Review

Inhalt:

Der 17jährige Fredy lebt in einer norddeutschen Kleinstadt im Haus seiner Eltern in desolaten
Verhältnissen. Seine alkoholabhängigen Eltern und insbesondere sein gewalttätiger Vater können ihm keinen Halt bieten. Zuflucht sucht er in einer rechtsradikalen Clique, deren Mitglieder sich zunehmend in eine Gewaltspirale manövrieren, bei der es zu immer extremeren Straftaten gegen „Nicht-Deutsche“ kommt. Erst als eine Frau stirbt, entscheidet sich Fredy gegen seine Kumpels...

Meinung & Hintergrund:

Zum Beispiel: Fassbinder, Herzog, Wenders... – vermutlich sind diese Namen des Neuen Deutschen Films fast jedem Interessierten bekannt. Wer aber kennt Uwe Frießner resp. kann sich noch an seinen Namen erinnern? Dabei schuf Frießner Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre mit seinen Kinofilmen DAS ENDE DES REGENBOGENS (1979) und BABY (1984) und der Fernsehproduktion DER DRÜCKER (1986) eine „Trilogie der Tristesse“ hinsichtlich der Zukunftsaussichten bundesrepublikanischer Jugendlicher bzw. junger Erwachsener aus prekären Verhältnissen, die dem alten Punk-Slogan „No Future“ alle Ehre gereichen.

Es handelt sich dabei um quasi semi-dokumentarische Spielfilme (zeitgenössisch auch als „Problemfilme“ benannt), um äußerst authentische Milieustudien, in deren Fokus das Schicksal eines Menschen steht, dem es trotz aller Anstrengungen letztendlich nicht gelingt, dem Fatalismus der Unterschicht zu entkommen.

Einen Großteil der Schauspieler/innen und v.a. auch die Hauptrollen besetzte Frießner mit Laiendarsteller/innen aus dem realen Milieu, um seinen Vorstellungen einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Erzählung und Darstellung der Geschichte gerecht zu werden. Seine Figuren zeichnen sich dabei durch eine Ambivalenz aus, die sich umgangssprachlich als „jenseits von gut und böse“ beschreiben lassen. Dabei enthält sich Frießner einer moralischen Bewertung oder Schuldzuweisung, sondern drückt in tiefer Zuneigung seine Solidarität mit den Schwachen der Gesellschaft aus.

Mit HASS IM KOPF von 1994, wiederum einer TV-Produktion, widmete sich Frießner einem Thema, welches Anfang der 1990er Jahre für ein weiteres dunkles Kapitel der deutschen Geschichte sorgte, nämlich das Erstarken des militanten Rechtsradikalismus infolge der Wiedervereinigung. Die Pogrome von Hoyerswerda im September 1991 und Rostock-Lichtenhagen im August 1992, sowie die tödlichen Brandanschläge in Mölln am 23. November 1992 und Solingen am 29. Mai 1993 sind nur die traurigen Höhepunkte zahlloser schwerster ausländerfeindlicher Straftaten, welche die Republik innerhalb kurzer Zeit erschütterten.

Frießners Film, für den er auch jahrelang recherchierte, verschafft einen realitätsnahen Einblick in ein Milieu junger Männer, die nicht unbedingt besonders ideologisch geschult sind, sondern eher dem Klischee des „dumpfen Faschos“ entsprechen, wie es sich seinerzeit auch im Straßenbild zeigte (Bomberjacken & Springerstiefel). Zur Identität und Bestätigung trugen maßgeblich Machotum, Corpsgeist und Männerbünde, sowie zur Enthemmung hoher und häufiger Alkoholkonsum bei. Und ein klammheimlicher Rückhalt in Teilen des Spießbürgertums.

All dies zeigt der Film sehr anschaulich, wenn auch manchmal etwas plakativ. Was bei einem 90minütigen Fernsehfilm, bei dem es halt auch auf die Verdichtung der Story ankommt, aber auch nicht ganz einfach sein dürfte. Wie in den anderen Filmen Frießners steht hier ebenfalls die ambivalente Persönlichkeit eines jungen Mannes im Fokus. Fredy ist auf der einen Seite ein sensibler Junge auf der Suche nach Identität und Halt. Seine Naivität und Unsicherheit macht ihn jedoch empfänglich für das Bildnis des „starken Mannes“, für das er seine Empathie (auch seiner Freundin gegenüber) zu-un-gunsten blinder Gefolgschaft opfert. Er steht damit exemplarisch für so viele „Mitläufer“ jener Zeit. Es ist ein hoch anzuerkennendes Verdienst Frießners, diese Mechanismen über das Medium Fernsehen einem breiteren Publikum vermittelt zu haben.

Somit ist es umso bedauerlicher, daß dem Werk von Uwe Frießner bis heute nicht eine adäquate Aufmerksamkeit zukommt. Wie schrieb es doch 2019 der Filmhistoriker und Journalist Jan Gympel sehr zutreffend: „Obwohl seine TV-Filme und -Serien meist ambitioniert waren und zwei Adolf-Grimme-Preise erhielten, wurde er zu einem Beispiel dafür, wie ein Regisseur und Drehbuchautor auch von der Fachöffentlichkeit immer weniger wahrgenommen wird, wenn er ausschließlich für das Fernsehen arbeitet.“ (Quelle: Wikipedia)

Heimkino:

REGENBOGEN und DRÜCKER sind bereits vor Jahren von „Salzgeber“ und „Pidax“ in Form von DVDs veröffentlicht worden, aber gerade Frießners famoses Debüt ist leider nur noch schwer erhältlich. BABY kann als DVD-R direkt beim Rechteinhaber „Basis-Film Verleih“ geordert werden. Die Bildqualität aller drei Filme kann nach heutigem Maßstab nur noch als „mäßig“ bezeichnet werden. Es wäre an der Zeit, daß nunmehr „remasterte“ Editionen veröffentlicht würden. HASS IM KOPF hat den Sprung ins digitale Zeitalter leider bisher überhaupt nicht geschafft. Auf der allseits bekannten Internet-Videoplattform ist aber ein TV-Rip auf VHS-Niveau einsehbar.

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