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Als der Killer aus Fleisch und Blut die übernatürlichen Erscheinungen verdrängte, kam er als Legion. Kaum hatte John Carpenters „Halloween“ (1978) die Slasher-Tropes endgültig in die Popkultur eingeführt, war der Bann gebrochen und das Schicksal der 80er besiegelt. Es gab kein Entrinnen. Maskierte und Verunstaltete quetschten sich fortan zu Dutzenden durch das viel zu schmal gewordene Portal der Kinoleinwand, um Teenager das Fürchten zu lehren.

Über die Lautsprecher ertönten dazu unentwegt die lieblichen Sirenen der Scream Queens. Indem Fleischermesser, Macheten und andere Werkzeuge der Wahl auf Körper niedergingen, nahm das Böse zunehmend menschliche Gestalt an. Zumeist waren es sozial Ausgestoßene, die sich an den vermeintlich Normalen zu schaffen machten. Ob suburbane Wohnlandschaften im Herbst oder Waldhütten am See zur Sommerzeit – der geisteskranke Einzelgänger war stets die Anomalie in einer saisonalen Normalität. Darin waren sich die meisten Vertreter ihrer Gattung einig. Regisseur Simon Nuchtern hingegen ist angetreten, um zu beweisen: Wahnsinnig ist letztlich nicht der Irre, sondern die Welt, in der er lebt.

Der Wahnsinn reicht in „Silent Madness“ beileibe nicht nur bis zu den Mauern der örtlichen Psychiatrie, sondern bis in die tiefsten Winkel des Cinemascope-Bildes, vielleicht sogar in die Säle beziehungsweise die Wohnzimmer hinein – der damals grassierenden 3D-Welle zum Dank. Die beschworene alternative Grindhouse-Realität erstreckt sich in alle Gebiete, in die Hauptdarstellerin Belinda Montgomery als eine eher unorthodoxe, ältere Heldin Dr. Joan Gilmore vordringt. Die Orte, an denen sie gegen ihre Kollegen ermittelt, haben wenig mit jener Art von Normalzustand zu tun, aus der das durchschnittliche Psychopathen-Gemetzel gemeinhin herausragt wie ein rotes Ausrufezeichen.

Das spiegelt sich auch auf technischer Ebene wider. Das ArriVision 3-D, das kurz zuvor bereits in „Amityville III“ und „Der Weiße Hai 3-D“ (beide 1983) eingesetzt wurde, lässt die Stereobilder mit ihren Doppelkonturen sogar in der 2D-Version verzerrt und dadurch traumartig, fast schon wie aus einem lebendig gewordenen Comic wirken; ein Eindruck, der durch die gelbliche Farbpalette, die körnige Struktur und die vielen Pop-Out-Shots noch verstärkt wird. Geschmückt wird das Ganze mit einem satten Zeitgeist-Anstrich, inklusive Dragon’s-Lair-Videospielautomat und prominent in die Kamera gehaltener Coors-Banquet-Bierdose.

Aufgebaut ist das Setting fast wie ein Slasher-Themenpark, bei dem die psychiatrische Anstalt lediglich den Eingangsbereich markiert, der im Grundriss der einführenden Handlung von „Nightmare in a Damaged Brain“ (1981) ähnelt. In der wunderbaren Welt des Wahnsinns, die sich im Anschluss entfaltet, verschmelzen Assoziationen zu allem, was Rang und Namen hat. Da hätten wir einen Make-Out-Point mit einer Aussicht wie aus „Freitag der 13.“ (1980), wir sehen Sorority Girls, die aus „Black Christmas“ (1974) oder „The House on Sorority Row“ (1982) entflohen sein könnten, sogar der berühmte Heizungskeller aus dem ultimativen Klassiker „Nightmare on Elm Street“, der fast zeitgleich in den US-Kinos startete, wird als Ort des Grauens etabliert. Es scheint so, als sei die Welt deswegen so wahnsinnig, weil die zahllosen Horrorikonen der laufenden Ära dafür die Saat gelegt haben.

Erwähnt werden darf bei dieser Gelegenheit auch der sleazige Soundtrack, der je nach Sequenz zwischen John Carpenter und Goblin pendelt und zusätzliche Assoziationen beschwört, wenn er sich nicht gerade zugunsten idyllischen Vogelzwitscherns zurücknimmt, um eine Scheinnormalität zu wahren.

Dabei begnügt sich „Silent Madness“ keineswegs damit, des Selbstzwecks wegen bekannte Szenarien nachzustellen und oberflächliche Zitate fallen zu lassen. Hier ist keine Postmoderne am Werk, sondern durch und durch in sich selbst versunkene Gegenwartskritik. Auf der Agenda steht vor allem das Filetieren der gesellschaftlichen Grundordnung mit den einfach zugänglichen Mitteln des Low-Budget-Horrorfilms. Viel Mühe und Liebe zum Detail steckt vor allem in der Ausarbeitung der Nebenfiguren, die in der Gesamtheit ein nicht gerade vorteilhaftes Bild der Institutionsvertreter der Einrichtungen New Jerseys zeichnen.

In den oberen Etagen der Psychiatrie werden Vertuschungsaktionen initiiert, derweil die klobige Computertechnologie aus dem Aufstiegszeitalter der Personal Computer im Hintergrund kleine Fehler mit großen Auswirkungen begeht. Viveca Lindfors legt als Leiterin der Studentenverbindung ein schizophrenes, von radikalem Konservativismus geprägtes Verhalten an den Tag, das demjenigen so mancher mordender Verrückter Konkurrenz macht, mit einer Blutlinie, die mindestens bis zu Hitchcocks „Psycho“ zurückreicht. Dennis Helfend und Philip Levy verkörpern die Stereotype der uniformierten Henchmen, unfähig zur Reflexion ihres eigenen Verhaltens, aber durchaus gewillt, aus niederen Beweggründen selbst Schaden zu verursachen, obwohl sie im Namen des öffentlichen Dienstes agieren.

Die Krönung aber ist Sydney Lassick, der nicht umsonst auch eine der denkwürdigsten Darbietungen als Insasse in Miloš Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ geliefert hat, hier aber nun in Gestalt eines abgehalfterten Polizeichefs auftritt, das Haar wirr in der Luft stehend, das Diensthemd nur unzureichend den Schmerbauch verdeckend, Augen und Ohren vor der Wahrheit verschlossen. Kombiniert ergibt sich ein völliges Versagen der städtischen Organe, was wiederum zu dem eingangs geschilderten Eindruck führt, gängige Kriterien für die Definition von Normalität würden in diesem Film nicht gelten.

Der Akt des Tötens, der für den Slasher sonst so essenziell ist, gerät bei dieser Prioritätensetzung zu einem bloßen Mittel zum Zweck, einem notwendigen Übel sogar, wie man meinen könnte, wenn man die geringe Sorgfalt berücksichtigt, mit der Simon Nuchtern das Treiben seines Killers verfolgt. Diesem wiederum könnte man sogar nachsagen, er wirke eher müde als bedrohlich mit seinen rot unterlaufenen Augen und seinem wenig energischen Auftreten, das am ehesten noch in Tradition des Zombiefilms steht. Plump fällt auch das Motiv für seinen Amoklauf aus, das nach und nach über Rückblenden mit einem Kontext versehen wird, der eher zu den Basics des Genres gehört. Es ist gerade im Vergleich mit den Jasons und Michaels, die seinerzeit ihr Unwesen trieben, eine trostlose, blasse, wenig mysteriöse Gestalt, deren Ausstrahlung im harten Kontrast zu ihrem radikalen Handeln steht.

Gerade das gehört aber ein Stück weit zum Konzept von „Silent Madness“, der das „Silent“ nicht umsonst im Titel trägt. Es ist der personifizierte stumme Schrei, dem hier die Teufelshörner aufgesetzt werden. Den Rockstar würde man noch früh genug mit Freddy Krueger bekommen; hier haben wir vorerst den traurigen Narren, so austauschbar, dass er überhaupt erst wegen eines Buchstabendrehers in die Freiheit gelangen konnte, um den Hammer zu schwingen.

Und doch kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die wenig motivierte Art des Mordens nicht nur ein Charaktermerkmal des Mörders bleibt, sondern sich auch auf die Regie überträgt. Zumindest aus Slasher-Perspektive wird letztendlich zu wenig geboten. Einmal darf der Bohrer blutig zulangen, ansonsten wendet sich die Kamera gerne ab, bevor es in irgendeiner Hinsicht allzu explizit wird, was ausdrücklich auch für das zögerliche Verhältnis zu Nacktheit am Set gilt. Auch wenn andere Prioritäten herrschen, hätte es keinen Widerspruch bedeutet, den Streifzug des Psychopathen mit mehr Härte auszustatten, auf dass der Hilferuf der armen Seele noch deutlicher zu vernehmen gewesen wäre.

„Silent Madness“ mag aus der Distanz wie ein Destillat der berüchtigsten Slash-and-Kill-Schauplätze der 80er wirken. Von dem bunten Popkultur-Anstrich mitsamt 3D-Gimmick sollte man sich aber ebenso wenig blenden lassen wie von dem geringen Budget. Die Qualitäten dieses Billigreißers liegen wohl kaum in einem wie auch immer gearteten Killer-Kult, wie er die großen Stars des Horrorfilms jener Zeit umwehte, sondern vielmehr in der ungewöhnlich ambitionierten Umkehrung der Perspektive. Wir lernen: Eine Psychiatrie in New Jersey ist immer nur ein Modell in einem noch viel größeren Modell. Da kann man ja nur wahnsinnig werden.

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