Review

Im 13. Jahrhundert bekämpfen sich zwei Clans und der König in Böhmen. Als Marketa, die Tochter des Clanchefs Lazar von einem Sohn Kozliks entführt wird, eskaliert die Situation.


Wenn ich mal ehrlich zu mir selbst bin, dann habe ich Kunst, ganz gleich welcher Art und Erscheinung sie sind, noch nie verstanden. Der in eine Betonpyramide eingefasste Trabbi, die Mona Lisa oder irgendein Gemälde von Picasso oder diverse Filme der Stilrichtung "künsterlich besonders wertvoll", ganz egal, Sinn, Zweck und Aussage erschließen sich mir einfach nicht. Und doch versuche ich es zumindest beim Film immer wieder mal, so auch heute geschehen mit Marketa Lazarová zum Todestag des Regisseurs und Autors František Vláčil (19. Februar 1924 – 28. Januar 1999), gesehen in tschechisch mit englischen Untertiteln.


Marketa Lazarová gilt aufgrund von mindestens zwei Umfragen in der Tschechischen Republik als der beste je gedrehte tschechische Film und zudem wohl als einer der besten Mittelalter-Filme. Im Prinzip war mir im Vorfeld schon klar, dass ich dem nicht zustimmen kann.

Aber zunächst muss man mal den Aufwand anerkennen, der für diesen Film betrieben wurde. Seine Entstehung erforderte ganze 7 Jahre, wovon allein 4 auf die Adaption des Romans Marketa Lazarová (1931) von Vladislav Vančura als Drehbuch entfiel. Die Dreharbeiten fanden von 1964 bis 1966 unter besonders schwierigen Bedingungen aufgrund der harschen Winter statt. Zudem wurde besonderen Wert auf möglichst genaue mittelalterliche Ausstattung gelegt, sodass sich das Budget fast verdoppelte und einige Königs-Bilder genannte Sequenzen nicht mehr realisiert werden konnten, wodurch Vláčil am Ende höchst unzufrieden mit dem Ergebnis war.


Die schwarz-weiß Bilder, die er einfängt, sind von ausgesuchter Schönheit und die Ausstattung wirkt auch tatsächlich authentisch, zumindest für mein Nicht-Historiker-Auge. Auch manche Aspekte der Kameraführung, das er z. B. viele Szenen durch Gräser, Büsche oder Zweige filmen ließ, haben etwas Besonderes und Interessantes, dergleichen sieht man ja nicht sehr oft.

Das Drama ist durchgehend recht gut gespielt und der eigens komponierte, an Choräle und mittelalterliche Musik angelehnte Score ist allgegenwärtig, meist ziemlich beeindruckend, oft passend, zum Ende hin aber auch recht anstrengend. Wobei das mit fortschreitender Laufzeit für den ganzen Film gilt.


Dass der Film so sperrig und schwer zu fassen ist, liegt vor allem auch am Ton. Viele Dialoge werden klanglich nicht direkt den Figuren zugeordnet, sondern kommen wie ein Off-Kommentar daher, liegen über allem, wodurch man viel zu oft gar nicht weiß, wer da eigentlich gerade spricht. Denn genauso oft ist die sprechende Person dann einfach auch nicht im Bild zu sehen, viel mehr sieht man oft jene Figuren, an die der Text gerichtet ist.

Neben diversen Rückblenden und Traumsequenzen, die das Geschehen teils unnötig in die Länge ziehen, gibt es einige gefühlt ellenlange religiöse Monologe. So ist der große Finale Kampf beispielsweise an sich tonlos, man hört stattdessen Marketa, die einer Nonne das Gelübde nachspricht. Liest man dazu etwas, wird erst klar, dass es hier um eine Übergangsphase vom Heidentum zum Christentum in der gesamten Region geht. So richtig klar wird das aber nicht. Ähnlich unklar bleiben die Motivationen für viele Handlungen der Figuren. Um auch hier ein Beispiel zu bringen, Kozliks Tochter Alexandra erschlägt am Schluss einen Mann, nur warum erfährt man nie (oder zumindest ich nicht).


In einer anderen Rezension habe ich gelesen, dass Marketa Lazarová in seinen Kämpfen brillant intensiv inszeniert und so unfassbar brutal sein soll, besonders im finalen Kampf. Das ist auch etwas, dass ich ganz und gar nicht sehe. Zunächst mal hält sich die Brutalität ganz im Rahmen eines Films von 1967 und abgesehen von einem Armstumpf und einem Pfeil im Mund gibt es nichts, was darüber hinausgehen könnte. Zumal die Kämpfe keineswegs intensiv und schon gar nicht brillant inszeniert sind, eher das Gegenteil ist der Fall. Es ist schon möglich, dass Mittelalterliche Schwertkämpfe nicht den Drive hatten, wie es uns moderne Filme suggerieren wollen, insofern mag ich nichts gegen die recht langsam ausgeteilten Schläge sagen. Wohl aber gegen die Kameraführung, die bei den Kämpfen gefühlt nicht stattfand. Mal wirbelt die Kamera herum, dass einem schwindlig werden kann, dann zoomt sie so nah an die Kontrahenten heran, dass vom Umfeld und somit auch vom eigentlichen Kampfgeschehen quasi nichts mehr zu sehen ist. Echte Treffer fängt sie eh nicht ein. Das wirkt nicht intensiv, sondern leider sehr dilettantisch.


Thematisch wird es teils tatsächlich wuchtig, denn Raub, Mord, Krieg, Vergewaltigung, Religion, Blasphemie, Schwangerschaften und Inzest geben sich hier die Klinke in die Hand, wobei vieles nur zu erahnen ist und in die oft sinnentleerte Handlung hinein interpretiert werden muss. Gerade die Vergewaltigung stößt sauer auf, denn obwohl das im Mittelalter sicher gang und gäbe war, wird sie hier im Film relativiert, indem sich die Misshandelte in ihren Peiniger verliebt.

Ist die erste Hälfte, in der sich die dünne Handlung entwickelt, noch halbwegs interessant, zieht sich der zweite Teil der 165 Minuten Laufzeit doch mehr und mehr. Die letzte Stunde erfordert schon viel Sitzfleisch, zumal insgesamt wenig Substanz geboten wird. Komprimiert auf 90-100 Minuten hätte das deutlich unterhaltsamer sein können, aber es ist eh fraglich, ob Vláčil mit seinem Marketa Lazarová Unterhaltung abliefern wollte.


Sperriger, deutlich zu langes Mittelalter-Drama mit teils schönen schwarz-weiß Bildern. Die Geschichte ist ziemlich dünn und schürt zunehmend weniger Interesse, die zu Beginn noch interessante, etwas andere Musik nervt mehr und mehr, entsprechend anstrengend wird der Film.Aus meiner Sicht mitnichten der beste tschechische Film, aber dazu darf sich jede:r bitte eine eigene Meinung bilden.

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