“Spiegelfechten”
Seit dem phänomenalen - und in dieser Dimension völlig unerwarteten - US-Filmstart von Zack Snyders 300 gibt es ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald. Rieb sich die seriöse Filmkritik zunächst verwundert die Augen ob des erdrutschartigen Siegeszuges einer einfach gestrickten und äußerst brutalen Schlachtplatte, so feuerte sie mit leichter Verzögerung aus allen (intellektuellen) Rohren.
Natürlich wird hier ein arg simplifiziertes Bild der Umstände um die Thermopylenschlacht geboten. Angefangen bei dem von Spartanerkönig Leonidas beschworenen, „barbarischen“ Überfall der Perser auf die freiheitsliebenden Griechen. Gerade aus der Sicht Spartas ging es allerdings weniger um Freiheit für Griechenland als vielmehr um die Bedrohung der eigenen Hegemoniestellung.
Auch die letztendlich auserwählten 300 waren keineswegs die Elite des spartanischen Heeres sondern vielmehr Männer die bereits Kinder hatten, nicht die Schlechtesten aber eben doch nur Landwehr (vgl. E. Bayer, Griechische Geschichte, Stuttgart 1987). Der zum Zeitpunkt der Schlacht bereits 50-jährige König Leonidas wird in der Überlieferung ebenfalls eher mit dem Attribut der Mittelmäßigkeit versehen. Zu guter letzt ist auch der sehenden Auges in Kauf genommene Opfertod einer ganzen Einheit - Leonidas hatte durchaus die Möglichkeit zum Rückzug - singulär in der Geschichte Spartas.
All dies stellt der Film falsch bzw. zumindest extrem einseitig und vereinfacht dar. Regisseur Snyder allerdings daraus einen Vorwurf zu machen, geht m.E. völlig an der Sache vorbei. Erstens müsste der Vorwurf an den Autor der Comicvorlage gerichtet werden. Wenn, dann hat v.a. Frank Miller schlampig recherchiert und tendenziös gearbeitet. Zweitens ist 300 so ziemlich alles außer ein Historienfilm im klassischen Sinne. Hier geht es nicht um die historisch korrekte Darstellung der Ereignisse von 480 v. Chr., vielmehr zelebriert Comic wie Film heroische Männerideale und schwelgt in rauschhaft inszenierten Kampfszenen. Sparta dient dabei lediglich als Blaupause und ist letztendlich austauschbar. Natürlich ist die Auswahl des Stoffes aber auch nicht rein zufällig. Der Mythos Sparta ist bis in die heutige Zeit übermächtig und hat schon hundertfach für völlig konträre Ansichten herhalten müssen.
Die Story ist simpel und schnell erzählt:
Perserkönig Xerxes marschiert mit einem riesigen Heer in Richtung Griechenland, um dieses seinem Großreich einzuverleiben. Spartanerkönig Leonidas fasst gegen den Willen seiner Orakel und Politiker den Entschluss, den Gegner an einer Engstelle mit lediglich 300 Spartiaten und ein paar hundert griechischen Hilfstruppen aufzuhalten. Als sie in einen Hinterhalt geraten befiehlt der Spartanerkönig bis zum letztem Mann auszuhalten, um den Griechen zumindest einen Zeitvorteil zu verschaffen.
Seit Wochen wird alles mögliche vornehmlich von Seiten des seriösen Feuilleton in den Film hineininterpretiert. Er würde ein faschistoide Welt zelebrieren, in der der Einzelne nichts wert ist und nur die Gemeinschaft zählt. Der Film zeige eine Welt, in der der Kampf (vornehmlich um Freiheit) die einzige Aufgabe wehrfähiger Männer und der Tod auf dem Schlachtfeld das höchste irdisch zu erreichende Glück darstellt. Häufig fällt der Vorwurf der Gewaltverherrlichung bis hin zur hemmungslosen Glorifizierung von Brutalitäten und Grausamkeiten. Wieder andere sehen in der zugegebenermaßen äußerst platten Dämonisierung der Perser (sie bestehen vornehmlich aus entstellten, zügellosen und maskierten Gestalten) einen Seitenhieb auf die v.a. in den USA kolportierte Bedrohung aus dem (islamischen) Osten.
All dies geht m.E. völlig an dem Film vorbei. Dem Film wird damit eine Bedeutung zugemessen, die er überhaupt nicht hat. Wenn überhaupt, hat er nur einen Vorwurf verdient: dass er inhaltsleer ist. Er ist ein berauschendes visuelles Erlebnis, nicht mehr aber auch nicht weniger. Ich kann keine intendierten Botschaften entdecken. Zack Snyder wird sich entweder verwundert die Augen reiben, oder gleich herzhaft lachen über so viel Qualm um Nichts. Er hat ein Fest für die (vornehmlich männlichen) Sinne abgeliefert und ganz bestimmt keines für die grauen Zellen. Somit laufen auch sämtliche Angriffe auf intellektueller Ebene völlig ins Leere.
Der Film funktioniert ausschließlich auf der visuellen Ebene - bei einer Comicverfilmung auch nicht weiter überraschend -, da allerdings hervorragend. Wer mehr darin sehen will, wird ihn zwangsläufig simplifizierend, gewaltverherrlichend und streckenweise auch einfach nur dumm finden. Wer sich allerdings auf die wuchtigen Bilder, die martialischen Sprüche und die mythologisierte Sichtweise einlässt, wird einen Riesenspaß haben. 300 ist eine testosterongeschwängertes Schlachtengemälde, das Fantasyepen wie Herr der Ringe (wenn auch mit weit weniger Substanz) erheblich näher ist, als Historienfilmen wie Königreich der Himmel oder Alexander.
Die äußerst brutalen Kampfszenen sind erstklassig choreographiert, wirken durch häufige Zeitlupen eher balletartig als realistisch. Der zum Teil rockige Soundtrack passt zu den wuchtigen Bildern wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Dass der Film fast ausschließlich aus CGI-Aufnahmen besteht stört überhaupt nicht und unterstreicht letztendlich in idealer Weise die teilweise surreal anmutende Bildästhetik. Die der Comicvorlage geschuldeten, kurz und markant gehaltenen Dialoge passen zum visuellen Stil und sind in ihrer Besinnung auf das Wesentliche sogar einer der wenigen historisch korrekten Aspekte des Films. Einziger Kritikpunkt sind die immer wieder eingeschnittenen Szenen der politischen Intrigen im heimischen Sparta. Hier wollte Zack Snyder wohl den martialischen Charakter seines Films etwas entschärfen, allerdings wird dadurch der Erzählfluss und die Dynamik des Films immer wieder eingebremst. Hier hätte m.E. eine kompromisslosere Vorgehensweise dem Film besser zu Gesicht gestanden.
Fazit:
300 ist ein visueller Kracher wie er lange nicht mehr auf die Leinwand gedonnert wurde. Alles an diesem Film ist wuchtig und gewaltig: die durchtrainierten, muskelbepackten Spartiaten, die hervorragend choreographierten Kampfszenen, die markanten, meist geschrienen Dialoge sowie der dröhnende, rockige Soundtrack. Zu guter letzt die fast ausschließlich computergenerierte Optik, welche beinahe rauschhaft in düster monumentalen Bildern schwelgt.
Intellektuelle Angriffe prallen schon an der Inhaltsleere von Snyders Film ab. Der Film will unterhalten und das tut er laut, krachend, martialisch und letztendlich schlicht und ergreifend verdammt gut. Auch wenn es platt klingt: der Film ist in erster Linie cool. Eine historisch akkurate Aufarbeitung der Thermopylenschlacht sucht man hier vergebens, dies war aber bereits auch in der Comicvorlage nirgends zu entdecken und mit Sicherheit nie beabsichtigt. 300 ist mehr ein Fantasyfilm vor historischen Hintergrund, mehr splatter-inspirierte Schlachtplatte als geschichtliches Drama. Mit Sicherheit kein Meisterwerk - dafür ist der Film letztendlich dann doch zu simpel gestrickt -, aber ein Film der meisterlich unterhält.
(8/ 10 Punkten)