Es ist kein großes Geheimnis, dass sich Hollywood gern bei ausländischen Stoffen bedient und diese per Remake an die amerikanischen Sehgewohnheiten anpasst. Man muss jedoch fairerweise zugeben, dass dieses Vorgehen zuweilen starke Streifen hervorbringt: So wurde bspw. “Let Me In” (Remake vom schwedischen “So finster die Nacht”) mit viel Lob versehen, und auch David Finchers “Verblendung”-Neuauflage sieht sehr vielversprechend aus. Auch aus dem asiatischen Raum holt man sich manch Inspiration: Der hochspannende Hongkong-Thriller “Infernal Affairs” darf sich nun ebenfalls über ein US-Pendant freuen. Scorseses Oscar-prämierte Neuinterpretation “Departed” übernimmt die generelle Handlung seines Vorbilds, würzt diese jedoch mit einigen eigenen Ideen. Herausgekommen ist dabei eine packende Gangster-Ballade, die zwar nicht an die Klasse des Originals heranreicht, durch die tollen Charaktere sowie Darsteller aber dennoch zu begeistern weiß.
Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) und Colin Sullivan (Matt Damon) beginnen bei der Polizei von Boston. Während Ersterer schon bald von der Akademie fliegt und im Knast landet, legt Letzterer eine steile Karriere hin. Was jedoch keiner weiß: Beide arbeiten undercover, um die jeweilige Gegenseite auszuspionieren. Der vermeintliche Gesetzeshüter Colin wurde von Gangsterboss Frank Costello (Jack Nicholson) unter dessen Fittiche genommen und ist nun als interner Informant tätig. Billy soll indes die Verbrecherorganisation infiltrieren und sich das Vertrauen von Costello erschleichen. Der Fakt, dass lediglich seine Vorgesetzten seine wahre Identität kennen, versetzt den Undercover-Cop mehr und mehr in eine seelisch labile Lage. Einzig die Psychiaterin Madolyn (Vera Farmiga) gibt ihm noch Halt - die Beziehung zu ihr ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da sie bereits mit Billys heimlichen Gegenspieler Colin liiert ist…
Scorsese schlägt einen ziemlich geschickten Weg ein: Anstatt in Konkurrenz mit dem Original zu treten, entfernt er sich mit seinem Remake ein gutes Stück weit vom Thriller-Fach und nähert sich eher dem Charakter-Drama an. Gut so, der direkte Vergleich mit dem asiatischen Blockbuster wäre in anbetracht dessen spannungsgeladener Intensität nämlich keinesfalls zugunsten der amerikanischen Version ausgefallen. Durch den variierten Fokus fällt dieses Defizit jedoch kaum ins Gewicht. Ganz im Stil seiner älteren Meisterwerke (“Good Fellas” & “Casino”) legt die Regie-Legende das Katz-und-Maus-Spiel als spritzige Studie des Verbrecher-Milieus an. An die Klasse seiner früheren Glanztaten kann Scorsese aufgrund der fehlenden epischen Bandbreite des Stoffes zwar nicht ganz anknüpfen, dank der grandios gezeichneten sowie glanzvoll gespielten Figuren ist ihm aber dennoch eine mitreißende Gangster-Ballade gelungen.
Das zerrüttelte Innenleben der beiden Hauptprotagonisten wird äußerst packend greifbar gemacht - Skript wie auch Darsteller leisten hier astreine Arbeit. Dass DiCaprio unter seinem Lieblingsregisseur zu Höchstform aufläuft, ist gemeinhin bekannt. So gelingt es ihm auch dieses Mal, eine wunderbare Performance abzuliefern: Man spürt förmlich, wie das Abgleiten in die moralischen Abgründe seine Seele zu zerfressen beginnt und die immense psychische Belastung ihn zu zerbrechen droht. Womit man womöglich nicht gerechnet hätte: Matt Damon kann dieser Schauspielkunst mit seiner erstklassigen Vorstellung problemlos Paroli bieten, sie gar überflügeln. Seine schelmische Ausstrahlung verschmelzt harmonisch mit der kalten Karrierefixierung, lockerer Humor geht Hand in Hand mit opportunistischer Kaltblütigkeit. Ein solch gnadenloser Egoist denkt abseits des üblichen Gut-Böse-Schemas, ihm geht es lediglich um die eigene Existenz.
Scheinbar wollte man dem Publikum nicht zumuten, dass eine solch verachtenswerte Person ungeschoren davon kommt. So kristallisiert sich dann auch der größte Schwachpunkt heraus, wenn man doch einmal den Vergleich mit dem Original bemüht: Die Neuauflage ist wenige Minuten zu lang. Dass zum Schluss hin jeder seiner gerechten Strafe zugeführt wird, nimmt dem Streifen einiges von seiner emotionalen Durchschlagskraft. Während der Antagonist in “Infernal Affairs” einem inneren Konflikt um Reue und Sühne unterlag, welcher ihn den schlussendlich glimpflichen Ausgang beinahe bedauern ließ, gestaltet sich das Remake diesbezüglich zu einfach und versöhnlich. Ein weiterer Makel manifestiert sich in der Anlage des weiblichen Parts: Vera Farmigas gut gespielte Psychiaterin dient zwar vortrefflich der Vertiefung der Charaktere, strapaziert mit ihrer konstruierten Platzierung genau zwischen den Fronten die Glaubwürdigkeit aber arg.
Die Version von Scorsese bringt jedoch nicht nur Nachteile mit sich: Die weiteren Nebendarsteller gestalten ihre Parts ungleich markanter als im Hongkong-Thriller aus. Neben Martin Sheen und Mark Wahlberg als interessantes Guter-Bulle-böser-Bulle-Gespann darf allen voran Jack Nicholson glänzen, welcher mit seinem ebenso bedrohlichen wie charismatischen Auftreten eine außergewöhnliche Aura aufzubauen vermag. Die raue Härte, welche durch mancherlei markige Schimpfwörter und ein passendes Maß an roher Gewalt vermittelt wird, unterstreicht ebenso wie der rockige Soundtrack (u.a. Songs von den Rolling Stones, Dropkick Murphys und Pink Floyd) die angespannte Atmosphäre. Dass Scorsese zur Unterstützung eben jener mit perfekt eingefangenen Bildern aufwarten kann, dürfte sich als selbstverständlich erweisen.
Fazit: Scorsese interpretiert den Hongkong-Klassiker auf interessante Weise neu: Anstatt auf knisternde Hochspannung zu setzen, stehen in “Departed” die klasse ausgearbeiteten Charaktere im Mittelpunkt. Auch wenn nicht jede Änderung der Handlung zu überzeugen weiß, geht das Konzept dank der famos aufspielenden Darsteller dennoch sehr gut auf. So mag der Regie-Legende zwar kein erneutes Meisterwerk gelungen sein, eine atmosphärisch dichte sowie mitreißende Gangster-Ballade ist das raue Remake aber allemal.
8/10