Review

Schön perfide für einen französichen Thriller, kommt "Ein mörderischer Sommer" nicht gerade leicht konsumierbar daher. Überhaupt dauert es eine Weile, bis der Film als Thriller überhaupt identifizierbar wird.
Zunächst besticht er erst mal durch die interessant-belustigte Schilderung des kleinbürgerlichen Landlebens tief in Frankreich, durch Einführung der teilnehmenden Charaktere.

Wenn die Adjani als schmollende Kindfrau mit reichlich Launen in das Leben des leicht drögen Mechanikers Pin Pon stöckelt, dann ist das ebenso ironisch wie seltsam. Hier wird erst das Interesse langsam geweckt, daß da noch mehr hinterstecken muß. Trotzdem bleibt der Film zögerlich, umständlich, flirrend unscharf, wie die Hitze, die sich über die ganze Region gelegt hat.

Gewöhnungsbedürftig auch die Idee, den Film etappenweise immer wieder von anderen handelnden Personen aus dem Off kommentieren zu lassen, erst von Pin Pon, dann von Adjanis Eliane, dann von der tauben Tante, dann wieder von Eliane, als Schluß wieder von Pin Pon. Dabei spricht immer derjenige, dessen Informationen für das Verständnis am wichtigsten sind und jeder auch nur nach seinem jeweiligen Infostand.

Erst langsam aber sicher schälen sich die für ein in der Vergangenheit liegendes Verbrechen wichtigen Bestandteile heraus, ein Klavier, daß im Jahr 1955 eine wichtige Rolle spielte, der tote Familienvater von Pin Pon. Doch die Entwirrung des schrecklichen Geheimnisses ist nur einer der geschilderten Inhalte.
Viel schwerer wirken die Bilder, die zeigen, was daraus wurde. Der Zustand von Adjanis Familie ist unmenschlich, sie selbst immer noch von der Mutter abhängig, in schrecklichem Schuldverhältnis zum verkrüppelten Vater und geistig instabil.
Das sind dann auch die interessantesten Ansätze des ganzen Films, wenn sich herausschält, wie durchgeknallt die Adjani hier wirklich ist, mal kindlich naiv, mal verführerisch, meist ruppig, eckig, beleidigend, die Stimmungen minütlich wechselnd, mal ängstlich, mal agressiv. Dazu kommt eine gehörige Portion Exhibitionismus, denn es gibt kaum fünf Minuten, in denen Eliane sich nicht auszieht, um halbnackt oder völlig nackt durch die Gegend zu laufen oder durch die Büsche vögelt.

Die Abgründigkeit der französischen Provinz muß da etwas warten, doch notgeile Spediteure und unterdrückt lesbische Lehrerinnen ergänzen die Atmosphäre der Verworfenheit nur noch. Erst gegen Ende tut sich immer mehr in punkto des alten Vergewaltigungsfalles, deren drei Täter aufgestöbert sein wollen. Doch gerade als es dazu kommt, schiebt der Film eine Doppelbödigkeit nach der anderen vor die Tür und läßt die handelnden Personen oft in ganz neuem Licht erscheinen. So gerät der gut vorbereitete Racheplan unserer Femme Fatale zum wahrhaftigen Bumerang, der in einem fatalen Fiasko endet, bei dem alle in ihr Unglück laufen.

Die abgehackte Art, Einzelteile des Puzzles zu liefern, verlangt vom Zuschauer Geduld und Aufmerksamkeit, doch er wird dafür mit einer reichhaltigen Story belohnt, die über den gewohnten Frankreich-Standard hinausgeht. Die Adjani-Rolle könnte man zwar desöfteren schlagen, weil sie so sprunghaft ist, doch das Drama des Kindes ohne richtige Eltern und mit riesigem Schuldkomplex und leichter und später immer stärkerer Schizophrenie, kommt immer stärker durch und berührt stark.

Ein Film wie der titelgebende heiße Sommer, man fühlt sich hinterher unangenehm berührt und irgendwie erhitzt und klebrig, aber auch wie vor den Kopf geschlagen. Allein das lohnt schon alles. (7/10)

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