Review

Exzentrisch ist wohl das Attribut, mit dem der Regisseur Ken Russell und seine Arbeiten am häufigsten umschrieben werden und exzentrisch ist "Tommy" auch allemal. Basierend auf dem gleichnamigen 69er Album der englischen Ausnahmeband The Who, erzählt der Film seine Interpretation von Tommys "amazing journey", die den traumatisierten und autistischen Jungen zum Flipperkönig und schließlich zum Guru der Massen werden lässt.
Interpretation ist er schon aus dem Grund, dass sich allein aus den Songtexten der sogenannten Rockoper ein völlig eindeutiger Handlungsverlauf gar nicht erschließen lässt. Im von Russell und Pete Townshend zusammen erstellten Script lautet der Plot dann in etwa wie folgt:
Mr. und Mrs. Walker lieben sich. Aber es ist Krieg und Mr. Walker muss an die Front, wo er bald darauf verwundet und vermisst gemeldet wird. Ohne Hoffnung auf seine Wiederkehr wirft sich seine Angetraute, die inzwischen Tommy geboren hat, dem nächsten besten Schmierlappen an den Hals. Als Walker unerwartet doch noch heimkehrt, schlägt der Schmierlapp ihn tot und Tommy, der das mitansehen musste, ist von Stund an gestört. Dass er in Folge von Cousin Kevin als Versuchskaninchen und von Onkel Ernie einfach nur so missbraucht wird, macht die Sache nicht besser. Auch bleiben diverse Heilungsversuche bei Wunderdoktoren (Jack Nicholson), Predigern (Eric Clapton) und der Acid-Queen (Tina Turner) erfolglos. Eines Tages am Flippertisch wird Tommy sein Handicap zum Talent, er zum Star und die Eltern reich und dekadent. Die Geschichte ist hier zwar noch nicht zu Ende aber man muss ja nicht alles verraten...

...auch wenn die Story, bei weitem nicht das ist, was den Film sehenswert macht. Diese hat zwar ihre Momente, bleibt aber (vielleicht zum Glück?) ambivalent und so ist es dem Zuschauer überlassen, die ihm genehme Portion an Botschaft oder Aussage aus diesem kunterbunten Pop-Parforceritt herauszufiltern. Von Führer- und Starkult, Konsumkritik über das Übel eines erstarrten, religiösen Symbolismus bis zum angemessenen Umgang mit "irgendwie Anderen" bietet der Film dazu eine breite Palette von Themen an, ohne irgendwo einen besonderen Schwerpunkt zu setzten oder übermäßigen Ernst an den Tag zu legen. Stattdessen bekommt man einen musikalisch wie visuell unwahrscheinlich einfallsreichen Augen- und Ohrenschmaus serviert, der einen stellenweise mit vor Staunen offenem Mund dasitzten lässt.
Da ist zunächst natürlich die großartige Musik von The Who zu nennen, die eigentlich keines Kommentares bedarf. Aber auch die verschiedenen Gastmusiker machen ihre Sache mehr als nur gut. Tina Turners Version von "The Acid Queen" hat eine unglaublich furiose Wucht und übertrifft sogar die Albumversion. Ihre "Behandlung" des "deaf, dumb and blind kid" wird von Russell als fünfminütiger Horrortrip in Szene gesetzt und bildet zugleich eines der visuellen Highlights des Films. Aber auch Elton John erweist sich der Ehre als würdig, mit "Pinball Wizard" den zentralen Song von "Tommy" zum besten geben zu dürfen. Sein Auftritt als Flippergigant, der vom Thron gestoßen wird, bleibt ebenfallls in Erinnerung.
Ausfälle in der Schauspielerriege sind keine zu melden. Alle gehen mit einer gehörigen Portion Overacting an ihre Rolle heran, was bei einem derart expressionistischen Film wie diesem aber durchaus angebracht ist. Who-Sänger und Schauspiellaie Roger Daltrey schlägt sich als Titelfigur sehr ordentlich und Oliver Reed gibt schön schmierig den Schmierlapp. Sofern, wovon ich ausgehe, alle ihre Songs und Dialoge selber gesungen haben (denn gesprochen wird in diesem Film kein Wort), gebürt noch mal ein Extralob, vor allem der Ann-Margret (die aber schon in den Sechzigern den einen oder anderen Song aufgenommen hat).

Negativ anmerken ließe sich vielleicht, dass der Film mit 111 Minuten womöglich etwas zu lang geraten ist und der Unterhaltungswert sich gegen Ende etwas erschöpft. Auch das Fehlen einer eindeutigen Deutungsmöglichkeit mag manch einen stören. Mich nicht. Ken Russell hat hier einen amüsanten Trip inszeniert, an dem sich Generationen von Videoclipepigonen abarbeiten durften und von dessen ungebremster Kreativität sich manch heutiger Regisseur eine große Scheibe abschneiden kann.

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