etwas von seinen wahren inneren Gefühlen.

Bill Costigan (Leonardo Di Caprio) scheint einen völlig anderen Weg zu gehen. Er hat sich von seiner aus dem kriminellen Milieu stammenden Familie völlig losgesagt ,seine Wahl Polizist zu werden ist ein Affront gegenüber seiner Herkunft. Eine Qualität des Films liegt in der absoluten Nachvollziehbarkeit dieser Charaktere. So wird deutlich, daß Bill sich trotz seines scheinbar eigenständigen Charakters nicht von seiner Vorherbestimmung lösen kann und Marionetten gleich wieder in sein Milieu zurück geschickt wird, gerade weil er als Polizeispitzel unter den Gangstern besonders glaubwürdig ist.

Die gegenteilige Handlung unterliegt oft den selben Voraussetzungen wie eine völlige Anpassung und so gleichen sich die Schicksale von Colin und Bill bei genauem Hinsehen, gerade auch in dem sprachlichen Bruch zur ihrer Außenwirkung. So wie Colin, der immer geleckt in Anzug mit Krawatte auftaucht, sich ständiger "Injurien" befleißigt, so gepflegt drückt sich der lässig gekleidete Bill selbst im Gangstermilieu aus.

Damit hebt er sich von seiner gesamten männlichen Umgebung im Polizeiapparat ab, bei der jedes Gespräch in eine einzige Orgie von Beschimpfungen und Beleidigungen mündet, das besonders stark davon geprägt ist, dem Anderen homosexuelle Neigungen zu unterstellen. In der Art wie Alec Baldwin (sehr gut in seiner Rolle als Dienststellenleiter) in einem privaten Gespräch Colin erklärt, daß die Verbindung zu einer Frau besonders förderlich für die Karriere ist, um damit klar zu machen, welche Neigungen man hat (als wenn das irgend etwas beweist), wird deutlich, daß es im internen Zusammenspiel nur darum geht, eine möglichst kompatible Rolle zu spielen und diese ist genau definiert.

So hat man in "Departed" immer das Gefühl, daß sich die feindliche Umgebung keineswegs nur auf das jeweilige Umfeld von Bill und Colin beschränkt, sondern daß sich sämtliche Personen innerhalb einer "feindlichen Umwelt" ständig behaupten müssen, egal ob Polizist oder Gangster - individuelles Handeln ist völlig unmöglich und führt im schlimmsten Fall zum Tod.

Hier liegt meiner Meinung auch die größte Stärke des Films, der einen sezierenden Blick auf männliche Rituale mit nach außen gezeigter gefühlsmäßiger Verkümmerung darstellt - durch die "entarteten" Rollen von Bill und Colin noch zusätzlich plakativ verdeutlicht. Es gibt nur wenige ruhige Momente oder Situationen, in denen man sich aufgehoben oder geschützt fühlt und gerade diese werden von Scorsese konsequent zerstört...

Das kulminiert auch in der einzigen Frauenrolle (Vera Farmiga) - ausgerechnet einer Psychologin, deren Kompetenz ich ein wenig anzweifeln möchte, angesichts ihrer Begeisterung für Colin. Aber vielleicht soll es nur verdeutlichen, wie sehr auch die Frauen auf die männlichen Verhaltensmuster, die Colin fast perfekt verkörpert, "hereinfallen" - schön von Scorsese durch dessen verheimlichte Impotenz konterkariert.
Deshalb ist es auch ein gelungener Schachzug von Scorsese, daß sich beide Protagonisten in die selbe Frau verlieben, denn gerade hier zeigen sich deutlich die unterschiedlichen Verhaltensmuster, die zum selben Ziel führen sollen. Während Colin den erfolgreichen, wortgewandten Macho heraushängen läßt, überzeugt Bill durch Einfühlungsvermögen und irritiert sie damit nachhaltig.

Ihre Frage, ob seine gezeigte Sensibilität echt sei, zeigt deutlich die allgemeine Verunsicherung. Keiner weiß so recht, wem oder was er glauben soll. Selbst die scheinbar eindeutigste Rolle des alternden Gangsterbosses, von Nickelson vertraut brutal und chauvinistisch angelegt, hat Geheimnisse...

Fazit : Überragend mit glänzender Besetzung gespielter Polizeithriller, der keineswegs eine Abkehr ist zu den üblichen Gangsterballaden des Martin Scorsese. Zwar handelt es sich um eine amerikanische Umsetzung des chinesischen Filmes "Internal Affairs", der von der Story teilweise werkgetreu imitiert wird, aber Scorsese läßt sich hier sehr viel mehr Zeit.
Der eigentliche Thriller um zwei Spitzel, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, ist unterhaltend inszeniert mit den für Scorsese üblichen Brutalitäten, aber die Gewichtung liegt eindeutig bei der Herausarbeitung der Charaktere und besonders der Beziehungen untereinander.

Darin ist auch Scorseses Eigenständigkeit in der Interpretation zu erkennen, die auf frühere Meisterwerke wie "Hexenkessel" und "Goodfellas" zurück weist. Auch hier interessierten ihn männliche Verhaltensmuster, systeminterne Regeln und der ständige Kampf seine eigene Rolle zu definieren mehr als die bloße Action. Die Spannung dieses keine Sekunde zu langen Filmes entsteht genau durch die sich ständig steigernde Verunsicherung der Protagonisten und den immer aussichtsloser werdenden Kampf, sich selbst zu finden.

Dabei ist der gesamte Film von völliger Ernsthaftigkeit. Wer den teilweise völlig menschenverachtenden Gesprächen etwas Komisches oder gar Cooles abgewinnen kann, unterliegt wohl ähnlichen verqueren Ansichten zu männlichen Verhaltensmustern. Martin Scorseses Haltung dazu ist jedenfalls eindeutig - seine Sympathie gehört eindeutig Bill, der einzigen Figur, die diese Mechanismen nicht mitmachen will(9/10).

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