(Ich kenne „Infernal Affairs“ nicht.)
Dass Scorsese verdammt gute Gangsterfilme drehen kann, hat er zuvor schon mehrmals bewiesen. Deshalb hatte ich auch hohe Erwartungen an diesen Streifen, der mit einer vielversprechenden Darstellerriege aufwartet. Die Geschichte ist dagegen eher simpel und schnell erzählt: die Bostoner Polizei will mit Hilfe eines Undercover-Agenten einen Gangsterboss hochnehmen, was sich allerdings als schwierig erweist, da dieser bereits einen Spitzel bei den Ordnungshütern eingeschleust hat. Beide Seiten merken allerdings schnell, dass sich ein Fremdkörper in ihren Reihen befindet, und sind nun gezwungen, den jeweiligen Gegner zuerst auffliegen zu lassen.
Eine derartige Handlung könnte man natürlich auch locker in 90 Minuten runterkurbeln, aber Meister Scorsese setzt noch ´ne knappe Stunde drauf, um seine Charaktere voll zu entfalten, was meiner Meinung nach auch 3 oder 4 Stunden hätte dauern können. Die brenzligen Situationen für beide Spione sowie der Stress, unter dem sie stehen, wurden perfekt eingefangen. Und da man als Zuschauer stets mehr weiß als die beiden Hauptakteure, kann man ständig mitfiebern und hoffen, dass es sie noch nicht erwischt. Hier liegt auch die Stärke des Films: auf das ausgelutschte Gut-Böse-Schema wurde verzichtet und der Mensch (wie auch schon in früheren Werken Scorseses) als Produkt seiner Umwelt präsentiert. Diese konnte er zwar bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, aber der Versuch, irgendwie mit den daraus folgenden Konsequenzen klarzukommen, ist zunächst wichtiger als die Analyse, warum er überhaupt so geworden ist.
Die Schauspieler sind für dieses Anliegen geradezu geschaffen:
Jack Nicholson darf als Gangsterboss Frank mal wieder gepflegt ausflippen. Leo bringt den mitgenommenen Undercover-Bullen Billy in Franks Team beeindruckend glaubwürdig rüber. Matt Damon gibt als Maulwurf Colin bei der Polizei das sympathische Arschloch und Mark Wahlberg hat hier wohl die kultigste Rolle seiner bisherigen Karriere abgegriffen. Martin Sheen und Alec Baldwin agieren wie gewohnt professionell, doch Vera Farmiga bleibt als weibliche Hauptdarstellerin relativ blass. Das macht aber nichts, da sie eh nur Mittel zum Zweck ist, um den Konflikt zwischen Billy und Colin zusätzlich anzuheizen, was leider nicht so recht gelingt.
Hier wäre deutlich mehr drin gewesen bzw. es hätte etwas mehr Zeit gebraucht, um diesen Konflikt weniger aufgesetzt zu inszenieren. Man hat fast den Eindruck, als ob die Polizeipsychologin mit jedem rummacht, der sich für sie interessiert (sei es nun als Kollege oder als Patient wie die beiden Hauptfiguren), was garantiert nicht beabsichtigt war. Trotzdem handelt es sich hierbei um einen genialen und intensiven Gangsterstreifen im Gewand des neuen Jahrtausends: ähnlich wie „Good Fellas“ oder „Casino“, nur moderner und irgendwie auch cooler.
(Man muss „Infernal Affairs“ nicht kennen, um „The Departed“ schätzen zu können.)
9 / 10