Eine sehr populäre Meinung nicht nur unter Gelegenheitskonsumenten, sondern selbst unter Filmfans lautet: Trash-Filme und Low-Budget-Reißer, darunter vor allem die Gattung der Klassiker-ausbeutenden Rip-Offs, seien pure Zeitverschwendung. Warum sollte man sich schließlich mit der Billig-Anfertigung zufrieden geben, wenn es das Ganze schon in gut gibt? Eine einleuchtende Argumentation gerade aus Sicht derer, die ohnehin nur ein sehr begrenztes Zeit-Budget für Filme übrig haben, speziell für jene, in denen es um Alien-Angriffe geht.
Manchmal kann es aber eine sehr erleuchtende Erfahrung sein, einen Blick auf die dreiste Kopie zu werfen – gerade, wenn man das Original sehr zu schätzen weiß. Richten wir unsere Aufmerksamkeit also auf „Creepozoids“, einen der zahllosen Alien-Abklatsche, wie es sie in der Videotheken-Ära zuhauf gab. Auch für Charles Bands Firma Empire Pictures dürfte es sich hier um einfaches Tagesgeschäft gehandelt haben. Die Erinnerungen der Beteiligten werden sich wohl mit den Jahren in der großen Dunstwolke der Arbeitsroutine verloren haben. Wenig an der Produktion ist in irgendeiner Weise bemerkenswert; gedreht in einer x-beliebigen Lagerhalle mit einem Raum, der mehrmals umdekoriert wird, gefüllt mit schlecht imitierten Special-Forces-Posen, Lagebesprechungs-Dummlall, einer Duschszene und ein paar Gummimonstern, bedient das Endzeit-Flick für den schmalen Geldbeutel gerade so die Grundbedürfnisse seines Zielpublikums. Was jenes angeht, hat es zuvor mindestens zwei Filme von James Cameron gesehen und abgefeiert: „The Terminator“ und „Aliens“.
Der Mensch-Maschine-Krieg steckt zum Auftakt den Rahmen ab. Die Pre-Title-Credits rattern in Digitalschrift über die Impressionen einer Wüstenlandschaft (bei der es sich in Wahrheit vermutlich um ein unbebautes Grundstück in einem schlechten Viertel von Los Angeles handelt) und imitieren dabei sogar das charakteristische Sound Design. Saurer Regen droht sich grummelnd am Horizont an. Eine Texttafel klärt darüber auf, dass wir uns in der Zukunft befinden. The year is 1998. Eine reichlich optimistische Zeitrechnung, wenn man bedenkt, dass sich der postulierte Nuklearkrieg bereits sechs Jahre zuvor ereignet haben soll, also nur fünf Jahre nach Filmentstehung; „Creepozoids“ stammt immerhin aus dem Jahr 1987. Zum Vergleich: Das wäre so, als hätte Asylum mit seiner 2007er-Apokalypse „I Am Omega“ behauptet, die Welt sei im Jahr 2013 untergegangen. Wenn man bedenkt, dass in jenem Jahr „After Earth“ gedreht wurde, stimmt das vielleicht sogar aus Sicht der Science Fiction…
Maschinen sollen aber keine große Rolle in diesem Werk spielen (sieht man mal von einem alten PC-Bildschirm ab, auf dem übrigens ein nettes Easter Egg in Form Roger Cormans zu finden ist). Es ist vielmehr dem Organischen zugeneigt. So übernimmt „Aliens“ die alleinige Patenschaft. Nicht ausschließlich in der Gestaltung der Kreaturen, sondern auch bei der Figurenzeichnung, sobald sich die Schauspieler erstmals als Gruppe vor der Kamera versammeln. Wie sie so dastehen in ihrem Einheitslook aus engen Tank Tops und schluffigen Armeehosen, versuchen sie erst einmal herauszufinden, wie man sich als Profi verhält und wie man den Nebenmann beim Betreten der angemieteten Lagerhalle effektiv absichert. An diesem Punkt notiert man womöglich zum ersten Mal ganz bewusst die perfekten kleinen Details, die im Gegensatz zum hier gebotenen Naturschauspiel in einer A-Klasse-Produktion als Kräfte einwirken: Da wissen die Schauspieler nämlich in aller Regel, wie sie sich bewegen müssen, weil es am Set einen Profi gibt, der ihnen das sagen kann. Hier scheinen die Akteure sich selbst und ihrem begrenzten Vorstellungsvermögen überlassen.
Jene Art von, nennen wir es auf gut Neuenglisch mal „improvisational acting“, wird sich nun durch den kompletten Film und all seine Bausteine ziehen. Sigourney Weaver scheint als Ripley zum Beispiel mächtige Fußstapfen hinterlassen zu haben, sind doch nun mit Ashlyn Gere und Linnea Quigley auch zwei weibliche Einsatzkräfte in der Einheit vertreten; mutmaßlich, weil Fans und Produzenten zwischenzeitlich gelernt haben, dass gemischte Teams die Zukunft des SciFi-Actionkinos sein würden. Es ist eine Konstellation, mit der etwa ein Shane Black über seine gesamte Karriere hinweg Spielchen treiben würde, wann immer er seine Figuren über Virilität definierte; vor allem aber Paul Verhoeven würde den Bedeutungsverlust geschlechtlicher Unterschiede in seiner Kriegs-Satire „Starship Troopers“ noch einmal explizit betonen. Weavers Ellen Ripley gilt heute als Musterbeispiel für starke Frauen im Film und selbst eine schäbige kleine Produktion wie „Creepozoids“ zeigt sich davon in gewisser Weise beeindruckt. Nur dass eben daraus die falschen Schlüsse gezogen werden und Linnea Quigley einmal mehr nackt unter die Dusche gestellt wird. Die Pragmatik, mit der Einflüsse von oben genommen und für das Publikum da unten umgebaut werden, ist entwaffnend.
Vom Creature Design gar nicht erst zu reden. Wo H.R. Gigers „Alien“-Kreatur samt ihres Reproduktionszyklus nicht nur ein beängstigender Zerrspiegel für menschliche Sexualität und Fortpflanzungsdrang ist, sondern auch noch so etwas wie eine eigene biologische Sprache erfindet (die so plausibel ist, wie sie für ein außerirdisches Wesen nur sein kann), so ist das, was „Creepozoids“ im Gegenzug anbietet, eine Puppenkiste voller deformierter Kuriositäten, die allenfalls ein kindliches Verständnis dafür beweisen, was im Design eines Giger verschlüsselt ist. Wer oder was die „Creepozoids“ eigentlich sind, traut man sich gar nicht zu erraten. Offenbar sind sie zumindest von Menschenhand gemacht. Die Labors beschwören den Mad Scientism vom nicht mehr sichtbaren Himmel über der Decke der Lagerhalle, doch die Methodik oder gar die Motivation der verrückten Wissenschaftler bleibt ebenso wie fast alles über die Ursprünge der Apokalypse ein Mysterium, welches zu ergründen jenseits des Budgets lag. In jedem Fall haben die Monster wohl etwas Ansteckendes an sich, was sich bei den befallenen Personen in gelben Augen äußert… und eingefallener Haut… zerschmolzenen Gliedmaßen… zombieesker Raserei mit rudimentärem Artikulationsvermögen. Es gibt Riesenratten und ein gehörntes Ungeheuer in Menschengröße (halb Mensch, halb Hirschkäfer?), das wie der Minotaurus durch das Ein-Raum-Labyrinth jagt und in seiner übergroßen Kopfpartie für das große Finale noch eine animatronische Überraschung bereit hält… über fehlende Abwechslung darf man sich jedenfalls nicht beschweren, aber wehe, man versucht, dieses biologische Rätsel mit Logik zu lösen…
All das lässt nur einen Schluss zu: „Creepozoids“ ist ein effizient auf den Kosten-Nutzen-Faktor abgestimmtes Fabrikat, das sich schamlos der Schlüsselbilder der ersten beiden „Alien“-Filme bedient, um sein genügsames Publikum komplett für dumm zu verkaufen. Es handelt sich um eine Verkettung verheerender Fehlinterpretationen von allem, was die Vorlagen von Ridley Scott und James Cameron als Blaupause für das Science-Fiction-Genre qualifiziert. Die filmische Qualität liegt ebenso wie die Qualität der reflektierten Selbstwahrnehmung (keine Zeit für doppelte Böden) weit unter den gehobeneren Rip-Off-Versuchen der Marke „Mutant – Das Grauen im All“, obgleich David DeCoteau das schmale Budget bis auf den letzten Tropfen ausquetscht. Durch sein konstantes Scheitern hebt er außerdem die Vorzüge derer hervor, bei denen er sich bedient – und ist dank seiner knackigen 72 Minuten Laufzeit auch noch relativ frei von Längen.