Review

Ach je, wer guckt sich denn schon Filme an, die "See des Grauens" heißen?
Oder noch schlimmer, Horrorfilme mit dem Originaltitel "Sam's Lake"?
Möglicherweise die, die auch immer "Jasons Feriencamp" gucken.

Könnte man zumindest meinen, wenn man in Andrew C.Erins spielfilmlange Version seines eigenen Kurzfilms einsteigt, der doch glatt fünf Ex-Delinquenten (schwul, drogenabhängig, beziehungsunfähig, von Todesfall erschüttert, farbig) präsentiert, die sich ein paar Tage in einer Hütte am abgelegenen See gönnen möchte. Der liegt im Nirgendwo, letzter Stop ist ein Laden bei einer Tanke mit einem urigen Typ mit Brille, der mysteriöse Warnungen ausstößt. Am Ziel ist erstmal alles idyllisch, ein blonder Surfertyp schaut vorbei und alsbald knistert das Lagerfeuer lustig dahin, so daß die Gruselgeschichten ausgegraben werden. Und da kommt dann die Hammerstory von dem geistig gestörten Jungen, der von seinen Eltern in die Klappse im Wald abgeschoben wurde und von dort Jahre später entkam, um mal ordentlich die Sippe zu meucheln.
Angeblich ging er danach ungesehen jahrelang im Wald um und ließ noch mehr Anwohner verschwinden, aber das vermoderte Elternhaus steht noch auf der nächsten Lichtung.
Also nix wie hin wegen Mutprobe und so und da findet sich auch gleich noch ein Tagebuch von vor 40 Jahren, in dem...scheiße, hört doch mal auf mit Klischees zu schmeißen...!!!

Ganz im Ernst, die erste Hälfte dieses Ferienvideos ist so beschissen abgeschmackt und öde, daß es schon in den Scharnieren röhrt. Zwar könnte ich Macher Erin latent unterstellen, daß er hier ein bißchen mit den Versatzstücken des Friday-Subgenres kokettiert und jongliert ("Ey, was ist das für ein Ding?" - "Das ist ein Bootshaken" - "Aha!") und seinen Jason studiert hat, aber so fade Gesellen mit so wenig Klischees und dennoch so viel Langeweile in der Achselhöhle hat man selten gesehen. Da muntert selbst die Modedesignertucke das Geruckel im Leerlauf nicht auf, alle schauen meistens ernst und gedankenvoll drein, sondern hier und da mal eine Nichtigkeit ab und scheinen sich auch sonst so gut zu entspannen, wie meine Hoden auf einem Schleifstein.

Natürlich regt sich im Unterholz schon der unvermeidliche Bodycount, spätestens wenn der wollige Waldschrat den Brillenfuzzi von der Tanke weghobelt (wieso auch immer), aber ich hatte nach 45 Schnellvorlaufminuten schon mal präventiv die Tiefstnote gezückt: viel öder und billiger kann kein Slasher sein.

Und dann: oh Wunder!
Es geht doch anders, denn gerade als auch das letzte Gelenk zu krachen beginnt, läßt das Skript seine einzige interessante Idee mit der Lesung des Tagebuchs aus dem Sack und der Plot dreht sich mal schnelle um 180 Grad. Was dann folgt, hat zwar auch noch etwas mit Slashern zu tun (auch wenn der Blutgehalt des Film per se eher niedrig und funktionell gehalten wurde), entwickelt aber doch eine eigene Dynamik, die man so nicht erwarten konnte.
Natürlich bedeutet das trotzdem, daß die Opfer in spe (minus des Schwulen, denn wer muß wohl als Erster dran glauben...tsts...Klischee!) ab sofort im Wesentlichen durch den Wald laufen - aber zumindest ein rudimentäres Restinteresse an der sich entwickelnden Figurenkonstellation tritt wieder in den Vordergrund.
Aufgrund von Budgetgründen war für die zweite Filmhälfte offenbar auch kein kreativer Overkill geplant, aber die Entwicklungen sorgen zumindest für solide Low-Budget-Spannung bzgl. der kommenden Wendungen (die auch etwas, jaha, mit dem Bootshaken zu tun haben). Es geht also etwas mehr zur Sache und weil die Figuren nicht mehr ganz so viele "Dialoge" zu deklamieren haben (ganz schlimm: Fay Masterson), kommt sogar so etwas wie Geschwindigkeit auf.

Satt und zufrieden macht das leider dann nicht mehr ganz, sorgt aber dafür, daß man nicht endlos genervt ist, wenn das beginnt, was eigentlich für den Genrespaß sorgen soll. Insofern kann man sich "Sam's Lake" geben, wenn man in der Annahme, ein irre gewiefter Splatterkenner zu sein, möglichst früh auf den Plot-Twist kommen will - Wunder sollte man von diesem Debütwerk aber trotzdem nicht erwarten.
Dem Regisseur hat es immerhin jährlich TV- und DTV-Arbeit jenseits der kanadischen Grenze gebracht (wenn auch keine von Bedeutung), insofern sollte man mit dem Film nicht allzu hart ins Gericht gehen. Wenn man in der ersten Hälfte nicht schon sanft entschlafen ist. (3/10)

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