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The Departed

Ein weiteres Remake eines asiatischen Films, diesmal einer aus Hong Kong. Allerdings ein Remake von Martin Scorcese mit einem atemberaubenden Cast: Jack Nicholson, dem immer unterschätzten Martin Sheen, Leonardo DiCaprio, Matt Damon und Mark Wahlberg. Bei der Vorlage, dem brilliaten Thriller-Drama „Infernal Affaires“, sollte also eigentlich nichts schiefgehen. Weniger Remake als Adaption, Neuinszenierung darf man erwarten.

Die vor der Premiere kolportierte Behauptung Scorceses „Infernal Affaires“ nicht gesehen zu haben, lässt allerdings einige Zweifel aufkommen. Ausgerechnet ein Filmfreak wie Scorcese soll diesen Film, der von vielen in einem Atemzug mit „The Godfather“ genannt wird, nicht kennen? Egal, vielleicht ist es so, vielleicht hat er wirklich nur das Script von William Monahan gelesen und dann den Film gemacht.
 Monahan hat einige Änderungen vorgenommen, um die Vorlage von Frank Chong und Siu Fai Mak an die Amerikanischen Verhältnisse anzupassen, ohne den Kern der Geschichte anzutasten. Wieder sind zwei junge Polizeianwärter die Hauptfiguren, Collin Sullivan (Matt Damon) und Billy Castigan (Leonardo DiCaprio), der eine macht Karriere bei der Polizei, arbeitet aber für den lokalen Paten Frank Costello (Jack Nicholson), Castigan wird scheinbar unehrenhaft aus der Polizei entlassen und wegen eines fingierten Verbrechens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, damit er sich bei Costello als Undercoveragent einschmuggeln kann. Auf diesen abgesehen hat es schon lange der Mann, der Castigan für den Undercover-Job anwirbt: Oliver Queenan (Martin Sheen). Alles geht so weit ganz gut, bis Polizei und Gangster in ihren eigenen Reihen einen Spitzel vermuten. Sullivan und Castigan werden von ihren jeweiligen Chefs quasi aufeinander angesetzt. In einem brachialen Finale sterben so ziemlich alle Protagonisten, so dass die kursierenden Gerüchte um einen Folgefilm nur ein Prequel ankündigen können. Damit hätte man auch wieder eine Vorlage: Infernal Affiares II.

Die Änderungen die Monahan am Originalscript vornimmt, wirken allerdings nicht überzeugend, auch die Länge des Scripts war nicht wirklich nötig. Der 155 Minuten lange Film enthält einige Ablenkungen vom eigentlichen Handlungsstrang, deren Sinn nicht aufgehen will. Die Entscheidung eine Dreiecksgeschichte um Sullivan, Castigan und eine Polizeipsychologin aufzubauen, ohne diese für die Haupthandlung zu nutzen, wirkt unentschlossen. Nur die Psychologin erfährt am Ende, welche Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren besteht, und es ist nicht klar, ob sie Sullivan von ihrer Affaire mit Castigan erzählt hat. Infernal Affaires hatte hier zwei Frauenfiguren, eine Schriftstellerin mit der der korrupte Polizist eine Zukunft plant, und eine Psychologin, mit der der Undercoveragent aber keine Liebesgeschichte hat, und konnte dadurch ganz andere Charakterbilder entwickeln. Frank Costello als FBI-Informanten zu entlarven, ist angesichts seines Charakters problematisch. Für ein Waffengeschäft, bei dem extrem teure Microchips zur Steuerung von Raketen über die VRC an Nordkorea gehen sollen, wirkt er einfach zu schmierig. Ein Deal dieser Dimension aber würde ihn wohl eher für CIA und NSA interessant machen, in deren Zuständigkeit solche Geschäfte fallen dürften. Der Triadenchef Sam aus Infernal Affaires dealt mit Waffen und Drogen, und ist auch nicht ein solches Monster, wie der von Nicholson portraitierte Costello.

Die Ästhetik des Films ist sehr edel, was bei einem Michael Ballhaus an der Kamera nicht überascht, aber verdientes Lob erhalten soll. Anders ist es um den Schnitt bestellt. David Bordwell hat sich die Mühe gemacht, die averadge shot length (durchschnittliche Länge der Einstellungen) bei Scorcese zu untersuchen. Lag sie früher bei ca 7 Sekunden (z.B. Taxi Driver 7,3) ist sie über Aviators 3,6 auf 2,7 gesunken. Im Durchschnitt gibt es also in The Departed alle 2,7 Sekunden einen Schnitt. Solche Werte findet man ansonsten nur bei reinen Actionfilmen. Dazu kommt, dass die Scorcese-Typischen Close-Ups und Schuss/Gegenschuss Sequenzen den Schauspielern bei wichtigen Dialogen wenig Raum geben zu agieren. Eine solche Szene ist zum Beispiel das Interview, das Castigan mit Queenan und Dignam hat. Immer wieder rückt die Kamera dicht an diCaprios Gesicht, so dass ihm nur Grimassen bleiben, um die psychische Belastung auszudrücken, die das Interview für ihn bedeutet, selten kann er den ganzen Körper einsetzen. Das Zusammenspiel zwischen Queenan und Dignam, das ganz klar auf das Good Cop/Bad Cop Team verweist und eigentlich die Verbundenheit dieser Figuren aufzeigen soll, kann seine Wirkung nicht entfalten, weil immer wieder zu dicht an die Protagonisten herangefahren wird. Auch Queenan und Dignam in einem Tableau zu zeigen, verdeckt die schauspielerische Leistung Wahlbergs, die zusätzlich duch seine Tiraden belasted wird. Auch mit weniger Flüchen und Schimpfwörtern hätte man ihm den harten Cop abgenommen, so schrammt er immer wieder an der Parodie vorbei. Nur Wahlbergs Spiel bewahrt die Figur vor dem Abrutschen ins Lächerliche. In der Konsequenz wirkt Dignams weiteres Verhalten gegenüber Castigan wie Feindschaft, die aber völlig unangebracht wäre, denn Castigan verdient sich besonderes Vertrauen. Die Prügelei zwischen Castigan und Dignam, nach Jahren der Undercoverarbeit, ist ein Beispiel für ein absolut unlogisches Element. Die Schwächen des Scripts werden so in das Bild umgesetzt und verstärkt. Der Schnitt verleiht dem Ganzen dann einen Actioncharakter, der die eigentliche Thematik des Films überlagert und verdrängt. Jack Nicholsons Übergangster tut da ein übriges. Der Film hätte ohne weiteres mit dem Tod Costellos durch die Hand Sullivans zu Ende gehen können. Nach der Logik des Hollywoodfilms hätte sich Sullivan von seinen Sünden gereinigt, durch eben die Tötung des ultimaten Bösewichts. Allein die Figur Castigan steht dem im Wege und um das Problem zu lösen, wird eine, ans absurde grenzende, Reihe von Toden arrangiert. Trotz seiner Dauer verfällt The Departed am Ende in eine Hektik, die den Film dann doch ins Lächerliche abgleiten läßt.

Trotz all dem hat Scorcese einen Oscar bekommen. Die Ironie ist kaum zu übersehen. Ein Regisseur, der so viele richtungsweisende und wichtige Filme gemacht hat, wird für ein eher mediokeres Remake geehrt. Da die Mängel aber mehr dem Drehbuch anzulasten sind als der Regie, sei es ihm gegönnt.

Fazit: Wer Infernal Affaires kennt und schätzt, sollte sich The Departed anschauen, um zu erfahren, warum Hollywoodremakes in der Regel völlig daneben sind. Wer die Vorlage nicht kennt, aber Film versteht, kann ein Beispiel von verfehltem Script und hektischem Schnitt begutachten. Alle anderen werden bestens unterhalten. 7 Punkte gibt es für die Regie und die Kamera.

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