Review

Regielegende Martin Scorsese fällt doch immer wieder ein neuer Geniestreich in den Schoß, oder doch nicht?
In diesem Fall hatte er eine klare Vorlage, einen asiatischen Thriller-Dreiteiler, dessen simple Story er übernimmt und daraus ein eigenständiges, nur im Ganzen etwas zu langes Remake schustert.

Dabei geht es um Folgendes: Cop schleust sich in die Mafia ein, Mafiafreund schleust sich bei den Cops ein. Beide Parteien ahnen einen jeweiligen Verräter in den eigenen Reihen und versuchen, diesen ausfindig zu machen.
Die Geschichte liefert zwei Hauptfiguren, die jeweiligen Spitzel:
Leonardo DiCaprio (ermittelt undercover bei der Mafia)
Matt Damon (liefert dem Mafiaboss Jack Nicholson wichtige Ermittlungsdaten)
Beide fungieren „Unter Feinden“.

Dabei lässt sich Scorsese glücklicherweise viel Zeit mit der Entwicklung der Charaktere, geht mit der Geschichte zu Beginn vielleicht etwas zu weit in der Zeit zurück, zeigt Damon bei der Polizeiausbildung und später DiCaprio im „Verhör“ bei der Spezialeinheit, um einen ersten Eindruck beider Figuren zu schaffen.

DiCaprio ist ein Mann der Straße, ein zuweilen impulsiver Schläger, dem man den typischen Cop aus der zerrütteten Familie eigentlich nicht so Recht abnehmen will, deshalb eignet er sich so gut als eingeschleuster Mafiafreund. Aber seiner Figur gelten letztlich sämtliche Sympathien.
Damon ist auf den ersten Blick das Gegenteil seines Gegners: Eiskalt, rücksichtslos, aber ambitioniert, weshalb er auch recht schnell als angesehener Cop immer höhere Kompetenzen zugesprochen bekommt und am Ende gar die eigenen Mannen unter die Lupe nehmen darf, obgleich er doch der Maulwurf ist.

Der Zuschauer ist so gesehen auf der Seite des Gesetzes, auch wenn es einem ein ehrwürdiger Jack Nicholson als Mafiaboss da wirklich schwer macht, nicht um ihn zu zittern.

Die einzige relevante Frau ist dann eine Polizeipsychologin (Vera Farmiga), in die sich beide Kontrahenten verlieben. Damon scheint auf den ersten Blick ihre Gunst zu gewinnen, doch innerlich fühlt sie sich von DiCaprio besser verstanden, - so, wie es auch dem Zuschauer ergeht.
Allerdings ist ihre Figur für das Vorankommen der Geschichte nahezu ohne Belang und bringt demgegenüber ein paar unnötige Längen mit Abendessen, Kaffeetrinken und Wohnungsumzug.
Sie ist eher Mittel zum Zweck, denn als Psychologin hat sie die Aufgabe, den jeweiligen Charakter der Hauptfiguren offen zu legen, nimmt aber im Verlauf eine viel zu stark gewichtete Präsenz ein, denn ihre eigene Charakterzeichnung bleibt blass bis schablonenhaft.

So bietet die Story inhaltlich eher wenig und befasst sich vornehmlich mit der Angst des Enttarnens auf beiden Seiten und das gelingt „Departed“ in weiten Teilen recht gut.
Auch wenn man im Verlauf keine größeren Twists erwarten darf und gegen Ende gar eine Reihe von Kugeln das Leben einiger Figuren recht explizit blutig enden lässt, während die persönliche Motivlage die diversen Morde sicherlich nicht nachvollziehbar rechtfertigen kann.
Jedoch, kurze, aber verstörend brutale Gewaltexplosionen waren schon immer ein Markenzeichen Scorseses und die lässt er auch hier gekonnt einfließen.

Das Erzähltempo ist allerdings nicht sonderlich hoch, Action gibt es in nur wenigen Szenen, die kommt dann aber knackig und spannungsgeladen herüber, etwa bei einer Szene auf einem Hochhausdach mit anschließendem Fall einer bedeutenden Figur mit Landung vor den Füßen eines anderen Wichtigen.
Oder wenn Nicholson als Vorsitzender der Iren-Mafia die Chinesen zur Übergabe trifft, die ihre Schnellfeuerwaffen sogleich schussbereit mit grimmigen Gesichtern in den Händen halten.
Ansonsten bietet sich eher eine subtilere Spannung, die durch das Mitfiebern der Undercover-Personen resultiert.

Bei alledem darf man aber eines nicht vergessen: Scorseses Cop-Undercover-Thriller ist ein Schauspielfest für alle Cineasten, die die nächste Oscar-Verleihung kaum abwarten können.
Nicholson bequemt sich nach drei Jahren Leinwandabstinenz mal wieder für eine Rolle, die perfekt auf ihn zugeschnitten ist. Wunderbar chauvinistisch und zugleich brutal gibt er die Figur des Mafiabosses.
DiCaprio nehme ich seit ein paar Jahren wesentlich ernster und auch hier zeigt er eindrucksvoll sein darstellerisches Können, mit leicht naiver Loyalität, innerlich zerrüttet wie seine Familie, ständig konfrontiert mit Gewalt, die seine gebrochene Moral nach außen kehrt.
Damon ist demgegenüber zwar weniger ausdrucksstark, kann aber mit den wenigen Gesichtsausdrücken, die ihm zur Verfügung stehen, genau die richtigen in die Kamera halten.
Ganz stark sind noch die Nebendarsteller: Martin Sheen ist leider ein wenig verschenkt, aber darstellerisch unumstritten gut, Mark Wahlberg agiert verbal herrlich fies und gibt von den Cops den, von dem man niemals verhört werden möchte, Alec Baldwin darf beweisen, dass er darstellerisch der beste seiner unzähligen Brüder ist und Vera Farmiga fällt als einzig nennenswerte Dame zumindest nicht negativ auf, aber da kritisiere ich auch eher ihre eingeschränkte Figurenzeichnung.

Kommen wir zum Ende: „Departed“ ist ohne Frage ein ansprechender Film geworden, der mit einer herausragenden Schauspieltruppe punkten kann, inszenatorisch keine negative Kritik aufkommen lässt, weil Kamera und Schnitt die Atmosphäre Bostons innerhalb beider „Zentralen“ hervorragend einfängt, doch die Geschichte als solche gibt am Ende zu wenig her, - erst Recht nicht für fast zweieinhalb Stunden Laufzeit.

Denn, auch wenn das Treiben authentisch wirkt, die Dialoge gut durchdacht sind und ein paar Mal der Gewalthammer ausgepackt wird, - so richtig betroffenes Mitfiebern ist hier nicht angesagt, denn dafür ist der Verlauf der Geschichte zu vorherbestimmt.
Mittlerweile bin ich bei solchen Werken ein wenig auf überraschende Wendungen programmiert, doch die finden sich hier nur in Ansätzen.

Schon recht gut gemachtes Kino, doch die fehlende Dynamik schmerzt im Nachhinein ein bisschen, vor allem im Rücken.
7 von 10

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