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Neben Fritz Langs Metropolis und Die Frau im Mond, den Alraune - Variationen, Der Tunnel und Gold eine der schon damals raren deutschen Exempel zum Science Fiction Kino; wobei die heutige Betrachtung den Film eher ins Abenteuergenre einordnen würde und durch das finale Katastrophenszenario auch noch die Zugehörigkeit zu der offenen Action- und Formalspannungskategorie betont wird.
Nun, fast acht Dezennien nach der Entstehungszeit, ist der einstmals phantastische Gehalt verschwunden und wurde längst in eine allgemeingültige Realität negiert; soll aber nicht daran hindern, dem Film auch noch heutzutage die entsprechende Wirkung hinsichtlich von innerer Dramaturgie und äusserer Effektivität zu bescheinigen. Sämtliche prototypische Grundzüge zum Erzählen einer praktischen und gleichzeitig persönlich einbeziehenden Geschichte sind bereits vorhanden, und werden nicht nur sorgfältig ausgebreitet, sondern auch mustergültig dargelegt und im entscheidenden Moment angezogen. Zu Gute kommt dabei auch, dass man sich hier noch die Zeit nimmt, die eigentliche Entstehung selber in Augenschein zu nehmen und man Personen und das Projekt von Beginn weg in Aktion und Reaktion begleitet. Informationen werden gereicht und in einer konsequenten, inhaltlich plausiblen sequence mit konzentrierten Mitvollzug erläutet. Man ist bei der industriellen Entwicklung der F.P.1 ebenso dabei wie bei dem wichtigen Abschnitt der Biographien. Ausserdem ist man nicht auf die Visualität der Oberflächenreize verkürzt, auch wenn man diese ebenso wie auch eine anlockende Trivialität zu bedienen weiss.

F.P.1 steht für Flugzeugplattform 1. Eine künstliche Insel aus Glas und Stahl, 500m lang, 150m breit, 25m über dem Wasserspiegel. Mitten im Ozean, im Schnittpunkt der vier Welten Europa, Afrika, Nord- und Südamerika. Gedacht, um den Flugverkehr entscheidend zu sichern und für Betankung und Verpflegung der zwischenlandenden Passagier- und Frachtflieger zu sorgen.
Eine wahnwitzige, unvorstellbare Idee von Kapitänleutnant Droste [ Paul Hartmann ], die von den Hohen Herren ohne Sinn für etwas Neues gar nicht weiter beachtet wird. Bis sein Jugendfreund, der Flieger Ellissen [ Hans Albers ], in das Archiv der Werftbesitzer Matthias und Konrad Lennartz [ Werner Schott, Erik Ode ] einbricht und die Pläne zum Vorschein bringt. Mit seiner Initialleistung und der Unterstützung von Claire Lennartz [ Sybille Schmitz ] wird das Wunderwerk gebaut, zieht aber schnell Saboteure an.

Die 105minütige Handlung lässt sich Zeit und bezieht ihre Aufmerksamkeit nicht aus oberflächlichen Aufmerksamkeiten, sondern aus dem Wechsel der Genres, dem Zwischenspiel der Figuren und dem Eindruck des Möglichen, aber noch nicht Geschehenen. Das Drehbuch von Curt Siodmak und Walter Reisch nach Siodmaks gleichnamiger Novelle täuscht vor allem in der Einleitung vieles vor, wechselt rapide über einen Opener aus dem Fliegerfilm über einen eventuellen Kriminal- und Spionagestrang. Incl. zuweilen schmissigen Ton. [Die intonierten "Flieger, grüß' mir die Sonne" und "Ganz da hinten, wo der Leuchtturm steht" unterschnitten zu imposanten Flugaufnahmen avanchierten zu Klassikern.]
Die Vorführung erweckt erst Neugier aus Desinformation und schliesslich Wissbegier aufgrund etwaiger Gefahren und dem Drang aufgrund von Forschungstrieb und Sensationslust. Ein Aufbruch zu neuen Horizonten, in denen nicht mehr verstörende Albträume, expressionistische Zukunftsängste, zynische Experimente, fanatische Wissenschaftler, entfremdete Aussenseiter und synthetische Menschen an der Tagesordnung stehen. Die Gegner kommen aus den eigenen Reihen und sind normale Menschen aus Fleisch und Blut, die feige aus dem Hinterhalt mit vorstellbar gängigen Methoden von Manipulation und Destruktion arbeiten und mit gebräuchlichen Schusswaffen hantieren. Rein aus materiellen Konkurrenzdenken handeln und sich dem Progreß von Aufschwung und Weiterkommen in den Weg stellen.

Sicherlich verfügt man auch hier über sinistre Charaktere in düsterer Bildwirkung, aber es geht um eine utopische Ausgangssituation mit allgemein positiven Blick. Inspiriert sowohl durch Lindbergs Alleinflug ohne Zwischenlandung von New York nach Paris im Mai 1927 als auch den Entwürfen des deutschen Ingenieurs A. B. Henninger. Nach den Ideen Hennigers, über deren tatsächliche Verwirklichung die Regierungen aktiv überlegten, baute Erich Kettlehut auf der Greifswalder Oie im Norden von Usedom auch die Plattform für den Film nach: Ein tricktechnisch überzeugendes Resultat, dass seinen Anspruch als Alibi, Freibrief und Höhepunkt des Filmes trotz einer schlichten architektonischen Fantasie ohne Schwierigkeiten einlöst.
Sowieso verhält sich die Inszenierung von Karl Hartl [ Berge in Flammen, Gold, Der Mann, der Sherlock Holmes war ] recht geradlinig, geradezu zuverlässig direkt und durch bewegungsorientierte Bildfolgen und verkürzter Einstellungsdauer eine theatralische Tendenz weitgehend vermeidend.
Dabei spricht er die sachliche Ebene an, nicht virtuos kumulierend die ästhetische, emotionale oder appellative, überkomponiert nicht, verherrlicht nicht den Aufschwung, fokussiert nicht allein auf die Anstrengungen und lässt auch politische Aussagen aussen vor. Auch wenn wenige Wochen später, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Reichsfilmkammer ex tunc Optik und Inhalt für sich beanspruchte und propagandistisch ausnutze.

Abgesehen davon und anderen Spekulationen spürt man auch jetzt noch die Faszination, die mit dem mittlerweile vollzogenen technokratischen Fortschritt verbunden ist und erlebt die Geschehnisse durch eine geschickte Einbeziehung der Zuschauer.
Die Überwindung der natürlichen Grenzen, die einem das Luft- und Wasserreich von jeher aufzwingt und auch heute bestimmt, die Besiedelung eines artifiziellen Eilandes in dem riesigen Nichts des Ozeans und der Überlebenskampf auf einem abgegrenzten, abgeschottenen, engen Raum stellen in der Einheit von Unkenntnis in Bezug auf Kommendes zusammen mit Ahnungen, Befürchtungen und Fakten einen brodelnden Mikrokosmos des Grenzgängertums dar. Man verlässt nicht nur die sichere Umgebung, sondern sogar den festen Boden unter den Füssen und begibt sich in ein weitgehend unkontrollierbares, unbekundetes Niemandsland. Das man zwar mit den eigenen Händen errichtet hat, aber bei dem man auch auf das Vertrauen in den Nächsten bauen muss und sich in einer Gemeinschaft befindet, über die man keinen Überblick haben kann. Ein Wagnis, dem man sich stellt und es zugunsten der Erfordernisse überwindet. Eine wilde Schiesserei im Funkraum, die über die Mikrofone in alle Welt übertragen wird - arbeitsteiligen Einsatz von Bild und Ton - und so die Notlage ebenso artikuliert wie die unmittelbare Gefahr von Flugzeugabstürzen, Ertrinken, Gift-und Gasanschlägen, eine Meuterei, Massenpanik und dem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Das Publikum braucht dafür Jemanden, der sie leitet, der sie an die Hand nimmt, durch Strapazen und Gefahren führt und bei dem sie sicher fühlen können.
Dafür hat es Hans Albers.

Albers war von vornherein für die Rolle vorgesehen, hat die kritische Phase nach dem Stummfilm weitgehend schadlos überstanden und war mittlerweile nach Der Blaue Engel, Der Greifer, Hans in allen Gassen, Der Greifer, Bomben auf Monte Carlo etc. ein Star, der sogar Harry Piel, Heinrich George und Luis Trenker den Rang streitig machte. Der beliebteste Tonfilmdarsteller des Landes. Der Mann der Saison. Und damit auch der Spitzenverdiener, der aus dem oft erbitterten Gagenpoker mit der Ufa die meiste Zeit als Sieger hervorging und die eigentlich beschlossene Gage von 55.000 Reichsmark unerbittlich auf 70.000 hochdrückte; was mit seinen Anteil hatte, dass der finanzielle Aufwand von 2,65 Millionen RM noch den von Metropolis überstieg. [Wobei von F.P.1 antwortet nicht für die internationale Verwertung aufgrund des Fehlens von Untertiteln und Synchronisation noch eine englische Fassung vom Conrad Veidt und eine französische mit Charles Boyer montiert wurden.]
Sein Ellissen ist der Abenteurer schlechthin. Wie er im Buche steht. Heute hier und morgen dort. Muss herumkommen, weil das Leben kurz ist. Liebe zu einer Frau und eine sichere Heimat kennt er nicht. Und als er in Gefahr läuft, sich von Claire binden zu lassen, reisst ihn ein Telegramm über einen Nonstopflug Berlin - Berlin aus dem kurzzeitigen Traum. Er sucht keinen Schatz - das apodiktische Motiv des Abenteuerfilmes -, sondern will etwas erleben.

Dabei ist die Person noch nicht einmal besonders sympathisch angelegt, bzw. erscheint besonders in der Dreiecksgeschichte nicht gerade als Liebreiz in Vollendung.
Selbstgefällig, von sich eingenommen und entsprechend egoistisch anmassend. Nur an sich denkend und seine Ziele und Motive verfolgend. Kein ehrwürdiger Superheld, der alles stehen- und liegenlässt, um Jemanden zu retten. Als er nach der Landung auf der mittlerweile eben nicht mehr auf Funkrufe reagierenden Plattform herausfindet, dass er nur als "Luftkutscher" gebraucht wurde und "seine" Claire mittlerweile einen Anderen liebt, reagiert er ganz ungehalten und kümmert sich noch nicht einfach richtig um die umliegenden Verletzten.
Auch wenn der blonde Rheinländer den Film in gewissen Szenen trägt und auch grossartige Momente des Fluchens hat, erscheint er über die meiste Zeit als eine Art Salonproletarier in grotesker Übersteigerung und trauert im Schauspiel wohl auch noch dem Stummfilm nach. Anders als seine Mitspieler Peter Lorre, Werner Schott, Erik Ode und Paul Hartmann - die im Vorspann zum Teil nur mit dem Nachnamen erwähnt werden - verwendet er vorzusgweise bedeutungsschwangere Gesten und vermeintlich ausdrucksstarke Blicke. Weit aufgerissene Augen als optischer Effekt sind keine Seltenheit.

Kein grosser und schon gar kein nuancierter Darsteller, der den nötigen Zwiespalt modulieren kann. Auch wenn der realistisch - mokante Veidt mit feinem Spott wahrscheinlich viel geeignter für die zentrale Position war, während der besonnene Boyer zu farblos gewesen sein dürfte: Albers' Unbefangenheit, Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit als Draufgänger, aber trotzdem Allerweltskerl und sicher auch die beständige Verlässlichkeit haben das Publikum der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und des Nachkriegsdeutschland gefangengenommen und verschafften nicht nur diesem speziellen Film eine immense Popularität.

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