Bis auf den Skandalfilm CALIGULA, den ebenfalls kontroversen SALON KITTY und einige wenige seiner neueren Erotik-/Sexfilme, sind die meisten Werke von Tinto Brass kaum bekannt. Und das ist – zumindest teilweise – jammerschade!
L’URLO aus dem Jahre 1970 zum Beispiel, gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.
Bereits vor dem Vorspann wird klar, dass L’URLO ein wirklich ungewöhnlicher Film ist. Ein außergewöhnliches Meisterwerk!
Ich werde gar nicht erst versuchen, detailliert auf den Filminhalt einzugehen. L’URLO vereint die verschiedensten Filmgenres: (Anti-)Kriegsfilm, Drama, Erotik-/Sexfilm, Komödie, Mondo, Experimental- und Kunstfilm.
Blasphemie, Kannibalismus, Zoophilie (eine Frau drückt einen Schwan an ihren splitternackten Körper), Tier-Snuff (eine Gans wird geköpft), rohe Dokumentaraufnahmen (zum Beispiel reale Exekutionen), Polizeigewalt usw., ja, in L’URLO sieht man einiges, was längst nicht jedem Zuschauer gefallen wird/würde.
Nackte Frauenkörper mit einem Baum "vereint", eine von ihnen sitzt auf einem Nest – und brütet ein Ei aus. Ein Mann mit Gasmaske tanzt, zahlreiche Gänsefedern wirbeln durch die Luft. Ach, ich könnte problemlos noch zahlreiche Beispiele aufführen. L’URLO bietet enorm viel, was man in keinem anderen Film sehen kann.
Einfach unglaublich!
Wenn Fellini, Jodorowsky, Makavejev, Arrabal, Borowczyk und die Monty Python-Jungs gemeinsam einen Film realisiert hätten, wäre vermutlich etwas dabei herausgekommen wie L’URLO.
Visuell ist der Film eine Wucht (keine Seltenheit bei einem Brass-Film)! Kameraeinstellungen, Schnitte, der ständige Wechsel von Farb- zu Schwarzweissaufnahmen, das dezente Einsetzten von beispielsweise einem roten Farbfilter usw.
Ebenfalls ein kleines Meisterwerk ist der Soundtrack von Fiorenzo Carpi. Wunderschöne Musik wechselt sich mit wirrem Sound und fast schon einer Art (Ska-)Punk, welcher damals in dieser Form noch gar nicht bekannt war, ab. Wahnsinn!
Ich finde es teilweise lächerlich, im Zusammenhang mit was für Filmchen manche Leute einen Ausdruck wie "subversive Kunst" verwenden...
Und es ist so schade, dass ein Label wie etwa "Subversive Cinema" immer wieder einmal unbedeutenden Filmschrott veröffentlicht, ein Werk wie L’URLO jedoch in Vergessenheit bleibt...
Fast alle (bekannten) rebellischen Skandal-Kunstfilme, von Regisseuren wie ich sie in diesem Review bereits genannt habe, erschienen nach diesem genialen Film von Tinto Brass.
Nur ganz wenige andere Filme wie etwa FANDO Y LIS, waren ihrer Zeit noch weiter voraus als L’URLO.
L’URLO ist ein unvergessliches, schlicht atemberaubendes Meisterwerk!
Ein Film dem es – unglaublicherweise – bestens gelingt, Elemente eines aussagekräftigen Anti-Kriegsfilms, eines gewagten Kunstfilms und einer Komödie miteinander zu vereinen.
Selten zuvor habe ich so gerne das Punktemaximum vergeben!