Review

Normalerweise zieht der Strom an durchschnittlichen, deutschen TV-Produktionen unbeachtet an mir vorbei, doch manchmal vermag eine kleine Vorschau das Interesse auf einen emotionsgeladenen Beitrag lenken.
So geschehen bei „Unter dem Eis“, welches ein superb gespieltes Drama mit etwas unausgewogener Dramaturgie darstellt.

Im Folgenden geht es darum, dass Grundschüler Tim seine Spielkameradin Luzi mit einer Plastiktüte erstickt hat und Mutter Jenny mit allen Mittel versucht, Tims Tat zu vertuschen, während ihr Mann Michael, seines Zeichens Polizist, der Wahrheit immer ein Stück näher rückt.

Allein die Prämisse, einerseits mit dem Tod eines Kindes konfrontiert zu werden und andererseits, die Schuld des anderen vertuschen zu wollen, bietet auf emotionaler Ebene recht schwer verdaulichen Stoff.
Besonders, weil die Situation hier wie aus dem Leben gegriffen scheint.
Zwei Nachbarsfamilien in einem Berliner Vorort, die eine frisch umgezogen, man feiert eine kleine Nachbarschaftsparty, Vater Polizist leistet kurz vor seiner Beförderung Überstunden, während Sohn Tim nach soviel Trubel nicht schlafen kann.
Lebensnah und glaubhaft wird die einführende Situation geschildert, so dass die kommenden tragischen Ereignisse umso bedrückender erscheinen.

Zwar wirkt die Inspiration für Tims Tat ein wenig konstruiert, da sein Vater Tatortfotos offen herum liegen lässt und sich anschließend mit einer unglücklich gewählten Erklärung herausredet, doch das Verhalten von Mutter und Sohn unmittelbar nach der Tat vermag unter die Haut gehen.
Panisch wird die Kleidung verbrannt, während Mutter Jenny beschwörend auf ihren weinenden Sohn einredet, dass dies die Tat des „bösen Mannes“ gewesen sei und er nach dem Spielen im Wald einfach vorzeitig nach Hause gegangen wäre.
Zunächst arbeitet der Verdrängungsmechanismus erfolgreich, doch die Wahrheit unter dem Eis kommt nach und nach durch Vater und aufmerksame Lehrerin an die Oberfläche, während Tim an dem Geheimnis langsam zu zerbrechen droht.

Was bei alledem ein wenig unausgegoren wirkt, ist die Motivation Tims, sein verstecktes Aggressionspotential, von dem man nie genau erfährt, woher es rührt.
Nachvollziehbar ist aber seine emotionale Entwicklung nach der Tat, er wird frech, rebellisch, ist die meiste Zeit in sich gekehrt und bleibt dennoch Kind, etwa, als er den neuen Hund nach der Verstorbenen benennen will.
Ebenso glaubhaft wird die Enthüllung durch Vater und Lehrerin herbeigeführt, was im Kontext jedoch ein wenig steigernde Dramatik vermissen lässt.
Zu vorhersehbar spitzt sich die Situation zu, wobei man mit dem offenen Ende eine deutliche Stellungnahme schuldig bleibt, - während man besonders unmittelbar nach der Tragödie mit intensiven Emotionen aller Figuren punktet, gestaltet sich der Verlauf schlicht zu seicht, als könne es nur diesen, einzig der Vernunft entsprechenden Weg einschlagen, geht dem Stoff im letzten Drittel ein wenig vom brisanten Potential verloren.
Am Ende steht die größte Aufbereitung noch bevor, denn man traut sich nicht, einen deutlicheren Weg einzuschlagen.

Dennoch bleibt dieses Drama ein positives Beispiel für glänzend gespielte Authentizität.
Adrian Wahlen ist als Tim definitiv talentiert. Zwar wirkt er während banaler Alltäglichkeiten ein wenig unsicher, ist aber unheimlich stark, wenn es um stark emotionale Momente wie Verzweiflung, Leere und Einsamkeit geht.
Gleiches gilt für Bibiana Beglau, die als Mutter Jenny keinen Zweifel aufkommen lässt, es fast wirklich mit einer Person zwischen Selbsttäuschung und Verdrängung zu tun zu haben. Etwas schwächer agiert Dirk Borchardt als Vater und Polizist, dem das Script allerdings auch weniger intensive Momente einräumt.

Am Ende steht jedoch eine kleine Perle des deutschen TV-Films, ein sehenswerter Beitrag unter Tausenden womöglich.
Aufgrund erstklassiger Darsteller ein herausragend gespieltes Drama, eines, das tief bewegt und mitreißt und dank ausbleibendem Kitsch und Pathos eine lebensnahe Situation schafft.
Die Fassade der Normalität zu wahren, kann manchmal sehr bedrücken, was selten so intensiv geschildert wurde wie hier.
8 von 10

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