Der Film beginnt mit einer minutenlangen, äusserst gelungenen Plansequenz: Louis Castillo, einer der mächtigsten Mafiabosse in Chicago, hat ein berauschendes Fest veranstaltet, grad die letzten Gäste verabschiedet und führt noch schnell ein Telefonat. Da schleicht sich ein Unbekannter in den Raum und knallt ihn ab.
Den Auftrag zum Mord gab Johnny Lovo, ein Konkurrent Castillos. Die Tat ausgeführt hat Tony Camonte, genannt Scarface. Dank dessen Brutalität und Skrupellosigkeit kann Lovo sich als neuen Boss etablieren und kontrolliert von nun an den Alkoholschmuggel in seinem Viertel. Damit wäre er eigentlich auch ganz zufrieden, bloss hat seine rechte Hand grössere Ambitionen: Gegen Lovos Willen und ausdrücklichen Befehl „wildert“ Tony erst im Terretorium von O’Hara, einem anderen grossen Paten, und lässt diesen schliesslich umbringen. Das provoziert einen regelrechten Krieg (der mit allen Mitteln, äusserster Härte und mit tragbaren Maschinengewehren, der neusten Innovation in der Waffentechnik, geführt wird) zwischen O’Haras Mob, an dessen Spitze nun ein gewisser Gnaffey (Boris Karloff!) steht, und Lovos Leuten; Tony setzt sich schlussendlich durch. Es gelingt ihm im Verlauf des Bandenkrieges auch, Lovo zu entmachten und dessen Freundin Poppy zu „übernehmen“. Als Lovo dann versucht, Tony zu verraten, bringt dieser auch ihn um die Ecke.
Könnte alles Friede, Freude, Eierkuchen sein, aber im Kino zahlt sich Verbrechen bekanntlich nicht aus: Tonys Untergang wird besiegelt durch seine rasende Eifersucht, was seine Schwester anbelangt: Als diese mit Guino Rinaldo anbändelt, lässt er sich zu einer folgenschweren Tat hinreissen…
SCARFACE (übrigens produziert von dem Exzentriker und Millionär Howard Hughes) orientiert sich mehr oder weniger lose an der Karriere von Al „Scarface“ Capone (welcher noch aktiv war, während der Film gedreht wurde) sowie den Bandenkriegen der 20er in Chicago und entstand zu einer Zeit, als die Weltwirtschaftskrise das Land erschütterte, ein grosser Teil der Bevölkerung arbeitslos war, den Leuten das Geld folglich nicht gerade locker sass und sie entsprechend schwer dazu zu bewegen waren, ihren Verdienst in einen Kinobesuch zu investieren. Die Lösung der Hollywoodproduzenten: Mehr Gewalt, mehr Sex, mehr Sensationen und damit das Publikum in die Lichtspielhäuser locken.
SCARFACE ist ein Kind dieser Zeit: Da werden reihenweise Leute onscreen mit Maschinengewehren niedergemäht, Leichen jemandem als Warnung vor die Füsse geworfen, Geschäfte in die Luft gejagt oder wilde Verfolgungsjagden abgehalten. Und auch die inzestuösen Anklänge in der Beziehung zwischen Tony und seiner Schwester Cesca sind nicht ohne. Kein Wunder, dass der Film Schwierigkeiten mit der Zensur hatte (1934 reagierte Hollywood auf den zunehmenden Druck von Seiten der selbsternannten Moralwächter und verabschiedete den Production Code, welcher ein verbindliches Regelwerk der Selbstzensur darstellte), Szenen neu gedreht und Texttafeln (die den Film als Anklage gegenüber dem Staat, der angeblich zu wenig gegen die Gangster unternimmt, hinstellen sollten) an den Anfang gesetzt wurden. (Die heute verbreitete Fassung entspricht allerdings weitgehend der von Hawkes intendierten.) Die einzige Auflockerung, die der Film bietet, ist ein (ziemlich fehlplaziert wirkender) Comic-Relief in Form von Tonys Sekretär Angelo.
Überhaupt weidet sich der Streifen geradezu an dem brutalen Charakter seines Protagonisten: Tony ist ein von Ehrgeiz („The World is yours“) getriebener Psychopath, der erst so richtig auflebt, wenn ihm die Kugeln um die Ohren fliegen und er mit dem Maschinengewehr in der Hand seine Feinde niedermetzeln kann. Skrupel sind ihm völlig fremd und jeder, der sich ihm in den Weg stellt, beisst ins Gras.
Hervorzuheben ist an der Stelle die ausgezeichnete schauspielerische Leistung von Paul Muni (DER ZORN DER GERECHTEN), der sowohl die viehische Freude an der Brutalität, als auch die süffisante Cleverness (wirklich gebildet ist Scarface nicht, auch wenn er es sein möchte – siehe den Gebrauch von Fremdwörtern, den er erst im späteren Verlauf seiner Karriere zu meistern versteht) und den Wahnsinn (als er in seinem zur Festung umgebauten Heim der Polizei trotzt) von Tony Camonte mit einer Überzeugungsfähigkeit und Spielfreude darstellt, die ihresgleichen sucht. (Er ist zudem ein Charakterkopf, der schon äusserlich perfekt in die Rolle passt.) Ganz grosses Kino!
Mit Ann Dvorak (THE LONG NIGHT) als seine Schwester Cesca und Karen Morley (THE MASK OF FU MANCHU) als seine Trophäe Poppy haben wir zwei wirklich bezaubernde Darstellerinnen (letztere ist zudem ein herrlich treuloses Miststück, das sich immer nur dem grössten verfügbaren Platzhirsch an den Hals wirft – sehr hübsch die Szene, in der sowohl Lovo als auch Tony Feuer anbieten und sie Tony, welcher den alten Boss beinahe schon verdrängt hat, den Vorzug gibt), mit Osgood Perkins (übrigens Vater von Anthony Perkins) als Johny Lovo einen Boss der alten Schule, dessen Gier noch Grenzen kennt (der aber auch recht feige rüberkommt), mit George Raft (BOLERO) einen schweigsamen, aber bedrohlichen Kumpel, mit Vincent Barnett als Angelo hingegen einen, wie schon gesagt, eher störenden Comic Relief (der zwar durchaus lustig ist, dem kompromisslosen Grundton des Filmes aber doch zuwider läuft). In einer Nebenrolle als Gaffney, O'Haras Nachfolger, kann man im Übrigen Boris Karloff bewundern (der just ein Jahr zuvor seinen Durchbruch als Frankensteins Monster hatte).
Langweilig wird der Film zu keiner Sekunde, vertreibt er doch seine Laufzeit, wie oben erwähnt, mit jeder Menge Action und Brutalitäten (okay, Blut spritzt nicht und vieles findet nur im Off statt, aber für 1932 ist es ruppig genug). Kameraführung und Schnitt setzen auf Dynamik und Bewegung (wobei man sich heutzutage, zugegeben, noch weitaus schnellere Filme gewohnt ist), insbesondere die rasanten Autoverfolgungsjagden beeindrucken.
Ein eigentlicher Score fehlt (ist ja typisch für frühe Tonfilme), Musik ertönt nur da, wo sie durch die Story direkt motiviert wird, z.B. wenn Tony seinen Erfolg in einem Nachtclub feiert.
Man achte noch auf ein kleines Gimmick: Wann immer eine der Figuren über den Jordan geht, findet sich irgendwo im Bild ein „X“ ein. (Damals hat man an Tatorten den Fundort der Leichen mit einem solchen bezeichnet.) Bereits der Vorspann wird von einem grossen solchen dominiert; da weiss man gleich, was für einen Film man vor sich hat…
Fazit: SCARFACE profitiert von der schnellen Inszenierung, der für sein Alter überraschende Ruppigkeit und einen genialen Hauptdarsteller. Zu Recht einer der ganz grossen Klassiker des Gangsterfilmes und unbedingt zwei bis drei Blicke wert.