Review

Ein großes, packendes Epos, das es meisterhaft versteht, historisch komplexe Entwicklungen und Zusammenhänge mit einer emotionalen Liebes- und Lebensgeschichte zu verknüpfen.

Selten hat es ein Kinofilm geschafft, in derartiger Vollendung die politische Weltgeschichte mit einer persönlichen Handlung um Gefühle, Zusammenhalt und den Kampf ums Überleben zu verbinden. Durch die virtuose Bildmontage, die kleine Szenen leiser Gefühle direkt gewaltigen Massenszenen gegenüberstellt, wird eine Bindung zwischen Historie und Privatem geknüpft, wie sie kaum enger sein könnte - da fahren Lara und ihr älterer Verehrer Viktor im Schlitten durch den Schnee und küssen sich zaghaft, während zwei Straßen weiter eine friedliche Demonstration von Militärreitern brutal niedergeschlagen wird.

Doch mehr als die technische Seite des Drei-Stunden-Epos' überzeugt die inhaltliche: Mögen die einzelnen Erzählebenen in ihrer Gesamtheit eine unglaubliche Komplexität erreichen, vermag es der Film ohne weiteres, all ihren tieferen Inhalten gerecht zu werden. Da wird gleichwohl nebenbei die Entwicklung des Kommunismus im Russland des frühen 20.Jahrhunderts erzählt,, von der Protestbewegung gegen das Zarenreich, das auf dem Rücken der schwer schuftenden Bevölkerung eine dekadente Monarchie errichtet hat; hinüber zur Revolution, die alles besser zu machen verspricht und den Menschen Hoffnung gibt; bis schließlich die bittere Einsicht eintritt, dass unter den neuen Führern sich nichts denn der Name des Regimes geändert hat - die Durchsetzung der neuen Gesellschaftsordnung erfordert eben die Maßnahmen (oder gar brutalere), die schon von der Polizei des Zarenreichs verwendet wurden. Das Individuum hat sich bedingungslos unterzuordnen, wenn es nicht untergehen will.

Dabei hält sich der Film mit scharfer Kritik auffallend zurück. Mit einer geradezu natürlichen Selbstverständlichkeit zeigt er die Entwicklung des Kommunismus zum menschenverachtenden Terrorregime - ohne mehr Kommentare dazu abzugeben als unbedingt nötig. Nur ein einziges Mal taucht Stalin im Film auf - und auch dann nur kurz als riesiges Bild an der Wand. So könnte der historische Teil beinahe als metaphorische, allgemeingültige Betrachtung aufgefasst werden.

Mit eben dieser Leichtigkeit und objektiv-sachlichen Distanz wird die Liebesgeschichte Schiwagos (Omar Sharif) erzählt - die zu seiner Frau ebenso wie die zu seiner Geliebten Lara, der er ganze Gedichte widmet. Die vielschichtigen Emotionen der Beteiligten dieser erdrückenden Dreiecksgeschichte werden genau geschildert, ohne dass selbst falsche Entscheidungen der Figuren kritisiert oder auch nur kommentiert werden.

Das Bemerkenswerteste aber ist, dass trotz dieser eben erwähnten Sachlichkeit in der Berichterstattung der Zuschauer sich nicht zu sehr von den Figuren distanziert fühlt. Er leidet mit ihnen, fiebert mit ihren Schicksalen mit. Erst zum Ende verliert der Film etwas von seiner Stringenz, wird ein wenig schwerfällig. Doch das ändert nichts daran, dass er ein mitreißendes Monument klassischen Hollywood-Kinos ist.

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