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„Keine Wäsche ohne Abholschein!“ („Mein wunderbarer Waschsalon“? Nein, Scorseses „Departed“!)

Zwischen Martins Scorseses Musikdokumentationen „Bob Dylan – No Direction Home“ (2005) und „Shine a Light“ (2008) kam im Jahre 2006 ein Spielfilm in die Kinos, mit dem sich Scorsese als Regisseur wieder einem seiner favorisierten Themen widmen konnte: „Departed – Unter Feinden“ ist ein knallharter Mafia-/Polizei-Thriller, zudem ein US-amerikanisiertes Remake der Hongkonger „Internal Affairs“-Filmreihe.

Dem Bostoner Paten Frank Costello (Jack Nicholson, „Shining“) ist es gelungen, mit Colin Sullivan (Matt Damon, „Good Will Hunting“) einen der Seinen inkognito bei der Polizei unterzubringen, um dadurch der Exekutive stets einen Schritt voraus sein zu können. Doch die Polizei verfolgt einen ganz ähnlichen Ansatz: Chief Queenan (Martin Sheen, „Apocalypse Now“) und Sergeant Digman (Mark Wahlberg, „Jim Carroll – In den Straßen von New York“) haben Billy Costigan (Leonardo DiCaprio, „The Beach“) als Undercover-Cop in die Mafia eingeschleust. Costigan ist es gelungen, Costellos Vertrauen zu gewinnen, doch eines Tages erfahren beide Parteien, dass sich ein V-Mann in ihren Reihen befindet. Sullivan und Costigan liefern sich ein Wettrennen um die Enttarnung des jeweils anderen...

Angesiedelt in Bostons schmutzigen Ecken, Straßen und Hinterhöfen, erzählt „Departed – Unter Feinden“ zunächst einmal von der Stadt selbst: „Boston – Einige Jahre zuvor“ verrät eine Texttafel, an die sich alte Originalaufnahmen vergangener Jahrzehnte reihen. Zeitgleich berichtet Costello als Sprecher aus dem Off über die Entwicklung der Stadt, bevor er sich auf Tour begibt, um Schutzgeld einzutreiben. Schnell ist er als eiskalter Killer charakterisiert, der sich einen kleinen Jungen heranzüchtet: Colin Sullivan, der eine Ausbildung bei der Polizei beginnt. An diese Stelle setzt der Schnitt einen Zeitsprung, Sullivan schließt seine Ausbildung erfolgreich ab.

Vulgäre Sprache und Beleidigungen durchziehen fortan den gesamten Film und findet auf beiden Seiten statt, insbesondere Bulle Digman übertreibt es mit überzogener Coolness und Vulgarismen. Sullivan geriert sich derweil als selbstgefälliges Arschloch. Scorsese zeichnet seine Figuren mit dem dicken Pinsel, verleiht aber jedem Ensemble-Mitglied etwas Spezifisches und schafft es, durch ständiges Changieren zwischen beiden V-Männern zwei gleichberechtigte Parallelhandlungen zu etablieren, die fesselnd erzählt werden. An Realismus gewinnt „Departed – Unter Feinden“, wenn Costigan mit der Situation hadert, Valium benötigt und zu verzweifeln droht. Die Bedrohlichkeit der Situation wird regelrecht spürbar und man fiebert mit, ohne sich dabei auf eine Seite schlagen zu müssen, der eigene Informationsvorsprung erweist sich keinesfalls als Spannungskiller. Das ist Scorsese hervorragend gelungen.

Mit einer genialen Wendung setzt das von William Monahans adaptierte, im Original von Alan Mak und Felix Chong stammende Drehbuch noch einen drauf: Auch das FBI hat jemanden eingeschleust. Um wen es sich dabei handelt, darf hier nicht verraten werden. Faustdick hinter den Ohren hat es auch Psychiaterin Madolyn (Vera Farmiga, „Sein letzter Coup“), die sowohl mit Sullivan als auch mit Costigan anbändelt. Einerseits reichert dies die Handlung um eine reizvolle, konfliktträchtige Dreiecksgeschichte an, beraubt sie aufgrund ihrer Konstruktion aber auch ein Stück weit ihrer Glaubwürdigkeit, erinnert gewissermaßen daran, dass wir einer ausgedachten Handlung beiwohnen. In einer Sequenz, in der zu Fuß beschattet wird, untermauert Scorsese den artifiziellen Anteil des Films gar, indem er ein grafisches Stilmittel nach dem anderen bemüht – eigentlich überflüssig und angeberisch, dennoch beeindruckend. Ziemlich grafisch sind auch die blutigen Schusswechsel ausgefallen, die dem Film einige Härte verleihen und denen durchaus auch Sympathieträger zum Opfer fallen.

„Departed – Unter Feinden“ zeigt letztlich das ganze V-Leute-Dilemma, das häufig keinerlei Sinn ergibt, und wie anfällig die Polizei für Kriminalität und Korruption ist. Der Umgangston zwischen den Polizeiabteilungen ist dabei weit entfernt vom sauberen Bild, das anderen Produktionen vermitteln: Hier wird sich gegenseitig heruntergeputzt und sogar untereinander geprügelt. Die finale Wendung hätte es nicht unbedingt gebraucht, die innere Logik bleibt dennoch erhalten, es hat schon noch alles Hand und Fuß. Ich persönliche hätte mich über ein offeneres Ende gefreut, doch unabhängig davon ist Scorsese und seinem Team eine beinahe ideale Mischung aus Hochspannung und Suspense gelungen, die vielleicht ein wenig zu lang ausgefallen ist. Dafür bekommt das hochkarätige Hollywood-Ensemble reichlich Zeit, sich hervorzutun, genüsslich ausgekostet von der Kamera. Ein wenig verwunderlich ist es lediglich, dass Scorsese seinem jungen Lieblingsschauspieler DiCaprio nicht seinen alten Lieblingsschauspieler und Mafioso-Rollen-erprobten Robert De Niro an die Seite gestellt, sondern sich für Jack Nicholson entschieden hat (der seine Sache aber ausgezeichnet macht).

Alles in allem ist „Departed – Unter Feinden“ schwer unterhaltsame Big-Budget-Kost für große Jungs und Mädels, die bei allen Dollars und allem schauspielerischen Glanz den Dreck der Straße und ihres Milieus nicht vergisst. So hat es sogar die Folkpunk-Nummer „I'm Shipping Up to Boston“ der Dropkick Murphys in den Soundtrack geschafft.

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