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Stanley Kubrick verstand es wie kein anderer, Filme künstlerisch so wertvoll und zugleich in den Botschaften, die seine Filme vermittelten, so eindrucksvoll zu gestalten, dass man seine Werke einfach lieben muss. Einen weiteren Höhepunkt in seiner Filmographie stellte gerade wegen diesen Fähigkeiten „A Clockwork Orange“ dar, der seinerzeit – und auch heute – aufgrund seiner schonungslosen Darstellung von Gewalt und den Auswirkungen dieser Gewalt für Aufsehen sorgte.

Der erste Film war richtig gut. Ein gekonnter Streifen, wie aus Hollywood. Der Ton war richtig Horrorshow. Das Geschrei und Gejammere konnte man hören als ob man dabei wäre. Gleichzeitig auch das Keuchen der Malchicks die da jemanden tollchokten. Und dann, stellt euch vor, fing auch schon unser lieber alter Freund, der rote, rote Vino zu fließen an. Wie vom Fass. Der gleiche auf der ganzen Welt, als würde er von einer einzigen riesigen Firma überall hingeliefert. Es war hinreißend. Komisch dass die Farben der wirklichen Welt erst wirklich echt aussehen wenn man sie auf dem Screen sieht.

So könnte eine Kritik zu Kubricks Film in der von ihm geschaffenen Utopie, in der „Uhrwerk Orange“ spielt, ausgesehen haben; tatsächlich haben wir es hier aber mit der Meinung Alex’ über den ersten Film, den er im Rahmen seiner „Therapie“ ansehen muss, zu tun. Alex (Malcolm McDowell) – das ist der Protagonist unseres Filmes. Er plündert, raubt, vergewaltigt und schlägt sich gemeinsam mit seiner Gang – den Droogs (Michael Tarn, James Marcus und Warren Clarke) – durchs Leben: gewissenlos, brutal, „ultra-brutal“. Doch eines Tages wird er inhaftiert und muss sich für seine grauenhaften Taten verantworten. Nach einiger Zeit der Haft bekommt Alex die Chance zur Resozialisierung. Dazu muss er an einem vom Innenminister (Anthony Sharp) initiierten Programm teilnehmen, der „Ludovico Treatment Technique“. Mit Hilfe dieses Programms soll dem Behandelten bereits beim reinen Gedanken an Gewalt eine „Bestrafung“ durch den eigenen Körper zugeführt werden: der Gedanke daran soll ihm körperliche Schmerzen und Übelkeit zuführen. So wird Alex einer „Dauerberieselung“ durch Filme unterzogen, die die schlimmsten Gewalttaten der Menschheit beinhaltet. Zunächst noch amüsiert, ekeln Alex die Filme immer mehr an, bis er schließlich als geheilt gilt und der breiten Öffentlichkeit als durchschlagender Erfolg der neuen Behandlungsmethode vorgestellt wird. Aus dem gewissenlosen Gewalttäter wurde ein willenloses Element einer Gesellschaft gemacht, die nicht so unschuldig ist, wie sie zunächst erschien…

Kubrick konfrontiert uns im ersten Abschnitt des Films schonunglos mit der Gewalt, die von Alex und seinen Freunden ausgeübt wird; immer wieder untermalt von Klängen, die zuvor niemals eine Konnotation zu Gewalttaten zuließen: mal klassische Musik – bevorzugt von Alex’ Lieblings-Komponisten, dem „guten, alten Ludwig van“ - mal Evergreens wie „Singing in the rain“. Er scheint die Gewaltorgien ins Absurde ziehen zu wollen, sie schon fast als „normal“ erscheinen zu lassen, wenngleich seine tiefere Intention eigentlich im Gegenteiligen liegt: er will den Zuschauer nicht davon überzeugen, dass Gewalt als „normal“, als „gesellschaftsfähig“ anzusehen ist; nein er will den Zuschauer lediglich davon überzeugen, er will untermauern, dass dieses Gefühl der Normalität bei der Ausübung von Gewalt in jeder Minute ihres Handelns von den Droogs empfunden wird. Das Handeln der Gruppe empfindet der Zuschauer mit Hilfe der zunächst abstrus erscheinenden musikalischen Untermalung noch einmal ein ganzes Stück perverser als es ohnehin schon ist. Für Alex und seine Droogs jedoch ist das Vergewaltigen und Prügeln weiterhin genauso normal wie der alltägliche Besuch in der Korova-Milchbar.

Wir hockten in der Korova-Milchbar und überlegten uns, was wir an diesem Abend anfangen sollten. In der Korova-Milchbar konnte man „Milch Plus“ kriegen. Milch plus Vellocet oder Synthemese oder Drenchrom. Das heizt einen an und ist genau richtig, wenn man Bock hat auf ein wenig Ultrabrutale.

Doch von dem „Ultrabrutalen“ kommt Alex durch die Therapie schnell ab. Ab dem Zeitpunkt, in dem sich Alex in Behandlung befindet, wird der Film etwas ruhiger. Niemals zu ruhig, um die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer zu verlieren, aber man bemerkt einen Umschwung hin zum Nachdenklichen. Es entsteht aus der Kritik am gewalttätigen Handeln der Droogs eine allumfassende Gesellschaftskritik, die ihre Begründung in der Frage hat:

Darf ein Staat seine Bürger instrumentalisieren, um gegen Gewalt vorzugehen? Und stellt er sich dadurch nicht selbst auf eine Stufe mit den Gewalttätern, die er bestraft?

Gerade aufgrund dieser Fragestellung und der filmischen Behandlung dieses Themas ist „A Clockwork Orange“ ein wichtiger Film geworden. Stanley Kubrick stellt diese Fragen nie direkt, sondern nur unterschwellig. Jeder Zuschauer soll sich seine eigene Botschaft aus diesem Film extrahieren. Verpackt in eine sowohl optisch als auch akkustisch einwandfreie Umsetzung ist sein „Uhrwerk Orange“ ein echtes, zeitloses Meisterwerk geworden, das im Jahre 1971 genauso wenig wie heute auf uneingeschränkte Zustimmung aller Orten traf und gerade dadurch, dass er die Massen so stark spaltet wie nur wenige andere Filme, immer wieder für neue Diskussionsanstöße sorgen kann. Kubrick ist ein Film gelungen, der auch über 30 Jahre nach Fertigstellung noch aktuell wirkt und für mich noch vor „2001“ in der Rangliste seiner besten Filme zu nennen ist. 10 Punkte!

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