Review
von Alex Kiensch
Schon lange ist es in Hollywood ja Mode, besonders erfolgreiche oder originelle Filme aus dem Ausland mit heimischen Stars neu zu verfilmen. Das mag oft wenig überzeugend sein - wenn sich jedoch ein Regie-Schwergewicht wie Martin Scorsese einer hochkomplexen Gangsterstory wie dem Hongkong-Thriller "Infernal Affairs" annimmt, kann man schon etwas erwarten. Und in diesem Fall bekommt man es auch: Sogar einen der besten Filme des Meisters des amerikanischen Mafiafilms.
Und nicht nur die Regie dieses Ausnahmethrillers ist hochkarätig besetzt: Leonardo DiCaprio spielt den jungen Polizei-Rekruten Billy, der von der Undercover-Einheit der Bostoner Polizei angeworben wird, um sich in die Bande des brutalen Unterwelt-Bosses Costello (Jack Nicholson) einzuschleusen. Während Billy an der knallharten und dreckigen Aufgabe Stück für Stück zerbricht, erkennt er, dass Costello selbst einen Spitzel bei der Polizei eingeschleust hat. Dieser, gespielt von Matt Damon, macht eine glänzende Karriere und untergräbt die Arbeit seiner Kollegen, wo er nur kann. Bald beginnt ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Spitzeln.
Über 30 Jahre hatte Scorsese bereits Filme gedreht, bevor er sich an die Verfilmung dieses Stoffes machte. Dementsprechend trägt auch "Departed - Unter Feinden" seine eigene Handschrift: Zwar übernimmt er die Grundstory des Hongkong-Vorbildes und einige zentrale Wendungen, fügt der Handlung aber auch neue Aspekte und Entwicklungen hinzu und setzt eigene Schwerpunkte. Das hat eine erstaunliche Folge: Obwohl das Remake um fast eine Stunde länger läuft als das Original und bis ins letzte Drittel weniger auf Oberflächen-Aktion setzt, entwickelt es eine mindestens so intensive Spannung. Das liegt an den grandiosen Darstellern, die sich die Seele aus dem Leib spielen - egal ob als ehrlicher Cop, der an den Verbrechen, an denen er als Spitzel beteiligt sein muss, zugrunde geht, oder als falscher Polizist, der die Vorzüge seiner glänzenden Stellung eiskalt lächelnd und heuchlerisch ausnutzt. Alle Akteure geben hier eine Glanzleistung und verleihen ihren Charakteren so viele Ecken und Kanten, dass man nach kürzester Zeit mit ihnen mitfiebert.
Auch die komplexe Figurenkonstellation lässt immer wieder den Atem stocken. Viele Szenen spielen sich dialoglastig und zwischen wenigen Akteuren ab, entwickeln dadurch aber eine immense Intensität. Und wenn dann verschiedene Handlungsstränge ineinander rauschen, explodiert die Spannung immer wieder ins Unermessliche. Obwohl erst gegen Ende Action-Sequenzen, Schießereien und blutige Gewaltausbrüche zunehmen, zieht der Film doch durchgehend in seinen Bann. Das liegt neben den exzellenten Darstellern und der im Kern tief tragischen Story um zerbrochene Lebensentwürfe und das verzweifelte Ringen um Gerechtigkeit auch an der formal hohen Umsetzung. Mit Michael Ballhaus hinter der Kamera und Howard Shore als Soundtrack-Verantwortlichen hat Scorsese eine hochkarätige Mannschaft um sich versammelt, die "Departed - Unter Feinden" zu einem glänzenden Höhepunkt moderner Hollywood-Unterhaltung macht. Zusammen mit der grandiosen Story entsteht so ein unerbittlicher Spannungssog, dem man sich nicht entziehen kann.
Bis in die Nebenrollen mit Mark Wahlberg, Martin Sheen und Alec Baldwin stark besetzt, durch die naturalistische Darstellung der blutigen Gewaltexzesse besonders schockierend und durch die radikal bittere Auflösung zutiefst bestürzend, ist "Departed - Unter Feinden" einer der besten Thriller seines Jahrzehnts und verdientermaßen der Film, für den Scorsese endlich einen Regie-Oscar erhielt. Ein atemberaubend spannender Film, der für jeden Fan des Gangster-Genres absolute Pflicht ist.