Review

Obwohl er bisher nur wenige Filme realisiert hat zählt Nacho Cerda für mich zu Europas genialsten Regisseuren, bewiesen durch die einzigartigen Kurzfilme „Aftermath“ und „Genesis“. Schon in seinen Kurzfilmen zeigte sich die visuelle Brillanz des Regisseurs ebenso wie sein Interesse für morbide Themen, künstlerisch sind beide Werke auf höchstem Niveau anzusiedeln.
Seine Filme entstanden unter finanziell sehr schweren Bedingungen über Jahre hinweg und so vergingen nach „Genesis“ wieder Jahre bis Cerda wieder von sich hören ließ, Auftragsarbeiten wie die Doku „The Machinist: Breaking The Rules“ oder der Beitrag zur zweiten „99Euro-Films“, „Die Wellen“ sind zwar gelungen, in ihrer Bildsprache und Inszenierung aber nicht dem Genie des Regisseurs würdig.

Nach langem Warten erfreute es mich wieder etwas von Cerda zu hören und es kam sogar noch besser: Erstmals ein Langfilm, bei dem der Regisseur endlich mal sein enormes Talent einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren kann. Und das Ergebnis, The Abandoned“ ist sogar noch weit besser geworden als ich erwartet habe. Schade das Pep Tosar keine Rolle übernommen hat, ansonsten wurden alle Qualitäten der frühen Meisterwerke in den Kinofilm herüber gerettet, was ich angesichts einer solchen, eher kommerziell angelegten Produktion, nicht erwartet hätte. Produziert wurde der Film unter anderem von Carlos Fernandez, sozusagen der Schirmherr des spanischen Horrorfilms. Mit „The Nameless“, „The Machinist“, „Romasanta“, „Rottweiler“ oder „Arachnid“ befinden sich so ziemlich alle spanischen Genrefilme der letzten Jahre in seiner umfangreichen Filmografie, sowohl Highlights als auch Tiefpunkte.

Mit visuellen Spielereien hält sich der Film angenehm zurück, glänzt aber dennoch mit einer großartigen Optik: Kameramann Gimenez, der auch schon „The Machinist“ und „The Nameless“ ansprechend fotografierte, sorgt mit ruhiger Hand für die richtige Stimmung und hilft Cerda entscheidend bei den beeindruckenden Bildkompositionen. Ob nun die bestechend schöne aber kalte Landschaft oder die teils dynamischen, teils statischen Innenaufnahmen – mit ungewöhnlichen, effektvollen Kameraeinstellungen und dem gut getimten Schnitt macht „The Abandoned“ optisch viel her ohne den für Cerda typische Minimalismus zu vergessen. Nur wenige, dafür aber umso cleverer gestrickte, Twists beeinträchtigen die schnörkellose Dramaturgie und die spannend erzählte Story.

Die Kulissen wurden penibel ausgewählt und mit viel Aufwand gestaltet, vermitteln ein wahrlich schauriges Gefühl der Beklemmung und der Unsicherheit. Anders als japanische Grusler wie zum Beispiel „Ring“ geht „The Abandoned“ aber einen Schritt weiter und schockiert nicht nur zart besaitete Zuschauer. Schock-Effekte sind durchaus vorhanden, aber wohltemperiert eingebracht und atmosphärisch sehr förderlich, zimperlich ist Cerdas erster Kinofilm trotz dezenter Machart nicht geworden. Wo der Plot-Twist in „The Nameless“ mehr oder weniger schwach inszeniert war und in seiner Wirkung völlig verpuffte, da trifft „The Abandoned“ voll ins Schwarze. Weder an den Haaren herbei gezogen, noch einfallslos und unspektakulär sondern radikal und gleichzeitig leise klingt der Film aus.

Das Gefühl von Verlassenheit, tiefe emotionale Leere – schon in „Genesis“ kamen diese Themen in Form von Verlust eines geliebten Menschen vor; in „The Abandoned“ ist es das verlassene Haus welches ein tiefes Geheimnis birgt und die Erkenntnis, dass manche Dinge lieber im Verborgenen bleiben sollten. Während sich andere Horrorfilme mit einem ähnlich hohen Mystery-Anteil sich entweder in heißer Luft und Phrasendrescherei verlieren oder auf einen möglichst knalligen Twist aufbauen, beweist Cerda Fingerspitzengefühl und findet einen Spagat zwischen radikalem Independentfilm und massenkompatibler Unterhaltung. Dennoch finden sich mehrere Verweise auf das Transgressive Kino, einer Anti-Mainstream-Bewegung welche in den späten 80ern mit den Kurzfilmen von Richard Kern und anderen begonnen hatte. Cerdas frühe Werke sind auch dieser experimentellen, wegweisenden Filmrichtung angehörig – da erscheint auch die Mitarbeit von Karim Hussain (Regisseur des umstrittenen, transgressiven Meisterstücks „Subconscious Cruelty“) nicht mehr so seltsam.

Hussain arbeitete am Drehbuch mit und schuf mit Richard Stanley und Nacho Cerda selbst eine originelle Geschichte, die keinerlei Zugeständnisse macht an das gängige Mainstream-Publikum. Weder gibt es Identifikationsfiguren für Teenager noch das übliche 10 Kleine Negerlein Prinzip und schon gar keinen Platz für zeitgemäße Musikvideo-Ästhetik oder, wie in der jüngeren Vergangenheit üblich, sadistische Folter-Sequenzen. Dennoch wirken Stil und Inhalt weder altmodisch noch schwerfällig, sondern im Gegenteil frisch und unverbraucht. Außerdem gibt es keinen Zynismus, keinen auflockernden Humor, keine Cameos, keine augenzwinkernden Zitate – „The Abandoned“ funktioniert eigenständig, regt zum nachdenken an und thematisiert universelle Themen auf zeitlose Art. Von welcher Seite man es auch betrachtet, der Film schwimmt energisch gegen den Strom und setzt sich durch, hoffentlich wird Cerda seinen längst verdienten Erfolg erhalten und bekommt die Möglichkeit noch weitere Filme zu drehen.

Schauspielerisch gibt es nichts zu beanstanden, sämtliche Schauspieler besitzen die nötige Reife und das Talent für ihre teilweise recht vielschichtigen Rollen. Bekannte Namen bzw. Gesichter finden sich keine und das ist auch irgendwie gut so, stilistisch unterstreicht die Unbekanntheit der Darsteller die Anonymität des Schauplatzes und fügt sich somit bestens ins Gesamtbild.

Fazit: Kurz gesagt ist „The Abandoned“ schlicht und einfach einer der besten Horrorfilme der letzten Jahre und hat sämtlichen modernen Slasher- und Terror-Filmen einiges voraus. Der Film schafft es mit abgründiger Atmosphäre und einem starken Drehbuch den Zuschauer zu fesseln, gleichzeitig zu verängstigen und zu unterhalten. Ein Meisterstück, weit weg vom Einheitsbrei und absolutes Pflichtprogramm für jeden wahren Horrorfan. Deshalb die Höchstwertung.

9,5 / 10

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