„Infernal Affairs“ war ein riesiger Blockbuster, der auch außerhalb Asiens große Erfolge feierte und so drehte Hollywood ein Remake, bei dem Martin Scorcese Regie führt.
„Departed“ heißt das gute Stück und stellt dabei auch eine Art Neuinterpretation dar. Von dem Umfeld der Triaden wurde die Handlung nach Boston ins Umfeld der irischen Mafia verlegt. Deren Boss ist Frank Costello (Jack Nicholson), der als eine Arte Pate fungiert. Dabei nimmt sich „Departed“ sehr viel Zeit die Vorgeschichte zu erklären, was „Infernal Affairs“ nur in kurzen Szenen zeigte oder im Prequel „Infernal Affairs II“ explizierte (wenngleich sich bei den Vorgeschichten Unterschiede ergeben).
Auf der Polizeiakademie hat Costello einen Getreuen untergebracht, den jungen Colin Sullivan (Matt Damon), der zu den Klassenbesten gehört. Gleiches gilt für William ’Bill’ Costigan (Leonardo DiCaprio), dessen Vorgeschichte aber dunkle Flecke aufweist und dessen Familie Verbindungen ins Mafiamilieu hat. So nutzt auch „Departed“ die Ähnlichkeiten der beiden Hauptfiguren, um zwei ähnliche und doch unterschiedliche Karrieren zu zeigen.
Bill wird nämlich überredet als Maulwurf bei der Mafia einzusteigen, um an Costello heranzukommen. Währenddessen macht Colin Karriere bei der Polizei und die beiden Maulwürfe spielen ungeahnt gegeneinander…
Sicher haben „Infernal Affairs“ und „Departed“ nicht nur die gleiche Grundstory und viele Parallelen, doch gleichzeitig geht Scorcese die ganze Geschichte anders an als das HK-Original. War dies noch ein verdichteter Copthriller, so driftet das Geschehen bei Scorcese wie so häufig ins Epische ab. Gelegentlich hätte „Departed“ sicher nicht so ausführlich sein müssen, gerade die Emotionen der beiden Spitzel konnte „Infernal Affairs“ in weniger Szenen genauso gut wie „Departed“ zeigen. Die Idee aus den weiblichen Bezugspersonen der beiden Spitzel in „Departed“ eine Figur zu machen, addiert dem Geschehen eine teilweise handelsübliche Dreiecksgeschichte, bringt aber auf interessante Weise auch die Parallelen sowie die Spannungen zwischen den Hauptfiguren zum Ausdruck bringen.
Schlüsselszenen des Originals stellt „Departed“ dabei teilweise im ziemlicher ähnlicher Weise dar (z.B. den Fall vom Dach oder das gegenseitige Belauern in den Gassen), meist jedoch gleichwertig. Einzig und allein die Szene mit dem Deal, bei dem beide Maulwürfe gegeneinander arbeiten, ist weitaus weniger packend und auch kürzer sowie simpler als im Original. War sie im Original auch die erste längere Sequenz, so kommt sie hier erst nach ca. einer Stunde.
„Departed“ beschäftigt sich nämlich noch ausgiebig mit der Vorgeschichte und kann den Figuren dabei zusätzliche Facetten und zusätzliche Tiefe verleihen. Vor allem Bills Anstrengungen überhaupt in Mafiakreise hineinzukommen, werden ausführlich gezeigt ebenso wie der Aufbau der Beziehungen zur holden Weiblichkeit, hier repräsentiert durch die Polizeipsychologin Madolyn (Vera Farmiga). Beide Hauptfiguren gewinnen Profil, wirken auch beide Sympathien, wenngleich Bill aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Polizei einfach besser abschneidet. Allerdings muss er bei schmutzigen Geschäften dabei sein, sich auch die Hände selbst schmutzig machen, während Colin nur selten Leute töten oder auch nur in den Tod schicken muss.
Zudem ist „Departed“ auch für Kenner des Originals sehenswert, da einige Veränderungen in der Story immer wieder zu Überraschungen führen. So ist das Ende z.B. ähnlich fatalistisch, aber auf andere Weise. Aufgrund der größeren Lauflänge kann „Departed“ auch noch neue Figuren und neue Subplots einflechten (eventuelle zusätzliche Maulwürfe auf beiden Seiten usw.), wobei Scorcese einige Tatsachen bewusst offen lässt, was der Geschichte Reiz verleiht.
Wie schon „Infernal Affairs“ verzichtet „Departed“ auf übermäßigen Einsatz von Schauwerten; Schießereien und Konfrontationen sind meist kurz gehalten. Lediglich ein Shoot-Out zum Ende ist etwas ausführlicher geraten, welches sich von der Machart, gerade im Bezug auf Realismus, sehr an der stilprägenden Straßenschießerei aus „Heat“ orientiert, aber ähnlich gelungen herüberkommt.
Das Milieu von „Departed“ bringt auch einigen Reiz mit sich. Das Thema der irischstämmigen Mafia ist sicher nicht so neu (siehe z.B. „State of Grace“), wird jedoch atmosphärisch sehr gut umgesetzt, z.B. durch den effektiven Einsatz von „I’m shipping up to Boston“ von den Dropkick Murphys. Zudem etabliert „Departed“ einen sehr lockeren Umgangston zwischen den Charakteren, der nie übertrieben, aber doch witzig wirkt. Es wird in einer Tour geflucht, die Ermittler frotzeln miteinander rum und auch ein paar denkbare Oneliner werden den Figuren in den Mund gelegt.
Das Schauspielduell zwischen Leonardo DiCaprio und Matt Damon geht knapp an DiCaprio, der seiner Figur einfach noch etwas mehr Zwiespalt verleiht, jedoch sind beide Jungstars große Klasse. Jack Nicholson als Mafiaboss mit Killergrinsen ist mit Elan dabei, während Mark Wahlberg zwar gut ist, aber gegen die anderen nicht ankommt. Ray Winstone überzeugt, Alec Baldwin ist OK, aber auch Vera Farmiga kann sich recht gut in der Männerriege behaupten.
„Departed“ ist ein Remake, das sich vor dem Original nicht zu verstecken braucht. Verschiedene Änderungen machen das Treiben auch für Kenner der Vorlage interessant, die Story wurde gelungen in ein anderes Milieu verlagert und auch die epische Adaption der Grundidee funktioniert nicht schlechter als die verdichtete HK-Version.