"Er steckt mir seine dreckige Zunge in den Mund. Und nur der Gedanke, daß ich sie alle kaltmachen werde, hält mich davor zurück zu kotzen."
Es gibt viele Filme über an und für sich liebenswerte Menschen, die am Leben im Allgemeinen bzw. an der Vergangenheit im Besonderen zerbrechen. L'été meurtrier zählt zu den besten, packendsten und tragischsten Werken dieser Sparte. Dabei fängt alles so schön, so harmlos, so unschuldig an.
Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Nest im Süden Frankreichs. Man fühlt sich inmitten der alten, malerischen Gemäuer sofort wohl, saugt die Überdosis Lokalkolorit ebenso gierig in sich auf wie die stimmige Dorfatmosphäre. Fast meint man, die brütende Sommerhitze auf der Haut spüren zu können. Das Landleben ist zwar kein Zuckerschlecken, aber die Bewohner packen gerne mit an und sind mit Leidenschaft bei der Sache. So wie Florimond Montecciari (Alain Souchon), von allen nur Pin-Pon genannt, ein sympathischer, schlaksiger, etwa dreißigjähriger Mann, der mit seinen Brüdern (einen davon gibt François Ziemlich beste Freunde Cluzet) am Bauernhof seiner Mutter lebt, seine Brötchen als Mechaniker verdient und auch bei Einsätzen der Feuerwehr kräftig mithilft. Jeder mag den gutmütigen, netten Kerl, der heimlich mit der hübschen Kartenverkäuferin des lokalen Kinos rummacht. Dann, eines Tages, ist sie plötzlich da, die etwa zwanzigjährige Eliane Wieck (Isabelle Adjani). Eine wunderschöne junge Frau, selbstbewußt, aufreizend, kokett, den Männern des Dorfes spielerisch die Köpfe verdrehend. Ein sexy Blickfang, wie er im Buche steht, ein heißer Feger, welcher mit seinen in Überfluß vorhandenen Reizen nicht geizt. Schüchtern versucht Pin-Pon erste Bande mit ihr zu knüpfen, und zu seiner Überraschung läßt sie sich auf ein Rendezvous ein. Das Abendessen gerät aufgrund Elianes direkter, schnippischer und aufgekratzter Art sowie ihrer exzessiven Stimmungsschwankungen fast zum Desaster. Doch Pin-Pon verliebt sich in die faszinierende, verletzlich anmutende Frau, und bald zieht sie zu ihm auf den Bauernhof. Als ein Baby unterwegs zu sein scheint, wird auch über eine Heirat nachgedacht. Alles eitel Wonne also? Mitnichten. Es häufen sich - anfangs noch vage - Andeutungen, daß Eliane nicht zufällig in dieses idyllische Dörfchen gekommen ist. Und daß sie etwas Schreckliches im Schilde führt.
Isabelle Adjani ist atemberaubend als unwiderstehliche Femme fatale, die alle um sich ins Verderben zu reißen droht, sich selbst eingeschlossen. Sie ist nicht böse per se. Doch ein viele Jahre zurückliegendes Ereignis nagt an ihr, läßt ihr keine Ruhe, zwingt sie zu handeln. Begriffe wie "richtig" oder "falsch" spielen in ihrem krankhaften, obsessiven Denken keine Rolle. Sie tut, was aus ihrer Sicht getan werden muß, nicht ahnend, daß in dieser Sache bereits so manches geschehen ist. Völlig zu Recht bekam Adjani für diese sensationelle Performance 1984 den César als beste Schauspielerin zugesprochen, einen von insgesamt vier Preisen (bei neun Nominierungen), welche L'été meurtrier abräumte. Es ist fast schon unheimlich, wie intensiv die am 27. Juni 1955 in Paris geborene Aktrice in der vielschichtigen Figur aufgeht, wie glaubwürdig, präzise und zugleich auch natürlich (und freizügig) sie agiert. Alain Souchon ist allerdings ebenfalls großartig; auch er schafft es problemlos, Pin-Pon dem Zuschauer nahe zu bringen, Sympathien für ihn zu wecken, ihn als Identifikationsfigur anzubieten. Es sind zwei phantastische Charaktere, die Drehbuchautor Sébastien Japrisot (er adaptierte seinen gleichnamigen Roman (deutscher Titel: Blutiger Sommer) aus dem Jahre 1977 selbst zu einem Skript), Regisseur Jean Becker sowie Isabelle Adjani und Alain Souchon da geschaffen haben. Man würde ihnen gerne dabei zusehen, wie sie ihr Leben leben, ihr Glück finden und zusammen in eine schöne Zukunft steuern. Selten sehnte man ein Happy End mehr herbei als hier.
Doch daß es das nicht geben wird, wird spätestens nach einer halben Stunde klar, dank eines so einfachen wie brillanten Kniffs. Es erfolgt nämlich ein recht abrupter Perspektivwechsel von Pin-Pon, aus dessen Sicht das Geschehen bis zu diesem Zeitpunkt geschildert wurde, zu Eliane (es wird übrigens auch nicht bei diesem einen Wechsel der Erzählperspektive bleiben). Auf diese Weise erfährt der Zuschauer nach und nach, was genau eigentlich vor sich geht bzw. was vor vielen Jahren vorgefallen ist. Wie bei einem kniffligen Puzzle wird so sorgfältig Stück für Stück hinzugefügt, bis sich am Ende das gesamte Bild ergibt. Und da dies Becker und Japrisot ungemein geschickt anstellen, entsteht langsam eine beunruhigende Spannung, die tief in der Geschichte verwurzelt ist. Das ist keine belanglose, oberflächliche Spannung, die kurz darauf wieder verpufft, oh nein. Diese hier spürt man förmlich leise vibrieren, sie nimmt in ihrer Intensität stetig zu, bis sie sich ganz am Schluß mit einem gewaltigen Knall entlädt. Und dieser Knall hat es wahrlich in sich. Ich habe L'été meurtrier bestimmt schon fünf- oder sogar sechsmal gesehen, aber während der letzten fünfzehn Minuten sitze ich jedes Mal aufs Neue wieder wie auf glühenden Kohlen, bevor am Ende der unvermeidliche Schlag in die Fresse erfolgt. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt gewinnt das Geschehen eine sagenhafte Eigendynamik, die durch nichts und niemand mehr zu stoppen ist. Da kann man die sich abspulende Tragödie nur noch hilflos mitverfolgen.
L'été meurtrier ist einhundertunddreißig Minuten lang. Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Blockbustern, die ihre dünne Geschichte unnötig in die Länge ziehen, fühlt sich Jean Beckers Meisterwerk keine einzige Sekunde zu lang an. Wie brillant Regie, Drehbuch und die Leistungen der bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzten Schauspieler sind, sieht man auch daran, daß man dem faszinierenden Geschehen wie hypnotisiert folgt, obwohl es sich zum Teil unendlich langsam entfaltet. Ein wunderbar gemächlicher, entschleunigter Film. Aber einer, dessen Biß lange schmerzt.