Regisseur Larry Clark provoziert gern. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil sich mit Hilfe einer gelungenen Kontroverse prima ein Mangel an Talent oder Qualität kaschieren lässt. Aus irgendwelchen Gründen fühlt sich Clark dazu berufen, in seinen Werken immerzu ein pessimistisches Bild der heutigen Jugend zu zeichnen – vermutlich stellvertretend für seine Ansicht der gesamten Gesellschaft. Da das jedoch von einer Vielzahl Filmemacher versucht wird, und Clark thematisch noch nie wirkliches Neuland betreten konnte, heißt es also „auffallen um jeden Preis“ – was man Presse und Publikum dann als „schonungslos realistisch“ verkauft:
„Kids“ war nicht mehr als profaner filmischer Dreck, „Ken Park“ auch mit seinen expliziten Sexszenen ziemlich öde, und mit „Teenage Caveman“ bewies er, nicht einmal reinen Trash vernünftig inszenieren zu können.
In zwei Fällen ist es Clark aber tatsächlich gelungen, relativ gute Endergebnisse abzuliefern – wobei man jedoch sagen muss, dass man ihm als Regisseur nicht unbedingt den Lob dafür zusprechen kann: „Another Day in Paradise“ wäre ohne die großartigen Darsteller (Woods, Griffith, Kartheiser, N.G.Wagner) weniger als die Hälfte wert, was für „Bully“ in einem gewissen Maße ebenfalls gilt. In letzterem Fall kommt noch hinzu, dass man auf eine gute und ergiebige Romanvorlage zurückgreifen konnte…
Die beiden Jugendlichen Marty (Brad Renfro – „Apt Pupil“) und Bobby (Nick Stahl – „Disturbing Behaviour“) kennen sich schon sein frühster Kindheit. Während Bobby demnächst aufs College gehen wird, hat Marty nicht einmal einen Highschool-Abschluss erreicht. Schon immer war es so, dass Bobby zu extremen Stimmungsschwankungen und Gewaltausbrüchen neigt, was Marty dann meistens abbekommt – zudem wird letzterer von seinem Kumpel ständig unterdrückt und auch in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht.
Eines Tages lernt Marty die offenherzige Lisa (Rachel Miner – „Haven“) kennen, die sich ernsthaft in ihn verliebt und sich Gedanken über Bobbys Verhalten zu machen beginnt. Als dieser dann auch noch ihre beste Freundin Ali (Bijou Phillips – „Octane“) vergewaltigt, kann sie Marty dazu überreden, sich endlich zu wehren und Bobby gar umzubringen. Schnell sind einige Freunde gefunden, die sich dem Vorhaben bedenkenlos anschließen, und so machen sich Marty, Ali, Lisa, Derek (Daniel Franzese), Donny (Michael Pitt – „the Village“), Heather (Kelli Garner – „Thumbsucker“) sowie der „Hitman“ Leo (Leo Fitzpatrick – „Kids“) ans Werk…
Der Film beginnt mit Telefonsex sowie dem Satz „I want you to suck my big dick“ – willkommen in einem weiteren Larry Clark Film, mit dem der „exploitation“-Filmemacher erneut durch die direkte Inszenierung von Sex und Gewalt auf sein Anliegen aufmerksam machen möchte, das Leben der „no future“-Generation Amerikas „ehrlich und kompromisslos“ anhand ausgewählter Figuren im Rahmen einer konkreten Situation aufzuzeigen. Dafür hat sich Clark einen echten Mordfall aus dem Jahre 1993 ausgesucht, der damals in Florida für Schlagzeilen sorgte sowie dem Autor Jim Schutze für dessen Buch „Bully – does anyone deserve to die?“ als Vorlage diente.
Der Fall hatte die Medien beschäftigt, da auf den ersten Blick kein wirkliches Motiv für die Tötung zu erkennen war: Einige der Täter kannten das Opfer nicht einmal – sie schossen sich der Sache trotzdem bedenkenlos aus bloßer Langeweile an.
Clark inszenierte „Bully“ gewohnt beobachtend und unspektakulär (bis auf eine mehrfache 360 Grad Kameradrehung, die auf Dauer einfach nur nervte), wobei er sich vollkommen auf seine Darsteller verließ, während der Film an sich ohne größere Überraschungen abläuft. Zum Glück kann die Besetzung ausnahmslos überzeugen – allen voran Nick Stahl (“T-3“/“In the Bedroom“), der beeindruckend kraftvoll und intensiv spielt.
Die Charaktere machen dann auch den ganzen Reiz des Filmes aus – insbesondere ihre „wahren“ Motive und Verhaltensweisen: Bobby war ein guter Schüler, der eigentlich eine viel versprechende Zukunft vor sich gehabt hätte, wenn nicht seine gestörte Persönlichkeit gewesen wäre. Außerdem war er ein versteckter Homosexueller mit einer Obsession für Schwulenpornos, was man seiner Freundschaft zu Marty teilweise auch anmerken konnte. Marty selbst war ein charakterschwacher Mitläufer, der sich von Bobby alles gefallen ließ und letztendlich auch in den Bann von Lisa geriet. Letztere nahm alles viel zu leicht: Sie liebte Marty, schlief aber ebenfalls mit Bobby und überredete letztendlich ihre Freunde zum Mord, für welchen sie die treibende Kraft darstellte. Nach der Tat war sie es jedoch, die Angst bekam, was schließlich zu den Verhaftungen führte. Derek, Ali, Heather und Donny waren die klassischen Mitläufer, denen es im Endeffekt egal war – sie hatten schließlich zurzeit nichts Besseres vor. Der „Hitman“ Leo beheilt als einziger einen klaren Kopf, konnte aber nichts gegen den „Leichtsinn“ seiner Komplizen ausrichten: Da sich keiner von ihnen wirklich schuldig fühlte, vertrauten sich diejenigen, die nur zugeschaut hatten, vermeintlichen Freunden an und redeten sich somit um Kopf und Kragen … auch sie wurden kurz darauf verhaftet und verurteilt.
Natürlich ist der Film nicht so komplex wie das Buch, doch Clark reißt bestimmte Bereiche leider nur an, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten: Da wären beispielsweise die familiären Hintergründe. Alle Kids stammten aus gefestigten Elternhäusern, doch die Eltern hatten irgendwann einfach die Kontrolle über sie verloren. Nur Lisas Mutter liefert ein Negativexempel der Erwachsenen: Als ihre Tochter schwanger wird und ihr Freund handgreiflich auf diese Nachricht reagiert, will ihn die Mutter sofort von ihrem Bruder zusammenschlagen lassen. Trotz der Voraussetzungen boten die Familien den Kids einfach keinen Halt oder Rückzugsmöglichkeit. Außerdem wäre es interessant gewesen, mehr übers eigentliche Gerichtsverfahren präsentiert zu bekommen, statt nur die Urteile am Ende ablesen zu können.
Es sind also eher die Figuren, Motive und Hintergründe, die „Bully“ interessant machen. Spannung kommt kaum auf, da der Ablauf eigentlich vorhersehbar ist – doch den Mord an sich hat man äußerst intensiv und beklemmend umgesetzt.
Ein weiterer auffälliger Aspekt des Films ist seine offene Freizügigkeit: Es wird deutlich, dass sich die Kids die Zeit hauptsächlich mit Drogen und Sex vertrieben haben, weshalb auch nichts gegen die zahlreichen Szenen dieser Art einzuwenden ist, doch Clark übertreibt es mal wieder mit seinem so genannten „Realismus“ – wenn Lisa zwischendurch einfach mal splitternackt zur Toilette geht oder so ein Telefonat führt, wirkt das schon wieder unnötig und aufgesetzt. Ferner überreizt er es bereits zu Beginn, wo er keine Gelegenheit auslässt, die Kamera in Bijou Phillips Schritt zu halten, was auf Dauer einfach nur plump und peinlich wirkt. So oder so ist der Begriff „subtil“ für Clark ein Fremdwort – er präsentiert seine Vision immerzu mit dem Holzhammer, quasi „in your face“, ohne leise oder verborgene Zwischentöne.
Fazit: „Bully“ ist die Verfilmung eines wahren Verbrechens, die von der direkten Herangehensweise des Regisseurs profitiert, gleichzeitig aber auch an dessen Eigenheiten krankt, weshalb man das Gesamtwerk letztendlich nur mit zwiespältigen Eindrücken und gemischten Gefühlen betrachten kann … 6 von 10.