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Ende der 1970er trat ein Comiczeichner und kurze Zeit später auch -autor auf die amerikanische Bühne, der später das gesamte Genre neu definieren und beeinflussen sollte. Er sollte quasi im Alleingang dafür sorgen, dass sowohl im Hause DC das Aushängeschild Batman wieder für Furore sorgen würde, was schließlich in der Neuverfilmung von Tim Burton gipfeln würde, als auch dafür, dass ein Noname-Superheld im Hause Marvel nach Spider-Man - teilweise zeitweilig sogar vor der freundlichen Spinne - zum absoluten Liebling der Comicleser würde: Daredevil.
Mitte bis Ende der 1980er Jahre hatte sich dieser Mann den Ruf eines absoluten Künstlers mit ungeheurer Fangemeinde erarbeitet und die Verlagshäuser rissen sich förmlich nach ihm.
Das ging sogar so weit, dass er es sich herausnehmen konnte, sogar bei Auftragsarbeiten für diverse lizensierte Superhelden, die Carte Blanche zu bekommen, das heißt die absolute freie Hand.
Sein Name: Frank Miller.

Frank Miller war bekannt dafür, dass er anspruchsvolle Geschichte mit harten Kriminalelemeneten verweben konnte und daraus einen Comic Noir erschaffen konnte.
Lange bevor er sich mit Sin City ein Independent Denkmal schuf, hatte er diese Qualitäten schon intus, wobei es bei ihm zwar öfter um die niedersten Instinkte der Menschen ging, sie aber dennoch menschlich blieben.
So war beispielsweise sein Daredevil niemals ein richtiger Sympathieträger als Mensch, dennoch fesselten seine Geschichten gerade weil er auf erzählerischer und visueller Ebene packend war.

Nun denn, im Laufe der Zeit hat er sich immer stärker von der starken Charakterzeichnung verabschiedet, sich stattdessen auf seine ohne Zweifel vorhandenen visuellen Fähigkeiten konzentriert und drumherum immer mehr Hard Boiled Stories geschrieben, mit immer weniger Seele, dafür umso mehr Testosteron.
Sein hauptsächlich männliches Publikum hat es ihm natürlich immer noch gedankt, weil die Art wie er es verpackt hat, einfach nur visuell überragend war und durch seine Hand und seinen Namen eigentlich veredelt wirkte.
Ja, lediglich wirkte, denn die Tiefe früherer Werke wurde einfach nur noch durch Machismo, Nihilismus, Zynismus, Sado- Masoanleihen, sehr viel Gewalt und Vulgaritäten übertüncht...
In vielen seiner Comics mag das wirken. Aber Kino ist nun mal ein weitaus stärkeres Massenmedium.

Geneigte Leser mögen nun meinen:
1. Vielelicht hält er den Leuten nur einen Spiegel der verrohten Gesellschaft vor?
Antwort: Wenn dem so ist, dann war er früher besser, man muß nur "Daredevil: Born Again" mit seinen letzten Sin City-Ergüssen vergleichen. Und dabei ist lediglich die Story gemeint, denn visuell ist Sin City auf jeden Fall drei bis vier Nummern größer.

 Und 2. Was hat das alles mit 300 zu tun?
Aaaaaah, da sind wir bei des Pudels Kern.
300 vereint all das Beste und das schlechteste des aktuellen Frank Miller:
Visuell ist das Epos absolut überzeugend, eine Augenweide ohnegleichen. Überragend!!! Bombast vom Feinsten. Richtig groß.
Der Pathos und die Erzählstruktur ist ebenfalls in einem sehr guten Mischungsverhältnis vorhanden, man sitzt in bestimmten Szenen einfach nur davor und denkt:
Mein Gott, ist das eine coole Sau. Wow!

Doch die erzählte Geschichte ist mehr als bedenklich:
Nicht von ungefähr kann man bedenkenlos dem Erzähler leicht faschistoide Tendenzen unterjubeln. Es gibt von Anfang an eine "natürliche" Auslese der Krieger, nur die fittesten überleben.
Bis hierhin kann man ja fast meinen, Darwinismus denn Faschismus.
Aber es geht ja noch weiter: Die fitten Jungs und Mädels sehen alle aus wie aus Starship Troopers, nur noch mehr mit Testosteron vollgepackt (und im Gegensatz zu Starship Troopers meint es unser guter alter Frankieboy natürlich ernst).
Selbst das ist ja noch nichts schlimmes.
Aber langsam schwant uns Böses: Die pestizierten Hohepriester, alles korrupt von ihrer Natur her erinnern vom Aussehen her eher an Würmer denn an priester und bereichern sich am Aberglauben des Volkes.
Diejenigen, die nicht für Fit genug befunden wurden, sehen nicht einfach nur wie normale Leute aus, sondern gleich wie Mutantenabkömmlinge als Kreuzung von Quasimodo und Gollum.
Und natürlich wenn es einen Verräter geben muß, dann wird dieser Niederträchtige Lurch (!!!!) natürlich auch dieser Mutant sein, dessen äußeres Erscheinen eigentlich nur seinen Charakterzustand wiedergibt.
Hinzu kommt, dass die persische Armee ein Sammelsurium von Mutanten und Abscheulichkeiten unmenschlicher Ekelhaftigkeit ist. Das geht soweit, dass sogar ein Ziegenmensch irgendwann gezeigt wird.
Und der persische Führer sitzt an einer Stelle sogar auf einem goldenen Kalb!!!!
Auch sonst ist das Gebahren unserer "Helden" äußerst "heldenhaft": Sie vergehen sich im Blutrausch und wollen gar keine friedliche Lösung, eher wie Klingonen auf dem Schlachtfeld sterben.
So schickt der gute König auch den Sohn seines besten Freundes, der noch keine Familie sein eigen nennt, da noch zu jung, nicht etwa nach Hause, sondern nimmt ihn bereitwillig mit:
Wenn du Kind glaubst, du seist ein Mann, dann bist du halt einer, mein kleiner Selbstmordattentäter.

Nun zum Film - Endlich mag man meinen: Der Film hält sich verdammt präzise an die oben beschriebene Vorlage, so dass das Ergebnis verblüffend visuell überragend daherkommt, so dass man dem Film als "Literaturverfilmung" prinzipiell gar keinen Makel anhaften kann. Im Gegenteil, der Film geht sogar so weit, die Geschichte der Königin etwas weiter zu spinnen, und dadurch dem Film eigentlich nicht vorhandene Tiefe vorzugaukeln.
Dennoch die Grundtendenzen bleiben dieselben, obwohl es sich hierbei ganz offensichtlich um die Ergüsse eines Mannes handelt, der immer noch pubertierenden Jungs imponieren will/muss, da sie sein Publikum sind, bleibt doch ein relativ schaler Beigeschmack anhaften. Vor allem die Szenen, in denen keine Schlacht stattfindet, ziehen sich irgendwann. Und schließlich fangen auch die Schlachtszenen irgendwann an, wiederholend auf einen zu wirken, so dass der Film einem schließlich doch länger vorkommt als er tatsächlich ist.

Hierfür ist Zack Snyder kein Vorwurf zu machen, er adaptiert die Vorlage sehr gut - wenn es hierfür eine Disziplin gäbe, dann würde er dafür die volle Punktzahl bekommen.
Auch die Stimme aus dem Off ist markant, männlich, überragend.

So kann man fast sogar sagen, dass diese 1:1-Adaption einer Frank Miller Vorlage auch besser ist als Sin City.
Nur die Geschichte selbst ist äußerst fragwürdig und daher um einiges schlechter anzusiedeln, gepaart mit einigen Längen, machen diesen Film dann letztendlich doch nur allenfalls durchschnittlich.

Und das ist vor allem wegen der überragenden Optik doch sehr schade. Und das zieht den Film dann doch auch noch ein bißchen weiter runter, denn was man vor 70 Jahren Leni Riefenstahl vorwerfen konnte, kann man heute  auch Frank Miller vorwerfen, durch die extreme Glorifizierung wird fast schon ein Propagandafilmchen für die ach so "freie Welt" gezeigt.
Dass dabei die selbsternannten Freiheitskämpfer bärtige dogmatisierte Fanatiker zu sein scheinen, stößt niemandem sauer auf?

4 Punkte

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