Review

Zwei Filme stechen eindeutig aus dem Gesamtwerk von Tinto Brass heraus. Die Rede ist von "Nerosubianco" (siehe früheres Review) und "L´Urlo", die der italienische Regisseur Ende der 60er Jahre realisierte. Zwischen "Nerosubianco" und "L´Urlo" lassen sich erstaunliche Parallelen ziehen, sowohl visuell als auch kontextuell. Beispielsweise kann man Anti-Kriegs-Tendenzen in beiden Filmen wiederentdecken.

"L´Urlo" ist ein surrealistischer Film, der verrückte, groteske und zum Teil sehr explizite Bilder und Szenen aneinanderreiht. Eine logische Kausalkette konnte ich jedenfalls nicht entdecken; dies könnte jedoch auch auf meine fehlenden Italienisch-Kenntnisse zurückzuführen sein. In "L´Urlo" wird nämlich sehr viel Information durch die Sprache vermittelt. Viele Szenen lassen sich im Gegensatz dazu aber auch spontan dechiffrieren. Wenn ein kleiner Zwerg, mit einem verdächtigen Schnurrbart, schreiende Laute von sich gibt, dürfte wohl jedem die Assoziation einleuchten.

Der wohl größte Unterschied in Bezug auf den "Vorgänger" "Nerosubianco" basiert auf dem weitaus expliziteren Charakter von "L´Urlo". Viele Menschen sind in diesem Film immer wieder splitternackt zu sehen und vollziehen die amoralischsten Taten. So darf man als Zuschauer eine kannibalistische Zeremonie betrachten oder eine (nackte) Frau beim liebkosen eines Schwans "bewundern". In diesem Kontext driftet "L´Urlo" zu keinem Zeitpunkt in geschmacklose Entgleisungen ab und situiert sich somit diametral entgegengesetzt, von reißerischer und "sleaziger" Exploitation-Unterhaltung.

"L´Urlo" möchte als ein gewagtes Experiment wahrgenommen werden, als eine Mixtur, bestehend aus Elementen des gesamten Genre- und Kunstfilm-Spektrums. Somit dürfte wohl die Erkenntnis einleuchten, dass dieser Film nicht für die breite Masse konzipiert wurde. Dennoch kann ich jedem Filmfreund nur wärmstens empfehlen, sich auf die Suche nach "L´Urlo" zu begeben.

Aufgrund seiner Einmaligkeit und seiner fremdartigen Szenen hat mich "L´Urlo" beeindruckt. "Nerosubianco" konnte mich rückblickend jedoch ein ganz klein wenig mehr begeistern. Es liegt wohl an den Tatsachen, dass mein Musikgeschmack in "Nerosubianco" besser getroffen wird als in "L´Urlo" und dass ich die Schnittfolge in "Nerosubianco" teilweise noch schneller, überwältigender und somit einprängsamer finde.
Das sollen an dieser Stelle nur kleine, subjektive Äußerungen meinerseits sein, die eure Einschätzungen nicht trüben dürfen.

Was rede ich hier noch lange? "L´Urlo" ist ein Meisterwerk.

9/10

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